Soziales Netzwerk Facebook zieht in den Messenger-Krieg

Die sozialen Netzwerke von Facebook sind die Hauptbeschäftigung vieler Menschen. Doch der Zuckerberg-Konzern kämpft mit Google, Apple und Snapchat um das Internet der Zukunft.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg
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Facebook-Chef Mark Zuckerberg


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Wenn du mich suchst, ich bin auf Facebook. 50 Minuten verbringen Nutzer im Durchschnitt täglich in den sozialen Netzwerken des Facebook-Konzerns: Auf Instagram, im Messenger und auf Facebook Chart zeigen selbst. WhatsApp mit seiner eine Milliarde Nutzer ist da noch nicht mal reingerechnet - obwohl es ebenfalls zum Konzern gehört.

Die knappe Stunde pro Tag für Mark ist wohl die spannendste Zahl, die Unternehmenschef Zuckerberg bei der Präsentation des Quartalszahlen verkündete. US-Amerikaner verbringen in den drei Freundesnetzwerken bereits mehr Zeit als mit persönlichen Treffen mit Freunden oder damit, auf Veranstaltungen zu gehen (44 Minuten). Deutsche hatten 2012 noch 66 Minuten für Begegnungen mit Freunden übrig - Tendenz sinkend.

Zuckerbergs Strategie geht auf: Er will viele Menschen möglichst lange auf Facebooks Plattformen versammeln und die Plattformen dann nach und nach kommerzialisieren: Auf Instagram zeigt der Konzern seit vergangenem Oktober Werbung, laut einem Bericht des Insiderdienstes "The Information" ist als nächstes WhatsApp dran: Noch in diesem Jahr sollen Unternehmen Nachrichten an Nutzer schicken können. Fluggesellschaften könnten so über Verspätungen informieren oder Tickets verschicken.

Das neue WhatsApp-Feature wäre nur die letzte Volte in einem Kampf, der im Silicon Valley als "Messenger Wars" bezeichnet wird. Die Metapher ist kaum zu martialisch gewählt: Die Kommunikations-App, die ihre Nutzer bei Laune halten kann, wird künftig zur Goldgrube. Wer dagegen Nutzer verliert, geht schnell unter - warum soll man eine Chat-App runterladen, die niemand sonst nutzt?

In den Krieg der Messenger zieht Facebook als Weltmacht. Was hat der Zuckerberg-Konzern vor? Und was setzt die Konkurrenz dem entgegen?

Facebook will sein eigenes Internet schaffen

Die WhatsApp-Profile für Unternehmen wirken auf den ersten Blick wie der Versuch, die 19-Milliarden-Akquisition des Start-ups langsam wieder reinzuholen. Mark Zuckerberg denkt aber wohl weiter. Wenn Lufthansa oder die Deutsche Bank via WhatsApp all ihre Kunden erreichen, können sie sich die eigene App womöglich sparen.

Noch weiter gehen die Pläne des 31-jährigen Konzernchefs für den Messenger. Unternehmen sollen dort Bots entwickeln, die Kundenwünsche verstehen und erfüllen können. "Wir werden künstliche Intelligenz entwickeln, die hilft, automatische Antworten zu geben", sagt Zuckerberg.

Sein Beispiel bei der Entwicklerkonferenz F8: Ein Kunde schreibt dem Bot, wann er wo welchen Blumenstrauß braucht, der Bot filtert die nötigen Informationen aus der Nachricht und bestellt die Blumen. Spezialisierte Plattformen wie Lieferheld oder Zalando werden im Extremfall überflüssig. Uber-Fahrzeuge kann man in den USA schon heute per Messenger ordern. Irgendwann, so das Ziel, muss man die App gar nicht mehr verlassen - sie ersetzt quasi das Internet.

 Vorstellung von Facebooks Messenger-Strategie auf F8
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Vorstellung von Facebooks Messenger-Strategie auf F8

Es geht aber um noch mehr: Die Bots sind auch ein Angriff auf die App-Stores und die Internetsuche - sie zielen damit auf Apples, vor allem aber Googles Herz. Wer einen Flug nach New York sucht, tippt bislang entweder "Flug nach New York" ins Suchfenster oder lädt sich eine Buchungs-App aufs Handy.

An beidem verdient bislang Google Chart zeigen - doch statt Werbeplätze rund um Suchergebnisse zu kaufen, könnten Unternehmen Facebook künftig für eine prominente Platzierung im Messenger bezahlen.

Google setzt dem Now entgegen, seinen digitalen Assistenten auf Android-Geräten. Apple Chart zeigen versucht mit Siri das Gleiche. Auch die Assistenten sollen aus oft unpräziser menschlicher Sprache Wünsche herausfiltern und für ihren Gebieter einkaufen können. Wie die Messenger-Bots sind auch sie von menschlicher Intelligenz aktuell noch weit entfernt. Klar ist aber: Wer die schnellsten Fortschritte macht, hat ein starkes Verkaufsargument.

Einen Vorteil haben Apple und Google dabei: Ein eigenes Telefon hat Facebook nie entwickelt, seine Apps laufen auf iOS und Android. Zuckerbergs Basis für den Eroberungsfeldzug liegt also im Feindesland.

Facebook will alberner werden

Snapchat hätte wunderbar in Facebooks Strategie gepasst, doch Evan Spiegel, der Erfinder der Foto-Messaging-App, lehnte Zuckerbergs Drei-Milliarden-Angebot Ende 2013 ab.

Seitdem versucht Facebook Snapchat in dessen Zielgruppe 30 minus das Wasser abzugraben. Die Jugendlichen lieben zwar auch Instagram, doch Snapchats verschwindende Fotos und Videos bleiben der Favorit vieler Schüler und Studenten. Auf Facebook dagegen teilen gerade junge Menschen immer seltener persönliche Beiträge.

Facebook-App MSQRD: Portrait of The Artist as a Young Dog

Facebook-App MSQRD: Portrait of The Artist as a Young Dog

Nun bläst der Konzern zum Frontalangriff: Laut "Wall Street Journal" plant Facebook eine eigene App, mit der man Fotos und Livestreams mit Freunden teilen kann. Dort könnte auch MSQRD integriert werden, das Facebook kürzlich übernommen hat. Die App erkennt Gesichter und setzt ihnen digitale Masken auf, die dank Face-Tracking sogar mitblinzeln oder -lachen. Snapchat hat ein ähnliches Feature bereits in seine App integriert.

Wer das als Albernheit abtut, hat die junge Generation nicht verstanden. Eine Chat-App muss Spaß machen, um bei Unter-30-Jährigen anzukommen. Kein Wunder also, dass Snapchat für das Emoji-Start-up Bitstrips im März 100 Millionen Dollar ausgegeben hat. Die lustigen Tiersticker fügen sich zwischen regenbogenkotzenden Menschen und wie mit Fingerfarben gemalten Bildern ideal in die Snapchat-Ästhetik ein.

Um damit zu konkurrieren, braucht Facebook tatsächlich eine eigene App. WhatsApp setzt auf simples Design, Instagram ist zu schön und glatt, um an Snapchats fröhliches Chaos heranzureichen.

Sticker von Bitstrips in der Snapchat-App

Sticker von Bitstrips in der Snapchat-App

Allerdings ist es nicht Facebooks erster Versuch, einen Snapchat-Konkurrenten aufzubauen: Die 2014 veröffentlichte App Slingshot, die auf verschwindende Foto-Nachrichten setzte, wurde bald wieder eingestellt.

Wer gewinnt den Krieg?

So mächtig Facebooks Bastion im Messenger-Krieg scheint - an jeder Front warten starke Konkurrenten mit eigenen Vorteilen. Google und Apple mit ihrer Kontrolle über die Betriebssysteme, Snapchat mit der Nähe zur jungen Zielgruppe und dem Fokus auf eine einzige App.

Vielleicht überleben aber auch alle den Krieg. Die Zeiten, in denen Menschen StudiVZ verließen, wenn sie sich auf Facebook anmelden, scheinen vorbei. Für eine Handvoll Messaging-Apps ist auf jedem Homescreen Platz, solange sie unterschiedliche Nutzergruppen ansprechen. Begrenzender Faktor scheint eher die Zeit, die Menschen vor ihrem Smartphone verbringen wollen.

Aber noch sind da ja 66 Minuten Freizeit, die Facebook erobern kann.

Zusammengefasst: Mit WhatsApp, Messenger und Instagram kontrolliert Facebook einige der wichtigsten Messenger der Welt. Künftig werden die Kommunikations-Apps noch wichtiger: Durch Bots, die über künstliche Intelligenz verfügen, soll Messenger zur Verkaufsplattform werden und der Google-Suche Konkurrenz machen. Mit einer Foto-App für junge Menschen will Facebook Snapchat Nutzer abjagen. Aber die Konkurrenz hat im "Krieg der Messenger" auch Vorteile.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
deeperman 29.04.2016
1. Lufthansa? Geht ja gar nicht!
Lufthansa nutzt bislang sms, um ihre Kunden über Flug-Änderungen zu informieren, und kann das auch gar nicht ändern. Das hat einen ganz einfachen Grund, der dem Autor eigentlich auch hätte auffallen können: Die Nachrichten müssen die Passagiere schnell erreichen, unabhängig davon, in welcher Ecke der Welt sie gerade stecken, und ob sie gerade online sind - was im Ausland ja nicht immer der Fall ist. Messenger, ob Whatsapp oder welche auch immer, kommen deshalb genauso wenig in Frage wie E-Mails.
Rubyconacer 29.04.2016
2. Sonne, Luft
Lieber mit echten Freunden treffen und die Scheu verlieren. Respekt im Umgang mit Menschen lernen. Auge-Hand-Koordination lernen, Fett abbauen, Spaß haben, gesund bleiben. Wer das nicht versteht, der lebt nicht.
MiniDragon 29.04.2016
3. Face-Booken ?
Die Anfragen der deutschen Behörden nach bei Facebook verfügbaren Nutzerdaten haben zuletzt stark zugenommen. Im zweiten Halbjahr 2015 gingen 3140 Anfragen dieser Art ein, die 3628 Facebook-Konten betrafen, wie aus einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht des US-Unternehmens hervorgeht. Das entspricht einem Zuwachs von etwa einem Drittel im Vergleich zum ersten Halbjahr 2015. In den ersten ersten sechs Monaten hatte Facebook noch 2344 Anfragen dieser Art von den deutschen Behörden erhalten.
DerVO 29.04.2016
4.
Zitat von deepermanLufthansa nutzt bislang sms, um ihre Kunden über Flug-Änderungen zu informieren, und kann das auch gar nicht ändern. Das hat einen ganz einfachen Grund, der dem Autor eigentlich auch hätte auffallen können: Die Nachrichten müssen die Passagiere schnell erreichen, unabhängig davon, in welcher Ecke der Welt sie gerade stecken, und ob sie gerade online sind - was im Ausland ja nicht immer der Fall ist. Messenger, ob Whatsapp oder welche auch immer, kommen deshalb genauso wenig in Frage wie E-Mails.
So schlagend ist ihr Argument nun nicht. Die SMS ist ein technischer Anachronismus und spürbar auf dem Rückzug. Und es ist auch schon lange nicht mehr so, dass man im Ausland idR nicht online ist ... während der Empfang einer SMS im Ausland häufig noch Geld kostet.
floydpink 29.04.2016
5. (°!°)
Zitat von DerVOSo schlagend ist ihr Argument nun nicht. Die SMS ist ein technischer Anachronismus und spürbar auf dem Rückzug. Und es ist auch schon lange nicht mehr so, dass man im Ausland idR nicht online ist ... während der Empfang einer SMS im Ausland häufig noch Geld kostet.
Es gibt aber auch Leute, die sind sogar in Deutschland kaum online. Ich z.B. habe keinen Datentarif und bin nur im heimischen WLAN mit dem Smartphone online. Ich brauche unterwegs kein Internet.
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