Finanzexperte Schick "Eine Facebook-Währung würde bisherige Zahlungswege verdrängen"

Facebook will eine eigene Währung einführen - und stößt damit auf große Bedenken. Der Konzern könnte seine marktbeherrschende Stellung bei sozialen Medien auf die Finanzwelt ausdehnen, fürchtet Finanzexperte Gerhard Schick.

Finanzexperten fordern eine Regulierung von Facebooks Digitalwährung
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Finanzexperten fordern eine Regulierung von Facebooks Digitalwährung

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Überweisungen per WhatsApp oder Messenger: Für viele Nutzer mag es praktisch klingen, dass Facebook eine eigene Digitalwährung einführen will. Doch bei Finanzexperten stoßen die Pläne auf harsche Kritik. Neben Notenbankern warnt auch der Vorstand und Mitgründer der Bürgerbewegung Finanzwende, Gerhard Schick, vor den möglichen Konsequenzen.

Eine eigene Kryptowährung des Konzerns "könnte sehr, sehr weitreichende Folgen haben. Denn die Dominanz von Facebook würde sich in eine enorme Dominanz am Finanzmarkt ausweiten", sagte Schick dem SPIEGEL. Das sei wegen der Macht gegenüber den Verbrauchern und Bürgern problematisch, aber auch weil dann ein IT-Konzern möglicherweise systemisch relevant werde für den Finanzmarkt. "Also too big to fail, wie wir es von Banken kennen und eigentlich überwinden wollen, gäbe es dann auch in Bezug auf Facebook."

Facebook hatte am Dienstag seine Pläne veröffentlicht, im kommenden Jahr eine eigene Digitalwährung mit dem Namen Libra einzuführen und damit in den weltweiten Zahlungsverkehr einzusteigen. Die auf der Blockchain-Technik basierende Währung soll weniger schwankungsanfällig sein als Bitcoin und andere, weil Libra an einen Währungskorb gekoppelt werden soll. Ein neues Konsortium soll die Zahlungsabwicklung kontrollieren und damit die Unabhängigkeit von Facebook garantieren.

Auch Notenbanker fordern Regulierung

Schick warnt nun davor, dass Staat und Gesellschaft in einer Krise erpressbar würden, "so wie wir das bei den Großbanken 2008/2009 erlebt haben". Deshalb fordert der ehemalige Finanzexperte der Grünen eine Regulierung von Facebook. "Meines Erachtens wird hier eine marktbeherrschende Stellung von Facebook im Bereich Social Media genutzt, um Marktmacht in einem anderen Bereich, nämlich Zahlungen zu erreichen. Da müssten die Wettbewerbsbehörden einschreiten."

Finanzexperte Schick: "Den Datenschutz-Versprechungen ist nicht zu trauen"
Bürgerbewegung Finanzwende e.V.

Finanzexperte Schick: "Den Datenschutz-Versprechungen ist nicht zu trauen"

Schick ist mit seiner Kritik an der geplanten Facebook-Währung nicht allein. Auch der Chef der Bank of England, Mark Carney, regte an, dass alle großen Zentralbanken und Aufseher das Projekt von Facebook kontrollieren müssten. "Es muss sicher sein, oder es wird nicht passieren", sagte Carney in einem BBC-Interview.

Auch die Bundesbank zeigt sich kritisch: "Wir sollten verhindern, dass im Geldsystem der Wilde Westen zurückkehrt", hatte Vorstandsmitglied Joachim Wuermeling der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gesagt. Solche Plattformen dürften nicht zu einem neuen "Marktplatz werden, um Geldwäsche oder Terrorismusfinanzierung zu tätigen", sagte Wuermeling. Zuvor hatten bereits Politiker Kritik geübt.

Auch Schick sieht in der neuen Währung ein mögliches Instrument zur Steuerhinterziehung: "Solange sich Freunde über Facebook leichter die Ausgaben für ein gemeinsames Geburtstagsgeschenk teilen können oder Menschen leichter Überweisungen an ihre Verwandten oder Freunde im Ausland leisten können, ist das alles kein Problem", sagte er. "Aber natürlich erleichtern anonyme Zahlungsmöglichkeiten auch, dass man Dienstleister ohne Blick des Fiskus fast weltweit entlohnen kann."

Schick rechnet damit, dass sich eine eigene Kryptowährung von Facebook aufgrund der hohen Nutzerzahl von Facebooks Messengerdiensten schnell verbreiten könnte. "Wir können davon ausgehen, dass eine Facebook-Währung sehr schnell sehr populär würde und bisherige Zahlungswege verdrängen würde", sagte er.

Dabei warnte Schick auch vor möglichen Konsequenzen für die Nutzer: "Die Vergangenheit von Facebook lässt mich befürchten, dass den Datenschutz-Versprechungen von Facebook nicht zu trauen ist", sagte er. Ihn sorge deshalb, dass die finanziellen Transaktionen irgendwann genauso systematisch ausgewertet würden wie andere Daten auch. "Auch wenn Facebook das heute verneint." Dann werde die Überwachungsmöglichkeit von Facebook noch größer, als sie heute bereits sei. "Das muss unbedingt verhindert werden."

insgesamt 164 Beiträge
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Seite 1
tadel 25.06.2019
1.
Und wie will man das konkret verhindern? Es gibt genügend Länder auf der Welt, da wäre die Option die Facebook künftig anbietet eine massive Verbesserung gegenüber dem Ist-Zustand. Nimmt sich Europa aus, wird der Währungskorb nur mit Dollar gefüllt sein und die Macht der US-Regierung noch weiter reichen als ohnehin schon. Ich weiß auch nicht, warum ständig auf dem Datenschutz herumgetanzt wird. Es sollte allmählich klar sein, dass dieser der Mehrzahl vollkommen gleichgültig ist. Außerdem wurde doch der Datenschutz mit der DSGVO, auch mit Hilfe der Grünen, gerade doch so überaus revolutionär umgekrempelt! Libra ist ein Problem vor allem für Banken, die zwar ständig von den Chancen der Blockchain geredet, aber am Ende doch wieder keine Innovation zustande gebracht haben.
hajomango 25.06.2019
2. Wieso?
"Das muß unbedingt verhindert werden", heißt es im letzten Satz. Wieso? Wenn ich über meine Bank überweise, weiß die Bank alles, wenn ich Google Pay nehme, weiß Google alles, wenn ich Samsung Pay nehme, weiß eben Samsung alles. Was ist da bei Facebook anders? Ich denke, das System wird zu Recht erfolgreich sein und es ist mir egal was Facebook weiß.
TimBimmler 25.06.2019
3. Die Deutschen lieben Bargeld und mit nem Handy bezahlen ist unsicher
Nach wie vor gilt "Bargeld lacht". Bargeld existiert meist für den Fiskus nicht. Die Deutschen gehören zu den wenigen Völkern, die noch gern und viel bar bezahlen. Darüber hinaus sehe viele (wie auch ich) das Bezahlen mit dem Handy als problematisch. Man kann die stehlen, man kann die hacken, man kann Überwachungsapps drauf schleusen. Es wird also zumindest in Detuschland noch eine gaaaanze Weile dauern, bis sowas eventuell Hauptzahlungsmittel wird. Darüber hinaus ist es ja ähnlich wie bei Paypal und Co. dem Staat und klassischen Banken ein Dorn im Auge: Die Transaktionsgebühren gehen an die Firmen in den USA (siehe Paypal) oder nach Irland oder beides. Wenn es soweit ist, dass unser Zahlungsverkehr hauptsächlich über Firmen aus den USA abgewickelt wird, dann müsste die EU endlich mal in die Pötte kommen von wegen "online Steuer", eigenen Services oder ähnlichem. Sonst ist der Kuchen mal wieder verteilt, bevor Deutschland/EU überhaupt in den Startlöchern sind (siehe Google, siehe Amazon, siehe Apple).
mori1982 25.06.2019
4. Kritik ist angebracht
Der Datenschutz und die Datenverwertung ist der eine kritische Punkt. Ich möchte auch daran erinnern, wie im Zuge der US-Wahlen skizziert wurde, wie Facebook-Accounts gehijackt/gehackt wurden. Und damals ging es nur darum, Informationen über diese Accounts zu verbreiten. Mit Kryptowährung ergeben sich da ganz andere Möglichkeiten. Hinzu kommen, die Mängel die auch andere Kryptowährungen haben. Ich weiss nicht, ob es dann bei Facebook auch Tan-Verfahren geben wird, aber wenn nicht, sagt das schon einiges über die Sicherheit aus.
marcanton80 25.06.2019
5. Überschrift
Also vorweg ich halte da auch nicht viel von das ausgerechnet Facebook das macht aber das die Herren Banker ihre alleinige Macht schwinden sehen aus dem nichts Geld zu schaffen beunruhigt mich jetzt eher weniger .Die Aussage von dem Engländer ist am besten "Wir wollen keinen wilden Westen "lol was haben wir die letzten Jahrzehnte denn gehabt im Finanzsektor....die glauben auch wir haben schon wieder alles vergessen
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