Fall Cambridge Analytica Vertrauenskrise für Facebook? Nicht bei Analysten

Die Facebook-Aktie bricht ein. Steht jetzt der Niedergang des sozialen Netzwerks bevor? Marktbeobachter sind anderer Meinung.
Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

Foto: imago/ ZUMA Press

Seit dem Wochenende wird Facebook nach neuen Berichten über Datenmissbrauch durch die Analysefirma Cambridge Analytica erschüttert. Von Gründer Mark Zuckerberg und seiner Geschäftsführerin Sheryl Sandberg ist seit Tagen nichts zu hören und zu sehen. Laut "Daily Beast" waren die beiden offenbar auch auf einem firmeninternen Termin abwesend , bei dem die Mitarbeiter am Dienstag über die Auswirkungen des Skandals diskutieren sollten.

Dabei steckt das Unternehmen in einer schweren Krise, seitdem bekannt wurde, dass die britische Analysefirma Cambridge Analytica Zugriff auf die Daten von bis zu 50 Millionen Facebook-Nutzern gehabt haben und damit den US-Wahlkampf beeinflusst haben soll.

In der Nacht zu Mittwoch reichten Aktionäre bei einem Bundesgericht in San Francisco Klage ein. Sie werfen Facebook Irreführung hinsichtlich der Fähigkeiten beim Schutz von Nutzerdaten vor.

Facebook-Aktie stürzt ab

Seit Wochenbeginn verloren die Aktien des Konzerns etwa zwölf Prozent. Der Börsenwert schrumpfte um gut 62 Milliarden Dollar. Das entspricht in etwa der gesamten Marktkapitalisierung von BMW.

Dennoch wird Facebook zumindest mittelfristig keinen allzu großen Schaden erleiden. Davon sind Analysten überzeugt. Sie sehen den aktuellen Kursrutsch sogar als günstige Gelegenheit für Anleger, um einzusteigen. Im frühen Handel an der Wall Street ging der Kurs des Unternehmens bereits wieder nach oben, aber bröckelte danach leicht wieder ab.

So empfehlen die Investmentbanken UBS und Morgan Stanley die Aktie weiterhin zum Kauf. Facebook ergreife proaktive Maßnahmen und wolle Datenschutzbedenken durch eine Anpassung des Geschäftsmodells begegnen, heißt es bei der UBS.

Morgan Stanley sieht trotz des aktuellen Skandals ebenfalls keine fundamentalen Risiken für Umsatz und Gewinn und bestätigt seine Prognosen für 2018 und 2019. Allerdings steige das Risiko, dass Nutzer abspringen könnten und letztendlich auch Werbetreibende.

Wertvoller Datenschatz

Auch andere Analysten halten die Gefahr eines Niedergangs für Facebook für gering. Zwar drohe eine stärkere Regulierung des sozialen Netzwerks. Zusätzlich bestehe das Risiko, dass Werbetreibende sich künftig mehr Gedanken machten, wie sie die Daten des Unternehmens nutzen würden, sagte ein Analyst zu Bloomberg . Doch es sei nicht wahrscheinlich, dass sie sich von dem sozialen Netzwerk abwenden.

Denn der Datenschatz des Unternehmens ist zu wertvoll für Werbekunden. Der Konzern konnte seinen Gewinn vergangenes Jahr um mehr als die Hälfte auf knapp 16 Milliarden Dollar steigern. Davon wurden 98,5 Prozent durch Werbeeinnahmen erzielt. Die Möglichkeit, unter den mehr als zwei Milliarden weltweit aktiven Nutzern gezielt Kunden anzusprechen, macht Facebook so attraktiv.

Zwar wenden sich jüngere Nutzer zunehmend vom Netzwerk ab, doch die Expansion in Asien bringt dem Unternehmen neue Kunden. Zudem werden der zum Konzern gehörende Messaging-Dienst WhatsApp sowie die Foto-Plattform Instagram auch bei der jüngeren Zielgruppe stark genutzt.

Eine größere Gefahr droht dem Unternehmen durch staatliche Regulierung und eine Vertrauenskrise der Nutzer. Die US-Handelsaufsichtsbehörde FTC hat einem Bericht der "Washington Post" zufolge eine offizielle Untersuchung eingeleitet. Europäische und US-Abgeordnete fordern eine Erklärung, wie Cambridge Analytica 2014 an die Daten gelangen konnte und warum Facebook seine Nutzer nicht darüber informierte. In den USA und Großbritannien leiteten die Behörden Untersuchungen ein.

Dass sich die Unternehmensführung bisher nicht zu Wort gemeldet hat, verschlimmert nach Ansicht von Beobachtern die Krise des Unternehmens. Der Risikokapitalgeber Roger McNamee sieht eine schwerwiegende Vertrauenskrise auf Facebook zukommen. "Sie haben nicht einmal den ersten Schritt gemacht zuzugeben, dass es ein Problem gibt", sagte er dem Sender "CNN". "Wenn sie nicht bald etwas unternehmen, werden die Leute merken, dass sie nicht mehr Facebook können", sagte er. Das könne die Plattform "dauerhaft bedrohen".

Video zum Datenskandal bei Facebook: Mehr als 50 Millionen Profile betroffen

SPIEGEL ONLINE

Bisher hat Facebook sich nur in Blogeinträgen offiziell zu Wort gemeldet und sieht sich demnach als Opfer der Affäre: "Das gesamte Unternehmen ist entsetzt darüber, dass wir hintergangen wurden", heißt es in der Mitteilung. Zuckerberg und alle Verantwortlichen seien sich des Ernstes der Lage bewusst. Facebook werde alles tun, um seine Richtlinien durchzusetzen und die Informationen der Nutzer zu schützen. In einem ersten Schritt soll ein Team von Experten sicherstellen, dass die zur Verfügung gestellten Daten bei Cambridge Analytica gelöscht wurden.

Facebook hat bisher auf Probleme immer nur zögerlich reagiert. Zuckerberg bezweifelte beispielsweise, dass das Unternehmen den Wahlsieg von Donald Trump 2017 begünstigt haben könnte. Er nannte das eine "verrückte Idee". Erst später räumte er eine Verantwortung des sozialen Netzwerks ein. Auch den Einfluss von russischen Anzeigen auf den Präsidentschaftswahlkampf gab das Unternehmen nur in kleinen Schritten zu.

Dass Zuckerberg und Sandberg zunächst abgetaucht sind, passt also zur bisherigen Kommunikationspolitik des Unternehmens. Laut Bloomberg wollen die beiden so lange schweigen, bis Facebook eine interne Untersuchung des Falls abgeschlossen hat, heißt es unter Berufung auf einen Insider .

Zuletzt hieß es auf der Website Axios, Zuckerberg wolle sich innerhalb von 24 Stunden doch zu der Situation äußern . Dann muss er vor allem eines versuchen: das Vertrauen in sein Unternehmen wiederherzustellen - und nicht nur Analysten zu überzeugen.

Zusammengefasst: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und Geschäftsführerin Sheryl Sandberg haben sich bisher nicht zu dem PR-Desaster um die Datenanalysefirma Cambridge Analytica geäußert. Dahinter steckt offenbar System - und langfristig schaden dürfte es dem Konzern nach Meinung von Analysten auch nicht.

Mit Material von dpa und Reuters