Yellens Presse-Premiere Fed-Chefin geht auf Nummer sicher

Worte auf der Goldwaage: Nervös wartete die Wall Street auf die erste Pressekonferenz der neuen US-Notenbankchefin Janet Yellen. Die absolvierte die Fragestunde mit Bravour - bis ihr ein unbedachter Halbsatz herausrutschte.

Fed-Chefin Janet Yellen: "Der schwarze Peter liegt bei mir"
DPA

Fed-Chefin Janet Yellen: "Der schwarze Peter liegt bei mir"

Von , New York


Der Schreibtisch: Moderner als früher, ein graues, kühles Möbel, hinter dem Janet Yellen fast versinkt. Ben Bernanke, ihr Vorgänger an der Spitze der US-Notenbank, zelebrierte seine Presseauftritte lieber an einem barocken, polierten Edelholzprunkstück. Mrs. Yellen zieht schmuck- und zeitlose Schlichtheit vor.

Nervös starrte nicht nur die Wall Street auf Washington, wo die neue Vorsitzende der Federal Reserve Bank an diesem Mittwoch ihre erste Zinssitzung leitete, gefolgt von ihrer ersten Pressekonferenz. Die Fragestunde ist eine noch junge Tradition der Fed, Bernanke hat sie eingeführt, Yellen will sie beibehalten.

Die Börsenblogs liefen im Vorfeld heiß vor lauter Aufregung. Was wird sie sagen? Wie wird sie es sagen? Und - ja, auch das, obwohl es bei ihren männlichen Kollegen nie interessieren würde: Was wird sie anziehen?

Doch bis auf den Schreibtisch und die Person dahinter hat sich absolut nichts verändert - Yellen ist Bernanke, nur eben optisch verändert. Und das wäre ja auch gar nicht so schlecht, zumindest für die launischen Märkte, die jedes Wimpernzucken analysieren.

Aber dann kam es doch ein bisschen anders.

Fed-Chefin Yellen: Im monotonen Ton, als spräche sie zu Kleinkindern
AFP

Fed-Chefin Yellen: Im monotonen Ton, als spräche sie zu Kleinkindern

Gut, sie ist um ihre Rolle nicht zu beneiden. Die Verantwortung der Fed ist enorm. Vor allem in dieser wackligen Übergangsphase von der Rezession zum Normalzustand, wo jede Geste zählt - und jeder es besser weiß. Die "New York Times" verglich das mit einem Schiff, das erst schnell auf eine Insel zurase "und dann langsam in den Hafen manövriert werden muss".

Wie immer ließ der Fed-Offenmarktausschuss, das erstmals von Yellen geführte Entscheidungsorgan, nach seiner zweitägigen Sitzung etwas die Luft raus, indem er seine Beschlüsse schon zuvor schriftlich bekanntgab. Darin enthalten waren zwei fein ziselierte Kurskorrekturen, die die zähe Genesung der US-Konjunktur reflektieren, aber erwartet worden waren.

• Die US-Notenbank behält die Nullzinsen vorerst bei, ändert aber die Kriterien für eine Erhöhung. Beim letzten Mal hatte sie als Benchmark die Arbeitslosenquote genannt: Sollte die "weit unter" 6,5 Prozent fallen, müsse man die Leitzinsen anziehen. Da die Quote dem seither jedoch ziemlich nahegekommen ist (6,6 Prozent im Januar, 6,7 Prozent im Februar), hat die Zentralbank die Zahl fallengelassen und stützt sich nun auf "eine ganze Spannbreite von Informationen", vom Arbeitsmarkt bis zu Inflationsindikatoren.

Wall-Street-Analysten überraschte das nicht. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass die Quote allein die Lage am Arbeitsmarkt nur unscharf wiedergibt, da sie die Zahl derjenigen vertuscht, die die Jobsuche aufgegeben haben und aus den Zahlenkolonnen gerutscht sind. In Yellens Worten: "Der Ausschuss war nie der Ansicht, dass die Arbeitslosenquote eine ausreichende Statistik für den Arbeitsmarkt ist."

• Die zweite Entscheidung: Ab April drosselt die Fed ihre Ankäufe von Staatsanleihen und Hypothekenpapieren erneut, um zehn auf 55 Milliarden Dollar im Monat. Auch das hatten die Ökonomen längst prophezeit: Die Ankäufe waren ein Notstopfen zur Bewältigung der Finanzkrise gewesen, und schon Bernanke hatte das "tapering" im letzten Jahr begonnen.

New York Stock Exchange: Nervöse Überreaktion auf einen Halbsatz
AFP

New York Stock Exchange: Nervöse Überreaktion auf einen Halbsatz

Yellen, mit einer Lesebrille bewehrt, trug all das in ihrem geübt monotonen Stil vor, der ihr schon im US-Senat gut bekommen war. Betonte jede Silbe gleich, als spreche sie mit kleinen Kindern. Eine Viertelstunde las sie behutsam vom Blatt, dann gab sie ebenso behutsame Antworten.

Politisches blieb unbeantwortet, etwa eine Fangfrage zur Ukraine. Persönliches ebenso. Nur einmal wollte einer wissen, wie sie sich denn fühle. "Sehr glücklich, dass ich aus viel Fed-Erfahrung zehren kann", sagte Yellen, die zuvor als Vizechefin der Notenbank und Vorsitzende der Fed-Filiale in San Francisco amtiert hatte. "Der schwarze Peter liegt bei mir."

Das merkte sie dann auch sofort: In einer ihrer langgewundenen Antworten spekulierte Yellen, wieviel Zeit denn zwischen dem Ende der Anleihenankäufe und einem Anstieg der Zinsen verstreichen könnte. Ein Minenfeld: Solch genauen Orakel sind tabu, sie verschrecken die Märkte.

Und genau das geschah: "Sechs Monate oder so", sagte Yellen schließlich am Ende eines Schachtelsatzes. Was für jeden, der nachrechnete, den Beginn der Zinsanhebung erstmals relativ exakt terminierte: Mitte 2015.

Prompt brachen die US-Börsen ein, bevor sie sich zum Handelsschluss wieder etwas fingen. Willkommen an der wilden Wall Street, Mrs. Yellen!

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