Eigene Kryptowährung So könnte das neue Facebook-Geld funktionieren

Facebook will eine eigene Kryptowährung ausgeben. Für das soziale Netz könnte das ein neues Geschäftsmodell sein. Wird der Konzern zu einer Art Zentralbank?

Facebook will eine Kryptowährung einführen
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Facebook will eine Kryptowährung einführen

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Auf Instagram die Sonnenbrille kaufen, die Keanu Reeves trägt, und über WhatsApp schnell das Geld fürs Partybier vom Vorabend überweisen: Was für chinesische Nutzer der WeChat-App auf ihrer Plattform schon lange möglich ist, will jetzt auch Facebook einführen. Aber nicht in der jeweiligen Landeswährung - sondern weltweit mit eigenem Facebook-Geld.

Die Pläne dafür haben sich zuletzt offenbar konkretisiert. Bereits am Dienstag sollen Details veröffentlicht werden. Experten sehen den Internetkonzern schon auf dem Weg zu einer Art neuen Zentralbank: "Wenn Facebook eine Kryptowährung ausgibt, wird der Konzern zu einer Zentralinstanz ähnlich wie eine Fed oder eine EZB", sagt Sven Korschinowski, Digital-Banking-Experte der Beratungsgesellschaft KPMG. Das könnte weitreichende Folgen haben.

Die Kryptowährung soll Berichten zufolge über die Messengerdienste des Unternehmens angeboten werden. Dazu gehören WhatsApp, der Facebook Messenger und Instagram - alle drei haben jeweils mehr als eine Milliarde Nutzer.

Korschinowski geht davon aus, dass Facebook mit seiner riesigen Nutzerbasis Micropayments in konkreten Anwendungsfällen salonfähig machen könnte. "Das schlägt aus dem Stand alle bisherigen Initiativen wie beispielsweise den JPM Coin der Bank JP Morgan", sagt er. "Facebook würde damit eine Bankdienstleistung anbieten, die in der Form noch nicht existiert."

Offenbar schon im kommenden Jahr soll die eigene Kryptowährung starten. Facebook wollte auf Anfrage zu dem Thema keinen Kommentar abgeben. Doch die Fakten und Gerüchte, die bisher durchgesickert sind, machen neugierig. Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Wer leitet das Projekt?

Schon seit Längerem wird spekuliert, dass Facebook an einer eigenen Digitalwährung arbeitet. Der Konzern hat damit Medienberichten zufolge David Marcus betraut, den ehemaligen Chef des Zahlungsdienstleisters PayPal. Der Manager soll bereits seit Mai vergangenen Jahres für die Blockchain-Initiativen des Unternehmens zuständig sein.

Dem Vernehmen nach soll es dabei sehr geheimnisvoll zugehen. So sei das Team von Marcus auf dem Facebook-Campus separat untergebracht und der Zugang zu dem Gebäude nur mit speziellen Schlüsselkarten möglich. Facebook-Chef Mark Zuckerberg selbst warb auf der Entwicklerkonferenz des Unternehmens im April für einfache Zahlungsabwicklungen.


Wie könnte die Währung aufgebaut sein?

Intern werden die Pläne als Projekt Libra bezeichnet. Anfang Mai hat die Facebook-Holding in der Schweiz mit Libra Holdings ein Unternehmen für Finanztechnologie registriert, das sich auf Zahlungsdienste und die Blockchain-Technologie fokussieren soll.

Über eine Blockchain lassen sich Zahlungen nachverfolgen, da jede Transaktion mit einem eigenen Schlüssel in einer langen Kette festgeschrieben wird. Kryptowährungen wie Bitcoin und Ether nutzen diese Technik.

Anders als Bitcoin und Ether soll Facebooks Kryptowährung aber ein sogenannter Stablecoin werden, sie soll also vor starken Kursschwankungen geschützt werden. Dazu werde sie an reguläre Währungen gekoppelt, die von Zentralbanken ausgegeben werden.

Offenbar plant Facebook dabei einen Korb mehrerer Währungen, in Berichten ist unter anderem von Dollar, Euro und japanischem Yen die Rede. Infrage kämen noch das britische Pfund und der Schweizer Franken. Das Volumen zur Deckung soll dabei eine Milliarde Dollar betragen. Facebook sei zur Absicherung in Gesprächen mit Finanzdienstleistern, heißt es in Medienberichten. Die Währung könnte Libra oder Global Coin heißen. Auch der Name Facebook Coin ist im Gespräch.


Wann soll es losgehen?

Nachdem Facebook am Dienstag wohl in einem sogenannten White Paper die Eckpunkte vorstellen wird, könnte die Währung laut dem britischen Sender BBC Anfang kommenden Jahres in einem Dutzend Länder starten. Erste Testläufe soll es demnach noch Ende 2019 geben. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat bereits mit dem Chef der Bank of England, Mark Carney, über die Möglichkeiten und Risiken gesprochen.

In den USA soll Facebook Berichten zufolge außerdem beim Finanzministerium Rat zu operativen und regulatorischen Fragen gesucht haben. Außerdem wollte der Bankenausschuss des US-Senats in einem offenen Brief von Zuckerberg wissen, wie ein solches Netzwerk funktionieren könnte und wie es sich in das regulatorische Umfeld integrieren wird. Dabei ging es auch um Fragen des Datenschutzes.


Wie soll das Ganze funktionieren?

Facebook will die technische Infrastruktur für sein Projekt Libra offenbar nicht selbst aufbauen, sondern die Hilfe von Handelsplattformen in Anspruch nehmen, die Erfahrung mit Kryptowährungen haben. Laut dem Tech-Blog "The Information" hat Facebook dazu bereits zahlreiche Tech-Firmen und Finanzinstitutionen kontaktiert und eine Zusammenarbeit ausgelotet.

Demnach soll die Zahlungsabwicklung über Netzknotenpunkte laufen, die die notwendigen technischen Voraussetzungen bereitstellen. Dem Bericht zufolge hofft Facebook, dass rund hundert dieser Knotenpunkte die reibungslose weltweite Zahlungsabwicklung garantieren werden.

Facebook strebt dabei offenbar ein Lizenzmodell an. Die Betreiber der Knoten sollen jeweils zehn Millionen Dollar zahlen, um einen Libra-Knoten betreiben zu dürfen. Mit dem eingenommenen Geld wolle Facebook den Währungskorb zur Absicherung des Cybergeldes finanzieren.

Die Organisation soll in ein neu zu gründendes unabhängiges Konsortium ausgelagert werden, in dem die Betreiber der Netzknoten Mitspracherechte erhalten sollen. Mit diesem Schritt könnte Facebook strengen Regulierungsvorschriften entgehen. Es könnte auch ein Versuch sein, um Vertrauen zu gewinnen und nach den Datenskandalen der vergangenen Jahre möglichen Befürchtungen über Sicherheitsvorkehrungen und Datenschutz entgegenzutreten.

Laut "Wall Street Journal" haben bereits mehr als ein Dutzend Firmen zugesagt, die neue Währung stützen zu wollen. Darunter befinden sich demnach Visa, Mastercard, PayPal und Uber. Sie würden jeweils zehn Millionen Dollar investieren und dem Konsortium beitreten, heißt es unter Berufung auf Insider.


Was haben die Winklevoss-Zwillinge damit zu tun?

Das wird sich zeigen. Mit den Winklevoss-Zwillingen Cameron und Tyler lieferte sich Firmenchef Zuckerberg einen jahrelangen Rechtsstreit über das geistige Urheberrecht an Facebook. Seit 2014 betreiben sie die Kryptobörse Gemini. Im vergangenen Jahr wurde ihre eigene Kryptowährung, der Gemini-Dollar, von den Regulierungsbehörden genehmigt.

Die enge Zusammenarbeit mit den Behörden und die Erfahrung mit einer Kryptoplattform hat wohl geholfen, alte Gräben zu überwinden: Facebook hat laut "Financial Times" mit Gemini über eine mögliche Zusammenarbeit gesprochen. Auch mit dem Wettbewerber Coinbase gab es demnach Gespräche.


Wer kann die Kryptowährung nutzen?

Mehreren Berichten zufolge soll die Währung sich zunächst vor allem an Nutzer in Entwicklungsländern richten. Sie wäre überall dort hilfreich, wo Instabilität und Korruption den Zahlungsverkehr belasten. "Facebook könnte die Quasi-Funktion einer Zentralbank übernehmen und somit Währungsstabilität in ihrer Global Coin schaffen", sagt Experte Korschinowski.

Dafür spricht auch, dass das soziale Netzwerk offenbar Geldautomaten plant, an denen das Facebook-Geld in jeweilige Landeswährung umgetauscht werden kann. Auch in Kiosken sollen Nutzer Geld tauschen können.

Wenn die Testläufe erfolgreich verlaufen, dürfte die Kryptowährung wohl weltweit für alle Messenger-Nutzer freigeschaltet werden. Sie könnte für Überweisungen unter Freunden genutzt werden oder für Micropayments im digitalen Handel.

Facebook versucht offenbar bereits, Onlinehändler zu überzeugen, die Währung zu akzeptieren. Dabei lockt der Konzern mit der Aussicht auf geringere Transaktionsgebühren, als sie beispielsweise Kreditkartenanbieter oder Bezahldienste wie PayPal verlangen.

Der grenzüberschreitende Handel in Ländern ohne einheitliche Währung würde durch eine weltweit akzeptierte Kryptowährung wesentlich erleichtert.


Was hat Facebook davon?

Facebook hatte zuletzt mit einem stagnierenden Nutzerwachstum zu kämpfen. Deshalb sieht sich das Unternehmen nach neuen Erlösquellen um. Die Ausgabe einer eigenen Währung könnte neue Geschäftsfelder eröffnen.

Zudem könnte Facebook Zugriff auf wertvolle Transaktionsdaten erhalten. Die Kombination aus Nutzerdaten, die aus den Messengerdiensten generiert werden, und Daten aus finanziellen Geschäften würde dem sozialen Netzwerk noch größere Macht in der Vermarktung geben.

"Für Facebook eröffnet sich ein komplett neues Geschäftsfeld", sagt Korschinowski. Ein Analyst der britischen Bank Barclays sieht für 2021 das Potenzial, bis zu 19 Milliarden Dollar an zusätzlichem Umsatz zu erzielen. Im vergangenen Jahr verbuchte Facebook einen Umsatz von 55,8 Milliarden Dollar.

Das White Paper dürfte noch mehr Hinweise darauf geben, welche Erwartungen Facebook an seine Kryptowährung knüpft - und wie weit fortgeschritten das Projekt ist. Kritiker warnen bereits vor der enormen Machtfülle, die dem skandalerprobten Konzern dadurch erwächst.

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insgesamt 15 Beiträge
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mopsfidel 17.06.2019
1. Sinn und Unsinn des Ganzen?
Facebook könnte ganz einfach Micropayments in US-Dollar anbieten. Von Konto A auf Konto B. Wer keine US-Dollar hat, zahlt per Wechselkurs in Landeswährung. Man soll aber wohl eine Art Krypto-Konto bei Facebook erhalten, sprich Facebook sammelt reales Geld und wandelt es in Krypto um. Der Konzern lebt damit vom Guthaben seiner Nutzer. ## Facebook hätte sein Geldsystem auch einfach "blaue Taler" nennen können. Mit festgelegten Wechselkursen. Das wirkt aber zum einen nicht hipp, zum anderen vermeintlich unsicherer als "Krypto-Irgendwas".
Jörg-Detlef 17.06.2019
2. Eine Art Aktie als Zahlungsmittel
So wie sich die Pläne hier darstellen, wird eine Art Währungsfonds geschaffen, also eigentlich nicht viel mehr als eine Aktie, die als Zahlungsmittel verwendet wird. Man könnte genauso eine VW-Aktie zu einem internationalen Zahlungsmittel erklären und den Zahlungsverkehr mit modernen digitalen Mitteln gestalten, um das Ganze eine Krypto-Währung nennen zu können. Der einzige Unterschied zwischen der geplanten Währung und einem Wertpapier, welcher Art auch immer, ist die geringere Volatilität des Erstgenannten. Für einen deutschen Normalbürger dürften sich die Vorteile des Erwerbs und der Verwendung dieses Geldes in Grenzen halten, es sei denn, die Teilnahme an diesem Verfahren muss nicht der BaFin gemeldet werden, wie bekanntlich ein jedes Bankkonto.
fortinbrass 17.06.2019
3. Von Fake News zu Fake Money
Mit Bitcoin und Ether kaufen und verkaufen ist bereits jetzt möglich. Auch gibt es für den Erwerb von Kryptowährungen genug zuverlässige Online-Plattformen. Dafür brauche ich nicht den Zuckerberg und seine Datensauger.
happysad 17.06.2019
4. Daten
Soweit ich es im Kopf habe, müssen Banken zahlreiche Daten über Ihre Kunden jahrelang aufbewahren, wohingegen Social-Media-Plattformen dem Kunden die Möglichkeit geben müssen, selbst über Umfang der Speicherung und Verwendung seiner Daten zu bestimmen. Insofern könnte sich hier für FB eine Möglichkeit bieten, über den Umweg eines Coins völlig legal Nutzerdaten jahrelang zu speichern
PeterCollignon 17.06.2019
5. Bretton-Woods war noch seriös und Gold basiert.
Danach kam das Spielcasino, das virtuelles Geld vorspiegelt. Die Kryptowährungen sind nur eine weitere Perversion der Scheinwirtschaft ohne Gegenwert. Null Werte kaufen Null Werte, die mit Null Werten bezahlt werden.
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