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27. August 2019, 08:05 Uhr

Zum Tod von Ferdinand Piëch

Ingenieur der Macht

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Er war ein genialer Techniker und beherrschte die Kunst Machiavellis: Ferdinand Piëch galt in seiner Kindheit als Versager - aber er kämpfte sich hoch und schuf ein globales Autoimperium. Bis er sich selbst entmachtete.

Der "Burli" hat es allen gezeigt in der altehrwürdigen Familie Porsche-Piëch. "Burli", so nannten sie im Clan einst den kleinen Ferdinand: den Legastheniker, den sein Lehrer für "zu dumm" zum Studieren hielt. Der Junge, der bei seiner ersten Probefahrt mit der Stoßstange an der Garagentür hängen blieb. Niemand konnte sich damals vorstellen, dass ausgerechnet dieser Ferdinand Piëch ein globales Autoimperium zusammenschmieden würde, wie es Deutschland nie zuvor gesehen hat.

Im Alleingang hat Ferdinand Karl Piëch mehr als zwei Jahrzehnte lang Volkswagen beherrscht. Und den angeschlagenen Wolfsburger Autohersteller in einen Weltkonzern verwandelt. Für seine Anhänger war er ein genialer Techniker und visionärer Stratege, für seine Gegner ein intriganter Autokrat. Am Ende entmachtete sich der Patriarch selbst - ehe sein Lebenswerk VW in den größten Skandal der Konzerngeschichte schlitterte.

Diesen Sonntag, keine zwei Jahre nach seinem Rückzug ins Privatleben, ist Piëch in einem Rosenheimer Krankenhaus gestorben. Er wurde 82 Jahre alt und hinterlässt 13 Kinder aus verschiedenen Beziehungen.

Sein letztes Kurzinterview ist noch einmal typisch Piëch. Frühjahr 2019, gerade hat sein Sohn Anton auf dem Genfer Automobilsalon voller Stolz sein erstes selbst entworfenes Fahrzeug vorgestellt. Es ist ein 612 PS-Sportwagen mit Elektroantrieb namens Piëch Mark Zero. Und was sagt der Vater, als die "Bild am Sonntag" anruft? "Ich war nie dabei, ich bin nicht dabei und werde nicht bei dem Projekt beteiligt sein."

Eine harte Zeit im Internat prägt den jungen Ferdinand

Strenge und Härte hat er selbst in seiner Kindheit mehr als genug erfahren. Seine Mutter Luise, Tochter des VW-Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, lässt zu ihrer Rechten nur dasjenige ihrer vier Kinder sitzen, das außergewöhnliche Leistungen erbracht hat. Für "Burli", den Drittgeborenen, ist da kaum einmal Platz. Nach dem Tod des Vaters und einem "Ungenügend" in Englisch schickt Luise Piëch das Sorgenkind in ein Pensionat im Engadin. Eine "finstere Zeit der Erziehung" habe er in diesem "Abhärtungsinternat" erlebt, wird Piëch später in seinem Buch "Auto.Biographie" schreiben. Er habe erkannt, dass vieles "nur im Alleingang möglich ist, weil man sich nicht verlassen kann."

Piëch verlässt sich fortan ausschließlich auf sich selbst. Er entdeckt seine große Leidenschaft: Technik. Beschließt, Maschinenbau zu studieren. Paukt und tüftelt, graduiert 1962 mit einer Arbeit über Formel-1-Motoren zum Diplom-Ingenieur. Dann steigt der hagere Mann bei Porsche ein, arbeitet sich schnell hoch - und entwirft den Porsche 917. 1970 gewinnt dieser Rennwagen die 24 Stunden von Le Mans. Die Verkaufszahlen der Stuttgarter schnellen hoch. Und Piëch hofft, nun zum Porsche-Chef ernannt zu werden.

Ansage an die Porsches: "Ich bin ein Wildschwein, ihr seid die Hausschweine"

Aber seine Verwandten zerstören ihm diesen Traum. Der Familienzweig der Porsches will keinen "Nicht-Namensträger", wie sie Piëch verächtlich nennen, an der Spitze ihrer Firma sehen. Piëch wird abserviert. Aber er will sich nicht kleinkriegen lassen. "Ich bin ein Wildschwein, ihr seid die Hausschweine!", ruft er einmal im Streit mit den Porsches. Gemeint ist: Ich versorge mich selbst, ihr lasst euch versorgen.

1972, mit Mitte dreißig, fängt er noch mal neu an: bei der VW-Tochter Audi, in der technischen Entwicklung. Zwei Jahrzehnte später steigt er bei Audi aus, als Vorstandschef. Piëch hat die angestaubte Marke für Wackeldackel-Liebhaber zum Premiumhersteller umgebaut. Audi wird bewundert und beneidet für Innovationen in der Serienfertigung wie den permanenten Allradantrieb, den Fünfzylindermotor, den Turbodiesel TDI oder die vollverzinkte Karosserie.

Zu jener Zeit schreibt die Konzernmutter VW Milliardenverluste. Piëch überzeugt die mächtigsten Männer im Aufsichtsrat, Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder und IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, ihm den Konzern anzuvertrauen. Anfang 1993 fängt er an. Überliefert ist, dass er seiner Frau Ursula anvertraute, er wisse nicht, ob das Unternehmen in zwei Monaten überhaupt noch in der Lage sei, die Arbeiter zu bezahlen.

Wenige Worte der Kritik reichen - und dazu dieser Blick

Der neue Chef krempelt VW rigoros um. Reihenweise feuert er Topmanager. Führt mit seinem Personalvorstand Peter Hartz die Viertagewoche ohne Lohnausgleich und flexiblere Arbeitszeiten ein. Entwickelt die Plattformstrategie: Viele verschiedene Modelle teilen sich eine technische Basis, um die Kosten zu drücken. Und weil der Kontrollfreak höchstpersönlich jedes Modell bis ins kleinste Detail überprüft, allen voran die Spaltmaße, nennen sie ihn bei VW den "Fugen Ferdl". Hinter vorgehaltener Hand, versteht sich.

Öffentlich wagt niemand den Hauch einer Kritik am Patriarchen. Er macht ja auch so schon Leute fertig. Oft mit wenigen schneidenden Worten, unterbrochen von quälend langen Pausen zwischen den Sätzen und einem durchdringenden Blick seiner stahlblauen Augen.

"Wer nicht spurt oder meine Kreise stört, hat es verspielt", hat Piëch in seiner "Auto.Biographie" geschrieben. Das "Maximum" sei nur erreichbar, wenn man auch an die Grenze des Erreichbaren gehe. "Und an dieser Grenze ist nicht immer Harmonie zu Hause."

Aber die Zahlen stimmen. Als Piëch 2002 an die Spitze des Aufsichtsrats wechselt, macht VW einen doppelt so hohen Umsatz wie 1993 - und dazu Rekordprofite.

Er war ein Qualitätsfreak - und ein extremer Machtmensch

"Der Alte", wie sie ihn mittlerweile nennen, ist noch lange nicht fertig. Unter seiner Ägide wächst der Konzern von vier auf 13 Marken. Die Modellpalette reicht vom Drei-Liter-Auto bis zum 1001 PS starken Bugatti Veyron; vom Lupo bis zum Lamborghini. Immer wieder forciert Piëch den Bau von Luxusmodellen - auch wenn einige davon trotz ihrer unbestrittenen Qualitäten zum Ladenhüter werden, allen voran der Phaeton. Er ist halt ein Autonarr. Mit Piëch sei eine Ära zu Ende gegangen, sagt sein Biograf Wolfgang Fürweger. "Er war der letzte Automanager, der selbst an den Fahrzeugen mitgebaut hat."

Und ein Ingenieur der Macht: Weder der Industriespionage-Skandal um den von General Motors geholten Einkaufschef José Ignacio Lopez noch die sogenannte Rotlichtaffäre um Bordellbesuche und Sexpartys auf Firmenkosten können ihm etwas anhaben. Nur die Manager um ihn herum müssen gehen. Als 2008 die weltweite Finanzkrise ausbricht, überredet er Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Abwrackprämie.

Die Übernahmeschlacht zwischen Porsche und VW wird zum Triumph für Piëch. Sieht es anfangs so aus, als schlucke der Sportwagenhersteller den Weltkonzern, kommt es am Ende umgekehrt - weil Piëch die richtigen Strippen zieht, die klügsten Intrigen spinnt. Ob dabei alles rechtens zugeht, ist bis heute umstritten. Aber das Ergebnis ist eindeutig. Die Porsches sind geschlagen, ihr stolzes Haus wird zur bloßen Marke im VW-Konzern. Und über den herrscht erst mal nur einer: der alte Piëch. Der Sieger im Kampf der Dynastien.

Erst die großen Pläne - dann der große Knall

2014 verkauft der Konzern mehr als zehn Millionen Fahrzeuge pro Jahr, erwirtschaftet mehr als 200 Milliarden Euro Umsatz und mehr als zwölf Milliarden Euro Profit. Piëch genügt das immer noch nicht. Er will Allererster werden. Die von ihm unterstützte "Konzernstrategie 2018" sieht vor, dass Volkswagen bis 2018 zum "ökonomisch und ökologisch weltweit führenden Automobilunternehmen" aufsteigen soll.

Aber dann geht plötzlich alles schief. Der Machtmensch Piëch zettelt einen Machtkampf mit VW-Chef Martin Winterkorn an, seinem einstigen Zögling. Er erklärt im SPIEGEL, er sei "auf Distanz zu Winterkorn", fordert dessen Ablösung. Doch unerwartet stellen sich im Aufsichtsrat die Vertreter des Betriebsrats und des Landes Niedersachsen gegen ihn. Piëch hat sich verzockt. Er wirft hin.

Wenige Monate später gibt die US-Umweltbehörde EPA bekannt, dass VW eine illegale Abschalteinrichtung in der Motorsteuerung ihrer Dieselfahrzeuge verwendet hat, um Abgasnormen zu umgehen. Es ist der Beginn des Dieselskandals: Winterkorn und eine Reihe anderer Topmanager müssen gehen, VW Bußgelder in Milliardenhöhe bezahlen. Bis heute beschäftigt der Fall die Gerichte. Ferdinand Piëchs Verwicklungen sind nicht endgültig geklärt.

Ein prägender letzter Satz: "Ich bitte um gute Nachrede"

2017 trennt sich der Patriarch vom Großteil seiner Anteile an der VW-Dachgesellschaft Porsche SE, die meisten Aktien übernimmt sein Bruder Hans Michel. Danach gibt er auch seinen Sitz im Porsche-Aufsichtsrat auf. Nach über einem halben Jahrhundert im Konzern ist er jetzt draußen. Und Nichtstun war noch nie sein Ding.

"Ich persönlich denke, dass Herr Ferdinand Piëch unvergessene Meilensteine gesetzt hat im Automobilbau und dass er an der Existenz des Volkswagen-Konzerns, wie er sich heute präsentiert, maßgeblichen Anteil hat", hat der jetzige VW-Aufsichtsratschef Hans-Christian Pötsch zu seinem Abgang gesagt. Piëchs Leistungen würden unabhängig von anderen Themen "absolut unvergessen bleiben".

Er wird es gern gehört haben. So unerbittlich er als Konzernlenker oft aufgetreten ist, egal ist dem Menschen Ferdinand Piëch seine Hinterlassenschaft nicht gewesen. Von Gesprächspartnern hat er sich oft mit dem Satz verabschiedet: "Ich bitte um gute Nachrede."

Anmerkung der Redaktion: Über die Zahl der Kinder Piëchs aus mehreren Beziehungen kursieren unterschiedliche Angaben. In einer Erklärung von Piëchs Witwe Ursula heißt es, Ferdinand Piëch "hinterlässt eine große Familie mit dreizehn Kindern". Wir übernehmen diese Zahl ab sofort.

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