Fehler von Rating-Agenturen Standard & Murks

War es nur eine dumme Panne? Die versehentliche Herabstufung Frankreichs durch Standard & Poor's nährt das Misstrauen gegen Rating-Agenturen. Daran hat die Branche selbst Schuld: Eine hohe Fehlerquote untergräbt das Vertrauen in ihre Urteile.
Zentrale von Standard & Poor's in New York: "Niemand kann es wirklich verstehen"

Zentrale von Standard & Poor's in New York: "Niemand kann es wirklich verstehen"

Foto: Andrew Gombert/ dpa

Hamburg - Gerade einmal drei Sätze lang ist die Pressemitteilung, mit der die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) am Donnerstag die Herabstufung von Frankreichs Kreditwürdigkeit als Fehler bezeichnete. Ein Wort des Bedauerns findet sich nicht in der Erklärung. "Wir untersuchen die Ursache des Fehlers", heißt es lediglich.

Unter anderen Umständen wäre der knappe Kommentar nachvollziehbar - Fehler können bekanntlich jedem passieren. Der Patzer von S&P ist aber nicht nur deshalb ärgerlich, weil er die ohnehin höchst nervösen Finanzmärkte weiter verunsicherte. Die Panne ist auch kein Einzelfall. Mit einer beachtlichen Fehlerquote gefährden die Rating-Agenturen - und insbesondere Branchen-Primus S&P - ihre Glaubwürdigkeit.

Der breiten Öffentlichkeit sind die Agenturen erst seit 2007 ein Begriff: Reihenweise hatten sie jene Papiere mit Bestnoten versehen, die dann zum wichtigsten Auslöser der US-Hypothekenkrise wurden. "Die Annahmen, die wir über die Entwicklung dieser Anlagen hatten, stellten sich als falsch heraus", gab ein S&P-Vertreter später vor einem Ausschuss des US-Kongresses zu.

Auch bei der Bewertung von Unternehmen - ein deutlich wichtigeres Geschäftsfeld als die Länder-Ratings - sind den Agenturen wiederholt schwere Fehler unterlaufen. Die Pleiten der US-Konzerne Enron und Worldcom sahen sie ebensowenig kommen wie jene des italienischen Nahrungsmittelkonzerns Parmalat  .

"Worldcom und Enron haben betrogen", verteidigte S&P-Deutschlandchef Torsten Hinrichs kürzlich in der "Süddeutschen Zeitung" die Fehleinschätzungen. Doch Anleger durften eigentlich erwarten, dass die Agenturen solche Betrügereien entdecken - schließlich müssen ihnen Unternehmen umfassenden Zugang zu ihren Unterlagen gewähren.

Sind Zahlen gar nicht entscheidend?

Auch im weiteren Verlauf der Finanzkrise waren die Rating-Agenturen keine große Hilfe. Die US-Investmentbank Lehman Brothers wurde von S&P als sichere Anlage bewertet. Erst am 9. September 2008 setzte S&P Lehman auf eine negative Beobachtungsliste - eine knappe Woche, bevor die Bank Insolvenz anmelden musste. Auch den Zusammenbruch des aufgeblähten Bankensektors in Island erkannten die Rating-Agenturen zu spät.

In all diesen Fällen lautete der Vorwurf allerdings, die Rating-Agenturen hätten Gefahren übersehen und ein zu rosiges Bild der Lage gezeichnet. In letzter Zeit hat sich dieser Vorwurf ins Gegenteil gewendet: Den Agenturen wird nun vorgehalten, dass sie Länder zu kritisch beurteilen und damit erst deren Pleite heraufbeschwören.

Frankreich war nicht der erste Fall, in dem Zweifel an der Seriosität von Länder-Ratings laut wurden. Im Juli drohte Italien S&P mit Konsequenzen, weil die Agentur ein Sparpaket bereits als unzureichend verwarf, bevor dessen Details überhaupt bekannt waren. Als S&P im August als erste und bislang einzige Agentur den USA die Top-Note entzog, warf das Finanzministerium den Bonitätswächtern sogar einen Rechenfehler von zwei Billionen Dollar vor.

Tatsächlich hatte S&P lediglich andere Annahmen über die Entwicklung der US-Ausgaben zugrunde gelegt als die Regierung. S&P-Länderrating-Chef John Chambers aber erklärte, die Herabstufung wäre unabhängig von den zwei Billionen Unterschied erfolgt. Das wirkte so, als ob Zahlen am Ende gar nicht entscheidend seien.

Für großen Unmut sorgte S&P auch Ende Juli, als die Agentur bereits vergebene Noten für hypothekenbesicherte Papiere wieder zurückzog. Damals gab es sogar Kritik von Branchenkollegen: "Niemand kann wirklich verstehen, warum S&P das tut, was sie gerade tun", zitierte die Nachrichtenagentur Bloomberg einen Vertreter der Firma Morningstar, welche die Papiere ebenfalls bewertet hatte.

Es ist vor allem diese Undurchsichtigkeit der Rating-Entscheidungen, durch welche die jüngsten Pannen der Agenturen so viel Aufsehen erregen. Zwar erstellen die Bonitätswächter lange Kriterienlisten und treffen sich zu ausführlichen Konsultationen mit Unternehmens- oder Regierungsvertretern. Am Ende aber treffen sie ihre Entscheidungen in vertraulichen, internen Diskussionen. Das versehentlich veröffentlichte Rating zu Frankreich nährt den Verdacht all jener, die diesen Entscheidungsprozess für ein abgekartete Spiel halten.

S&P braucht eine gute Erklärung dafür, wie es aus Versehen eine Bewertung veröffentlichen konnte, die noch dazu gar nicht stimmen soll. Mit drei dürren Sätzen dürfte es dabei nicht getan sein.

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