Henrik Müller

Fehlprognosen zur Inflation Das Frühjahr der Unzufriedenheit

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Laien waren mit ihrer Einschätzung zur Inflation noch näher an der Realität als Notenbanken und Forscher – dass die Preise so stark steigen würden, hat aber kaum jemand vorhergesehen. Jetzt kommt die Quittung.
Leerer Einkaufswagen (Symbolbild): Was vor uns liegt, ist nun mal zwangsläufig mit Unsicherheit behaftet.

Leerer Einkaufswagen (Symbolbild): Was vor uns liegt, ist nun mal zwangsläufig mit Unsicherheit behaftet.

Foto: Joachim Küster / iStockphoto / Getty Images

Inflation ist besonders unangenehm, wenn sie unerwartet kommt. Anschaffungs- und Geldanlagepläne können sich bei überraschenden Preissteigerungen leicht als falsch erweisen. Beschäftigte, die den Anstieg der Lebenshaltungskosten unterschätzt haben, sehen die Kaufkraft ihrer Gehälter schwinden.

Inflation ist Mist. Überraschend heftige Inflation ist besonders großer Mist. Wir erleben es gerade.

In Deutschland ist der Index der Verbraucherpreise zuletzt um 5,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen, in der Eurozone insgesamt um 5 Prozent (achten Sie Mittwoch und Donnerstag auf neue Zahlen). Der US-Vergleichswert lag zuletzt sogar bei 7 Prozent.

Wir haben es mit einem globalen Inflationstrend zu tun, der am Rande sogar das chronisch deflationäre Japan erfasst hat (Dienstag tagt die Tokioter Notenbank). Betroffen sind nicht nur reiche Volkswirtschaften, sondern auch Entwicklungs- und Schwellenländer, darunter die Türkei, deren Notenbanken Donnerstag über die nächsten Schritte gegen Lira-Absturz und Inflationsgalopp entscheiden will.

Kaum jemand hat die derzeitigen Preissprünge vorhergesagt. Notenbanken, Finanzpolitiker, Wirtschaftsforscher, Manager, Spekulanten und normale Bürger – sie alle lagen in der jüngeren Vergangenheit im Schnitt ziemlich weit daneben.

Ruhe an der Preisfront? Von wegen

Noch im Herbst 2020 – das ist erst 15 Monate her! – erwartete der Internationale Währungsfonds (IWF) für Deutschland eine Inflationsrate von 1,1 Prozent im Gesamtjahr 2021, für die Eurozone sogar von nur 0,9 Prozent. Für die USA rechneten die IWF-Experten mit 2,8 Prozent. Heute, im Januar 2022, wissen wir, dass die Preise im vorigen Jahr deutlich schneller gestiegen sind.

Tatsächlich wird die US-Inflation im Jahresdurchschnitt 2021 bei knapp 5 Prozent landen, in der Eurozone und in Deutschland werden die Raten bei knapp 3 Prozent liegen. Vor allem die starken Anstiege in der zweiten Jahreshälfte sind für den Preisschock verantwortlich.

Experten und Finanzmarktzocker waren nicht besser mit ihren Vorhersagen und Wetten: Umfragen unter professionellen Prognostikern zeigen, dass die Fachleute noch im Herbst 2020 von fortgesetzter Ruhe an der Preisfront ausgingen. Auch langfristige Inflationsswaps – Finanzprodukte, mit denen man auf die künftige Preisentwicklung wetten kann – signalisierten damals Euro-Inflationsraten von knapp über 1 Prozent.

Etwas besser schnitten überraschender Weise ökonomische Laien ab. Privatpersonen, die die Deutsche Bundesbank regelmäßig befragen lässt , rechneten im Herbst 2020 im Mittel mit 2 Prozent Inflation auf Jahressicht. Sie waren damit näher an der Realität als das Gros der Fachleute mit ihren komplexen Modellen. Aber auch die Bürger unterschätzten die Preisdynamik deutlich.

Die Folgen solcher Erwartungsfehler können schmerzhaft sein: Wer sich hoch verschuldet hat, in der Erwartung auf dauerhaft niedrige Inflationsraten und Zinsen, muss womöglich einen Anschlusskredit zu viel ungünstigeren Konditionen akzeptieren. Wer in Anleihen oder Immobilien investiert hat, muss bei steigenden Zinsen mit herben Wertverlusten rechnen.

Notenbanken, deren Prognosen und Versprechen sich als grob falsch herausstellen, erleiden einen Reputationsverlust. Finanzminister und Parlamente stellen womöglich fest, dass manches Ausgabenprogramm unter veränderten Bedingungen nicht mehr finanzierbar ist – und sorgen damit für Frust, Enttäuschung und schlimmstenfalls für politische Destabilisierung.

Wie lange dauert »vorübergehend«?

Noch sind wir nicht so weit. Dennoch ist das Ausmaß der Fehler bei den Inflationsprognosen bemerkenswert.

Viele Monate lang haben die Notenbanken unisono verkündet, die Preisanstiege seien »vorübergehend« (»transitory«), ausgelöst durch kurzfristige Lieferengpässe wegen lockdownbedingter Produktionsbeschränkungen sowie durch einen statistischen Effekt, der daraus resultiert, dass heutige Preise mit den Niedrigpreisen auf dem Tiefpunkt der Coronakrise 2020 verglichen werden; in Deutschland kam noch eine Mehrwertsteuersenkung in der zweiten Jahreshälfte 2020 dazu, die längst rückgängig gemacht ist.

Doch die erhöhten Inflationsraten haben sich als beharrlich erwiesen. Anstatt gegen Jahresende 2021 abzuflauen, sind sie weiter gestiegen. In den kommenden Monaten sollen sie nun aber wirklich zurückgehen, sagen viele Ökonomen. Das ist möglich. Aber ist es auch wahrscheinlich?

Ein radikal verändertes Umfeld

Die Energiepreise steigen nach wie vor, wobei auch der sich zuspitzende Konflikt mit Russland eine Rolle spielt. Verschärfte Klimaschutzmaßnahmen treiben die Energiekosten weiter in die Höhe, auch in den kommenden Jahren. Eine »grüne Inflation« droht sich zu verfestigen.

Politische Spannungen in Asien sowie immer wieder verschärfte Coronaregeln lassen manch globale Lieferkette reißen. Dazu kommt, dass Arbeitskräfte vielerorts knapp werden. Die Alterung der Gesellschaften ist weit fortgeschritten; in vielen Ländern geht das Potenzial an Arbeitskräften bereits zurück. Eine Entwicklung, die nun noch dadurch verschärft wird, dass sich im Zuge der Pandemie viele Beschäftigte aus dem Arbeitsmarkt zurückgezogen haben.

In der Summe ergibt sich ein ziemlich radikal verändertes makroökonomisches Umfeld. In den vergangenen Jahrzehnten haben eine günstige Demografie sowie ein intensiver globaler Wettbewerb den Anstieg von Preisen und Löhnen begrenzt. Der Klimaschutz wurde allenfalls halbherzig vorangetrieben. Nun beginnt eine neue Phase: Die Unternehmen verfügen über Preisspielräume und nutzen sie; Beschäftigte haben mehr Verhandlungsmacht, sodass sie in der Lage sein sollten, kräftige Lohnsteigerungen durchzusetzen.

Längst ist die Verteuerung des alltäglichen Lebens ein Politikum. In den USA hat die Notenbank bereits mehrere Zinserhöhungen fürs laufende Jahr angekündigt; die Wertpapierkäufe werden rasch heruntergefahren. Bei den Halbzeitwahlen zum Parlament im Herbst droht den regierenden Demokraten ein Fiasko. In Großbritannien bringt die »Cost-of-living«-Krise die ohnehin angeschlagene, partywütige Regierung von Premier Boris Johnson in Bedrängnis.

Ungarns Anführer Viktor Orbán, der sich im April zur Wiederwahl stellt, versucht mit Preiskontrollen für Grundnahrungsmittel , den Unmut der Bevölkerung zu besänftigen. Bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich könnte sich der unerwartete Inflationsschub als politisch entscheidend auswirken. Kurz: Ein Frühjahr der Unzufriedenheit steht bevor.

Eigentlich halten sich die Überraschungen in Grenzen

Die Fehler bei den Inflationsprognosen sind umso bemerkenswerter, als spätestens seit Herbst 2020 Vieles bekannt war, das tatsächlich seither eingetreten ist. Man kannte das Coronavirus und seine Verbreitungsdynamik. Wirksame Impfstoffe waren entwickelt, produziert und bestellt. Man wusste, dass Notenbanken und Finanzministerien – sowie erstmals die EU mit ihrem 750-Milliarden-Corona-Fonds – aus allen Schläuchen gegen die Konjunkturkrise schossen. US-Präsident Joe Bidens Mega-Konjunkturpaket war in Sicht. Die Lockdowns würden internationale Lieferketten lockern und womöglich Beschaffungsprobleme verursachen, auch das war längst bekannt.

Dass nach der Corona-Rezession Inflation ein Thema werden könnte, haben wir an dieser Stelle bereits im vorletzten Jahr mehrfach diskutiert. Aber das waren natürlich keine Prognosen, sondern ein erzähltes Szenario, das sich daraus ergab, dass sich die Rahmenbedingungen veränderten. Was genau dieser Wandel für die Wirtschaftsentwicklung bedeuten würde, war nicht so leicht abzuschätzen. Strukturbrüche, wie sie durch die Pandemie angestoßen wurden, machen halbwegs treffsichere Vorhersagen über die nähere Zukunft schwierig.

Menschen tendieren dazu, die unmittelbare Vergangenheit fortzuschreiben. Das gilt für komplexe Modelle der Ökonomen genauso wie für narrative Szenarien, mit denen Normalbürger auf ihre Lebenswirklichkeit schauen: Wir versuchen uns einen Reim auf das Morgen zu machen, indem wir das Gestern möglichst genau untersuchen.

Aber was vor uns liegt, ist nun mal zwangsläufig mit Unsicherheit behaftet. Wir können es vielleicht in Umrissen erkennen, aber nicht exakt konturieren. Das gilt erst recht für eine konstruierte statistische Größe wie die Inflationsrate, die der einzelne Bürger nicht direkt beobachten kann.

Auch der Rückgriff auf frühere Inflationsepisoden – wie die Siebziger- (international) oder die frühen Zwanzigerjahre (Deutschland) – lässt viele Fragen offen. Die historische Erfahrung zeigt zwar, dass schwache staatliche Institutionen und zerstrittene Gesellschaften eher zu Geldentwertung neigen. Aber inwieweit heute die Glaubwürdigkeit der Institutionen gefährdet ist, welche Folgen das für die künftige Preisdynamik hat – all das lässt sich kaum vorhersagen, geschweige denn seriös quantifizieren.

Die Deutschen bleiben skeptisch

Lassen sich Inflationsprognosen verbessern? Wirtschaftsforscher und Notenbanker bemühen sich darum. Sie sind dabei, neue Datenquellen und methodische Ansätze zu erschließen. Die Bank von England (BoE) beispielsweise versucht, sich nicht nur auf mathematische Modelle zu stützen, sondern auch auf narrative Zugänge zur ökonomischen Entwicklung.

Zu diesem Zweck schickt sie Abgesandte herum und lässt sie im ganzen Land Narrative über die Wirtschafts- und die Preisentwicklung einsammelt; die BoE-Leute lassen sich Geschichten von Unternehmensmanagern erzählen, von Personen also, die durch ihre Entscheidungen selbst die Zukunft und die Preisentwicklung mitbestimmen. Ein Strukturbruch, wie ihn die Covid-Krise ausgelöst hat, lässt sich mit diesen Methoden womöglich in Zukunft rascher berücksichtigen. Wer weiß.

Ansonsten gilt, dass die Inflationsstrategen weiterhin mit einer Art Autopilot durchs Inflationsgewitter steuern. Die längerfristigen Inflationserwartungen, das zeigen aktuelle Umfragedaten und Finanzmarktindikatoren, liegen ziemlich genau da, wo die Notenbanken sie haben wollen: bei etwa zwei Prozent. Alles ruhig?

Nur die Deutschen bleiben skeptisch. Laut Bundesbank-Umfragen sind die Inflationserwartungen der Bundesbürger seit vorigem Sommer massiv gestiegen. Zuletzt lagen sie bei vier Prozent – doppelt so hoch wie die Prognosen der Profis.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Kiew – Beistand – Kanzler Scholz reist in die Ukraine.

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