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19. Juni 2014, 08:58 Uhr

Irritierende US-Geldpolitik

Fehlbare Fed

Von , New York

Die US-Notenbank senkt ihre Wachstumsprognose - drosselt aber gleichzeitig die Konjunkturhilfen. Wo ist da die Logik?

New York - Janet Yellens Auftritte sind von Amts wegen strikte Rituale. Jedes Wort, das die Vorsitzende der US-Notenbank äußert, kann die Wall Street verschrecken - aber auch jedes Wort, das sie nicht äußert. Selbst die winzigsten Veränderungen gegenüber früheren Aussagen werden registriert und bewegen die Märkte.

So auch am Mittwoch. Da tritt Yellen zu ihrer erst zweiten Pressekonferenz im Amt an, in einem abgedunkelten Saal, in dem nichts ablenken soll von, nun ja, ihren Worten. Vorsichtig verliest sie ein - 30 Minuten zuvor veröffentlichtes - Statement nach der Sitzung des Offenmarktausschusses (FOMC), des Fed-Entscheidungsgremiums. Ebenso vorsichtig beantwortet sie dann die Fragen der Reporter.

All das vollzieht sich ohne Betonung, ohne verbale Präferenzen, ohne Gefühlsäußerung. Yellen lupft nicht mal eine Augenbraue. Bloß keine Wellen schlagen. Und doch: Der Dow-Jones-Index vollführt nervöse Bocksprünge - von der Bekanntgabe des Fed-Statements (14.00 Uhr Ortszeit) bis über Yellens Pressekonferenz hinaus (14.30 bis 15.25 Uhr).

13.59 Uhr: 16.782,53 (runter)

14.03 Uhr: 16.817,74 (rauf)

14.05 Uhr: 16.778,34 (runter)

14.30 Uhr: 16.836,33 (rauf)

14.35 Uhr: 16.844,10 (runter)

15.08 Uhr: 16.881,63 (rauf)

15.15 Uhr: 16.868,09 (runter)

15.26 Uhr: 18.871,01 (rauf)

Dabei scheint alles Routine. Wie von den Kaffeesatzlesern erwartet, fährt die Fed - anders als die Europäische Zentralbank (EZB) - die Konjunkturhilfen weiter zurück, indem sie ihre Anleihekäufe erneut um zehn auf nunmehr 45 Milliarden Dollar im Monat drosselt. Die Nullzinsen dagegen lässt sie unangetastet - zumindest, so deutet sie an, bis nächstes Jahr.

Gleich siebenmal hat die Fed das Wachstum überschätzt

Aber auch diesmal findet sich das Spannendste im Kleingedruckten und zwischen den sorgsam gedrechselten Zeilen. Denn da muss die Fed ihre hochfliegenden Erwartungen ans US-Wachstum und die Gesundung der Konjunktur erneut drosseln. Im März, bei ihrer ersten Pressekonferenz als Fed-Chefin, hatte Yellen von 2,8 bis 3 Prozent gesprochen - jetzt sind's auf einmal nur noch 2,1 bis 2,3 Prozent.

"Es kann eben Überraschungen geben", sagt Yellen lapidar und begründet die Revision unter anderem mit dem ungewöhnlich harschen Winter 2013/14 sowie zwei neuen Fed-Mitgliedern. "Vorhersagen, die wir gemacht haben, können nicht länger angemessen sein."

Sicher - doch sieben Jahre hintereinander?

Denn seit 2008 überschätzt die Fed Jahr für Jahr das US-Wirtschaftswachstum zunächst, nur um sich dann nachträglich nach unten zu korrigieren. Schon fürchten Beobachter, dass die Zentralbanker aufgrund ihres regelmäßig verfehlten Optimismus die Konjunkturhilfen nun viel zu früh sausen lassen - und damit wiederum die eigenen Prognosen sabotieren.

"Die zerbrochene Kristallkugel"

"Hinkt die Fed hinterher?", wundert sich CNBC-Korrespondent Steve Liesman am Mittwoch in der ersten Frage an Yellen. Die Antwort scheint klar. "Die zerbrochene Kristallkugel", betitelte die "New York Times" eine Grafik, die zeigte, wie systematisch die Notenbank danebenliegt.

Nicht zuletzt auch in diesem Jahr. In ihrer ersten Prognose (Januar 2012) bezifferte die Fed das US-Wachstum für 2014 auf bis zu vier Prozent. Anfang 2014 waren es nur noch drei Prozent. Jetzt sind es höchstens 2,3 Prozent.

Woran liegt das? Die Fed-Experten schmücken sich gern mit mega-präzisen Formulierungen, überwältigen den Laien mit Grafiken, Zahlen, Daten und Statistiken, die andere wiederum bis ins kleinste Detail analysieren. In Wahrheit aber ist das, was sie betreiben, eine zutiefst ungewisse Wissenschaft - fundiert auf dem täglichen Treibsand der unberechenbaren Welt.

"Stuff happens", mokierte sich der damalige US-Verteidigungminister Donald Rumsfeld 2003 über die - nicht einkalkulierten - Unruhen nach der Irak-Invasion. Das Gleiche gilt auch jetzt, für Yellen und die wackelige US-Konjunktur.

Zugegeben: Die ökonomischen Bedingungen sind so launisch wie seit Generationen nicht. Alte Messlatten entpuppen sich als zu kurz. Hinzu kam eben auch der Winter, mit dem nicht mal die Meteorologen gerechnet hatten. Die Fed, spotten manche, irre durch "Neuland".

Fehlbare Fed: Das dämmert den Geldbossen selbst inzwischen. William Dudley, Präsident der New Yorker Fed-Dependance und Vizechef des Offenmarktausschusses, räumte neulich "Über-Optimismus bei Vertretern der Federal Reserve" ein und warnte vor allzu großer Hoffnung auf einen flotten Aufschwung: "Wir sollten den Tag nicht vor dem Abend loben."

Auch Yellen gab schon im März zu: "Wir haben unseren Optimismus wahrscheinlich übertrieben." Vielleicht, fügte sie jetzt hinzu, könnte es dem Verständnis helfen, wenn sie "zusätzliche Treffen mit der Presse" abhalte.

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