Kindergärten Spielplatz für Anleger

So wird Kapitalismus zum Kinderspiel: In Deutschland fehlen 150.000 Kita-Plätze. Private Investoren bauen deshalb neue Betreungsstätten und versprechen hohe Renditen. Geht das zu Lasten der Kleinsten?

Fehlende Kita-Plätze: Wenn der Markt knapp ist, lässt sich meist Geld verdienen
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Fehlende Kita-Plätze: Wenn der Markt knapp ist, lässt sich meist Geld verdienen

Von Alexander Heintze


Deutschland hat zu viele Kinder. Absolut gesehen stimmt das natürlich nicht, die Zahl der Geburten ist 2012 weiter gesunken. Doch gemessen an der Zahl der Betreuungsplätze muss man feststellen: Es gibt einfach zu viele Kinder, die bestehenden Krippen sind überlaufen. Dass im Sommer der gesetzliche Anspruch in Kraft tritt, wonach auch unter Dreijährigen ein Platz zusteht, ändert nichts. Schätzungen zufolge fehlen rund 150.000 Kita-Plätze. Beruf und Familie lassen sich so nicht vereinbaren.

Aber es gibt auch Gewinner in dieser Situation. Wie immer, wenn es auf einem Markt eine Knappheit gibt, lässt sich mit dem Mangel Geld verdienen. Das haben findige Investoren nun entdeckt. Einer von ihnen ist die Luxemburger Fondsgesellschaft AviaRent Capital Management.

Ihr gehört das Gebäude, in dem die 64 Ruhrknirpse in der Essener Anstockstraße toben, essen und schlafen. Genauer gesagt, es gehört dem Fonds KinderWelten I. In diesen haben institutionelle Investoren wie Pensionskassen, Family Offices und Versicherungen über 50 Millionen Euro eingezahlt. Von dem Geld kauft der Fonds Kindergärten und Kindertagesstätten und vermietet diese an verschiedene Betreiber. Für die Investoren ist das ein lohnendes Geschäft. Ihr Kapital soll sich über die Laufzeit mit rund zehn Prozent verzinsen. Jedes Jahr sollen sie sieben Prozent Rendite ausgeschüttet bekommen. Die Habona Invest, ein Emissionshaus für geschlossene Fonds, kommt in diesen Tagen mit einem ähnlichen Angebot für vermögende private Anleger auf den Markt.

Gehe der Eigentümer pleite, springe der Steuerzahler ein

Die Ruhrknirpse sind eine von rund 30 Kindereinrichtungen, in die der AviaRent-Fonds investieren will. AviaRent hatte das ehemalige Schulgebäude im Oktober 2011 für den KinderWelten-Fonds angekauft und in einen Kindergarten umgewandelt. Im vergangenen August nahm der Kindergarten seinen Betrieb auf.

Auf den ersten Blick gibt es dabei nur Gewinner. Dass Kindergärten und Kindertagesstätten mit privatem Geld gebaut werden, entlastet die notorisch klammen Kommunen, die eigentlich für den Ausbau verantwortlich wären. Gleichzeitig tragen die Anleger das Risiko, dass eine Kita nicht ausgelastet ist. Doch es gibt auch Bedenken: Sind die privat finanzierten Betreuungsstätten das Beste für Eltern und Kinder? Schließlich wollen die Investoren Rendite erzielen. Und die ist am höchsten, wenn die Einnahmen deutlich höher sind als die Ausgaben. Wird also bei den Kleinsten gespart, um stattliche Gewinne ausschütten zu können?

Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist man jedenfalls skeptisch. Vorstand Norbert Hocke ist überzeugt, dass "Bildungsinfrastruktur nicht im Marktgeschehen geregelt werden" kann. Das sei Aufgabe des Staates. Die Kommunen entlaste das private Kapital nur auf den ersten Blick. Gehe der Eigentümer pleite, müsse der Steuerzahler einspringen.

"Wir sind nur der Vermieter"

Zudem bestehe die Gefahr, dass hohe Mieten hohe Gebühren nach sich zögen. Wenn diese Kindertagesstätten nur auf zahlungskräftige Eltern abzielten, sorge das für eine weitere Spaltung der Gesellschaft, so ein GEW-Sprecher. Frank Jansen, Geschäftsführer des Bundesverbands katholischer Kindertageseinrichtungen, ist kritisch: "Ich befürchte, dass wegen der Rendite an der falschen Stelle gespart wird, etwa beim Personal."

Die Investmenthäuser kontern diese Befürchtung. "Wir sind nur der Vermieter", betont Roland Reimuth, geschäftsführender Gesellschafter der Habona Invest. Für die Auswahl und die Bezahlung des Personals und für den Betrieb der Tagesstätte sei der jeweilige Betreiber alleine verantwortlich. Dafür kommen alle möglichen zugelassenen Betreiber infrage: kommunale wie kirchliche, gemeinnützige oder auch privat-gewerbliche.

Betreiber des Essener Kindergartens Ruhrknirpse ist der Fröbel e.V. Die Gruppe betreut nach eigenen Angaben bundesweit 11.000 Kinder in 125 Einrichtungen und beschäftigt rund 2000 Mitarbeiter. Neben Fröbel lässt AviaRent seine Kindergärten auch von privaten Gesellschaften wie Step Kids Education (Stepke), der Wohnheim-Betreuungsgesellschaft (PeWoBe), Champini und Global Village betreiben. Habona befindet sich noch in Gesprächen, unter anderem mit der Arbeiterwohlfahrt.

Rahmenbedingungen werden vom Staat festgelegt

Bei der gemeinnützigen Fröbel-Gruppe sieht man das Ganze entspannt. Geschäftsführerin Bärbel Klünter betont, eine private Finanzierung der Immobilie gehe nicht zu Lasten der Kinder. "Wir sind nur Mieter der Häuser", sagt sie. Als Betreiber sei man für das pädagogische Konzept verantwortlich. Und darauf habe der Investor keinen Einfluss. Im Gegenteil. Sie sieht den Vorteil, dass man mit einem privaten Bauherrn eher die eigenen Wünsche und Anforderungen an eine Immobilie verwirklichen könne als mit einer Kommune.

Dass keine überzogenen Mieten verlangt würden, dafür sorgten schon die Kommunen. "Wir haben es hier mit einem staatlich regulierten Markt zu tun, die Mietobergrenzen sind eindeutig festgelegt", betont eine AviaRent-Sprecherin. Ferner müsse die Schaffung von Plätzen für unter Dreijährige von den Landesrechnungshöfen der Bundesländer gebilligt werden. "Die Rahmenbedingungen werden hier also seitens des Staates sehr genau festgelegt." Auch Klünter betont, dass man eine ortsübliche Miete zahle. "Der Investor hat ein Interesse daran, dass es für den Träger refinanzierbar bleibt." Nur so gebe es die Sicherheit, dass der Mietvertrag auch erfüllt werde. Auch die Kindergartengebühren seien von der Stadt festgelegt. Eine Bevorzugung zahlungskräftiger Eltern, die für eine bessere Rendite sorgen könnten, ist also ausgeschlossen.

Für Kleinanleger nicht geeignet

Schön für die Kinder. Und für die Anleger? Die hohe Nachfrage sowie die langen Mietlaufzeiten mit festen Betreibern sprechen für das Anlageobjekt. Ein Kindergarten-Fonds bedeutet vor allem sichere Einnahmen. Die Mieten sind zumeist über staatliche Zuschüsse abgesichert. Derzeit prüfen mehrere Emissionshäuser, ob sie ähnliche Fonds auflegen.

Für Kleinanleger sind solche geschlossenen Fonds nicht geeignet. Zum einen müssen zumeist mindestens 10.000 Euro angelegt werden. Zum anderen handelt es sich um eine unternehmerische Beteiligung: Der Anleger wird zum Mitunternehmer mit allen Gewinnchancen und Verlustrisiken. Wird die Kita nicht wie geplant angenommen oder sind die Ausgaben am Ende doch größer als die Einnahmen, können Anleger ihr eingezahltes Geld komplett verlieren - Pleiten von privat betriebenen Kitas sind keine Seltenheit in Deutschland. Auch wenn es sich dabei zumeist um Elterninitiativen handelt und bei den Fonds ein professionelles Management die Geschäfte führt.

Für Anleger, die das entsprechende Geld zur Verfügung haben und sich des Risikos bewusst sind, kann eine Investition in eine Kindertagesstätte dagegen durchaus gute Gewinne abwerfen. Das kommt dann, wenn alles ideal verläuft, beiden zugute: den Kindern und den Investoren.

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen".



insgesamt 23 Beiträge
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gumbofroehn 12.05.2013
1. Geld bildet keine Erzieherinnnen aus
Gegen einen Immobilienfonds, der Kindergartenimmobilien betreibt, ist nichts einzuwenden. Allerdings hat das Knappheitsproblem bei U3-Plätzen in weiten Teilen Westdeutschlands wenig mit fehlenden Immobilien, sondern mehr mit fehlenden Erzieherinnen zu tun. Auch finanzstarke Kommunen haben derzeit riesige Probleme beim Ausbau, weil sie die Erzieherinnen auf dem Markt nicht bekommen. Das ist eine Spätfolge der sehr schlechten Berufsaussichten in den vergangenen Jahrzehnten. Je nach Bundesland und individuellen Voraussetzungen dauert die Ausbildung drei bis fünf Jahre, die sind nicht mal eben "nachgebacken".
peterlep 12.05.2013
2. Kann ja nur schlecht sein
Jeder SPON-Leser weiss doch, dass alles was mit Kapitalismus zu tun hat schlecht, ungerecht etc. sein muss. Da lieber weiter die Steuern erhöhen und alles vom Staat finanzieren lassen. Der kann es am besten (siehe unsere Unis) und setzt das Geld ja so weise ein. Gerechtigkeit in Dland ist, wenn es keinem gut geht. Seltsame Neidkultur.
pepe_sargnagel 12.05.2013
3.
Zitat von sysopDPASo wird Kapitalismus zum Kinderspiel: In Deutschland fehlen 150.000 Kita-Plätze. Private Investoren bauen deshalb neue Betreungsstätten und versprechen hohe Renditen. Geht das zu Lasten der Kleinsten? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/fehlende-kita-plaetze-private-fonds-investieren-in-den-ausbau-a-898739.html
Private Investoren und Unternehmen wollen Geld verdienen. Das kann man ihnen nicht verübeln. Das würden wir ja auch machen. Wenn diese Gewinne aber daher rühren, dass der Staat seinen ureigenen Gesetzen und Aufgaben nicht nachkommt, dann darf man das nicht den Unternehmen vorwerfen. Man muss jedoch den Politiker seines Wahlkreises daruf hinweisen, dass er die Steuergelder nun den privaten Unternehmen zuschiebt. Das darf nicht passieren - es müsste (wenn es kein Gesetz gibt) hier ein Gesetz verabschieded werden, das genau das unterbindet. Die privaten Gewinne steigen bei guten Politikverbindungen durchaus passabel um mehr als 5%. Die Gemeinschaftskosten dafür sind mit rund 20% nochmal um ein Vielfaches höher (POLITICIANS AT WORK: THE PRIVATE RETURNS AND SOCIAL COSTS OF POLITICAL CONNECTIONS - Cingano - 2013 - Journal of the European Economic Association - Wiley Online Library (http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jeea.12001/abstract)). Solange Politiker für solches Zuschustern von Aufträgen nicht haftbar sind wird sich nichts an den aktuellen Zuständen und der Bereicherung der "Günstlinge" ändern. Wir leben ja in einer politischen Form in der die Wähler nicht nur aus etablierten Parteien wählen können. Man muss ja noch nicht mal radikal wählen - und dazu kommt, dass es sowieso nur wenige Wähler gibt, die mit SPDCDUGrünFDPLINKE vollkommen in allen Punkten übereinstimmen. Man setzt ja deswegen auch im Wahlkampf Schwerpunkte... Nun liegt es an uns diese Machenschaften zu stoppen oder diese Machenschaften weiterhin zu dulden. Die Mehrheit entscheidet - und auch ehemalige Nichtwähler! Nichtwähler unterstützen diesen aktuellen Kurs ja am meisten, weil sie gar nichts unternehmen.
johnboyz11 12.05.2013
4. Endspiel
Zitat von sysopDPASo wird Kapitalismus zum Kinderspiel: In Deutschland fehlen 150.000 Kita-Plätze. Private Investoren bauen deshalb neue Betreungsstätten und versprechen hohe Renditen. Geht das zu Lasten der Kleinsten? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/fehlende-kita-plaetze-private-fonds-investieren-in-den-ausbau-a-898739.html
Das Kalkül der neoliberalen Staatsverächter geht endgültig auf. Den Staat erst aushungern und dann selber staatsgarantiert da investieren, wo dem Staat das Geld fehlt. Die gleichgeschaltete (haben sich eher selbst gleichgeschaltet) Mainstream Presse flankiert das Ganze. Argument: besser so, als gar keine Kitaplätze. Wenn da so hohe Renditen möglich sind, warum vereinnahmt der Staat diese dann nicht selbst? Tax the super rich, dann klappts auch mit den Kitaplätzen! j.
pepe_sargnagel 12.05.2013
5.
Ja mei - zum Glück müssen wir nicht 3 Jahre auf unseren "Volkswagen" (in der ehemaligen DDR war das der Trabant) oder auf eine Banane warten. Zudem haben wir doch vollste Reisefreiheit! Das Leben in der Bundesrepublik Deutschland ist wirtschaftlich gesehen einfach der Traum! Auch wenn man bedenkt, dass in westlichen Demokratien und Rechtsstaaten möglich ist, dass einige wenige "bestens politisch Vernetzte" schöne Gewinne mit dem richtigen Wahlausgang machen können. So schaffen diese Unternehmen im Schnitt mehr als 5% Gewinn durch die Vernetzung und die Bürger bezahlen in etwa 20% mehr für diese privatisierten Gewinne (Italienische Daten; POLITICIANS AT WORK: THE PRIVATE RETURNS AND SOCIAL COSTS OF POLITICAL CONNECTIONS - Cingano - 2013 - Journal of the European Economic Association - Wiley Online Library (http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jeea.12001/abstract)). So verdienen wenigstens nicht die Parteibonzen wie in der DDR, sondern politisch völlig unabhängige Unternehmer. PS: Ich möchte mögliche Parallelen zur ehemaligen DDR und der heutigen BRD der der freien sozialen Marktwirtschaft ausschließlich auf der wirtschaftspolitischen Ebene ziehen. Alle anderen Felder möchte ich hier ausschließen.
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