Neue Fed-Chefin Janet Yellen Die mächtigste Frau der Weltwirtschaft

US-Präsident Obama hat Janet Yellen als neue Fed-Chefin nominiert. Damit leitet erstmals eine Frau die mächtigste Notenbank der Welt. Die 67-Jährige will mehr Transparenz schaffen - und kann komplexe Finanzprobleme bereits am heimischen Frühstückstisch besprechen.

AP

Von , New York


Es war Liebe auf den ersten Blick. "Wir mochten uns sofort", erinnert sich Wirtschafts-Nobelpreisträger George Akerlof an den Moment, da er Janet Yellen kennenlernte. 1977 war das, beide jobbten als junge Volkswirte bei der US-Notenbank. Ein halbes Jahr später heirateten sie: "Nicht nur unsere Persönlichkeiten passten perfekt, auch bei der Makroökonomie waren wir uns einig."

So romantisch können Nerds sein. Die Liebeserklärung an Yellen schrieb der heutige Berkeley-Professor 2001 nieder, in einer Vita anlässlich des Nobelpreises, den er für seine Finanzmarktforschung bekam. Im Prinzip war das aber auch eine gemeinsame Ehre: Jahrzehntelang verfasste das schlaue Paar Bücher und viele Studien im Tandem.

Jetzt tritt Janet Yellen alleine ins Rampenlicht. Nach Jahrzehnten als stille Ökonomin wechselt sie auf den wohl exponiertesten Posten der Finanzwelt: Voraussichtlich an diesem Mittwoch wird US-Präsident Barack Obama die 67-Jährige an die Spitze der Federal Reserve berufen - als erste Frau in der Geschichte der mächtigsten Notenbank.

Ein historischer Augenblick, wenn auch leicht getrübt: Eigentlich war Yellen, die seit 2010 bereits Vizechefin der Fed ist, nur zweite Wahl. Erst als Obamas kontroverser Wunschkandidat Larry Summers wegen des politischen Gegenwindes abwinkte, kam sie zurück ins Spiel. Noch kurz zuvor soll sie Freunden anvertraut haben, dass sie sich keine Chancen auf den Job ausrechne.

Die "kleine Lady mit großem IQ", so ein Fed-Kollege in der "New York Times", steht zwar für Kontinuität, übernimmt das Ruder aber zu prekärer Zeit. Ben Bernanke, der scheidende Fed-Chef, versetzte die Märkte erst vorige Woche in Aufruhr mit seiner Ankündigung, weiter Billiggeld zu drucken. Die Börsen jubelten, die Ökonomen stöhnten. In dem Job kann man es nie allen recht machen.

Gerade jetzt, in der Grauzone zwischen Rezession und Aufschwung. Lockert die Fed ihre Niedrigzinspolitik? Wann tritt sie auf die Bremse? Wann schraubt sie die Konjunktur-Stützräder ab?

Yellen für bessere Kommunikation und Transparenz

Fast brisanter als diese Entscheidungen ist deren Vermittlung. Schließlich horchen ja nicht nur die USA auf jedes Wort aus dem Marmorpalast an Washingtons Constitution Avenue. "Wenn die Fed eingreift", sagt Eswar Prasad von der Brookings Institution, "ist das für die Welt so wichtig wie bei keiner anderen Zentralbank."

Da passt es, dass Yellen sich seit langem für bessere Kommunikation und Transparenz engagiert. Schon als sie von 1994 bis 1997 erstmals im Fed-Board saß, versuchte sie, alte Dogmen und Hierarchien aufzubrechen. Etwa indem sie in der Cafeteria mit den Angestellten aß, sonst ein Tabu für die Führungsriege.

Diese Handschrift zieht sich auch durch ihre spätere Karriere. Nach einem Gastspiel als Top-Wirtschaftsberaterin von Präsident Bill Clinton kehrte sie 2004 an die Fed zurück, wurde Regionalchefin in San Francisco, Mitglied im Offenmarktausschuss, der die Zinspolitik bestimmt, und schließlich Bernankes Vize.

So sorgte sie dafür, dass die Fed sich mehr in die Karten sehen lässt und neuerdings ihre Inflationsziele und Zinsprojektionen offenlegt. Seit 2011 hält der Fed-Vorsitzende außerdem vierteljährliche Pressekonferenzen ab - eine Idee, die unter Yellens Regie zustande kam.

Frischer Wind hätte der Notenbank gutgetan - so die Kritiker

Ihre akademische Laufbahn umspannte Eliteschulen wie Harvard, Yale, MIT und Berkeley. In ihren wissenschaftlichen Arbeiten versuchte sie dabei stets, die Menschen hinter den Zahlen zu sehen. "Das sind für mich nicht nur Statistiken", sagte sie im Februar über die Arbeitslosigkeit, lange ihr Steckenpferdthema. "Die Folgen für die geistige und physische Gesundheit sind einfach zu schrecklich."

Nicht alle sind begeistert, dass Obama die Fed-Spitze nun doch intern besetzt hat. Frischer Wind, flüstern Kritiker, hätte der Notenbank gutgetan, erst recht nach diesen Krisenjahren. Andere vor allem aus Larry Summers Lager sprachen ihr während der Nachfolgedebatte die nötige "Gravitas" ab - ein Codewort dafür, dass eine Frau das nicht leisten könne.

Doch ihre Fangemeinde ist ebenso groß. "Kann eine Frau die Federal Reserve effektiv leiten?", fragte Kolumnist Paul Krugman in der "New York Times". "Das sollte keine Frage sein." Für Yellen trommelten auch Nancy Pelosi, die Minderheitenchefin im Repräsentantenhaus, sowie ein Großteil der Demokraten im Senat, der ihre Nominierung noch genehmigen muss.

Aber selbst Obama muss noch lernen. So lobte er bei einer Pressekonferenz im August seine "hervorragenden Kandidaten" für den Fed-Job - allen voran "Mr. Summers und Mr. Yellen".

insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
Walter Sobchak 09.10.2013
1.
Transparenz bei einer Privatbank? Wer soll sowas glauben? Die "Federal" Reserve Bank wurde gegruendet mit dem Ziel Transparenz nicht zuzulassen.
muellerthomas 09.10.2013
2.
Zitat von Walter SobchakTransparenz bei einer Privatbank? Wer soll sowas glauben? Die "Federal" Reserve Bank wurde gegruendet mit dem Ziel Transparenz nicht zuzulassen.
Wo sehen Sie denn Intransparenz bei der Fed, wo wünschen Sie isch mehr Infos, mehr Durchblick?
ichbinschlau 09.10.2013
3. Wenn
diese Frau angeblich die mächtigste Frau der Weltwirtschaft ist, bin ich der Papst.
jmoney 09.10.2013
4. @thomas
...z.b. wer welche information zu welchem zeitpunkt erhält...
becky_neef 09.10.2013
5. Elfenbeinturm-Yellen
Janet Yellen könne "komplexe Finanzprobleme bereits am heimischen Frühstückstisch besprechen". Aber Herr Pitzke, geht es um komplexe Finanzprobleme, gibt Frau Yellen offen zu, keinen blassen Schimmer zu haben, wie hier im November 2010: "For my own part, I did not see and did not appreciate what the risks were with securitization, the credit ratings agencies, the shadow banking system... I didn't see any of that coming until it happened," she said. Quelle: Janet Yellen: jobs champion and for some a 'hawk in dove’s clothing' - Telegraph (http://www.telegraph.co.uk/finance/economics/10366000/Janet-Yellen-jobs-champion-and-for-some-a-hawk-in-doves-clothing.html) Die gesamte Anhörung vom November 2010 als Audio-Datei hier auf einem Server der Stanford University: http://fcic-static.law.stanford.edu/cdn_media/fcic-audio/2010-11-15%20FCIC%20staff%20audiotape%20of%20interview%20with%20Janet%20Yellen,%20Federal%20Reserve%20Board.mp3
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