Börsengang von Ferrari Italiens Trauer kommt zu spät

Die Wirtschaft jubelt: Ferrari, Aushängeschild des Fiat-Chrysler-Konzerns, geht an die Börse. Viele Italiener trauern: Wieder wird eine Kultmarke von Ausländern übernommen. Dabei war die Firma schon lange nicht mehr richtig italienisch.

Markenzeichen: Ferrari gehört zu den Ertragsbringern im Fiat-Chrysler-Konzern
AP/dpa

Markenzeichen: Ferrari gehört zu den Ertragsbringern im Fiat-Chrysler-Konzern


Die Nachricht, die ganz Italien umtrieb, kam aus London: Ferrari, der leuchtende Stern des krisengebeutelten Fiat-Konzerns, soll als selbstständige Aktiengesellschaft an die Börse gebracht werden. Zehn Prozent der Aktien des noblen Autobauers mit Sitz im norditalienischen Maranello sollen im kommenden Jahr verkauft werden. Der Rest geht zum größten Teil an die Sippe der Fiat-Eigner.

"Ich bin glücklich", jubelte der 38-jährige Präsident des Autobauers, John Elkann, ein Enkel des legendären Firmenchefs Giovanni Agnelli, der das Unternehmen zu Ruhm und Größe geführt hatte. Auch potenzielle Investoren und Spekulanten reagierten euphorisch. In Mailand verteuerten sich Fiat-Aktien in wenigen Stunden um mehr als 15 Prozent. Zeitweise wurde der Handel sogar ausgesetzt. Ganz eifrige rechneten bereits aus, was Ferrari wohl wert sein könnte. Zwischen drei und fünf Milliarden wurden gehandelt.

Neue Fiat-Adresse: London, St. James's Street 25

Weniger erfreut nahmen viele Italiener die Nachricht auf. Der Ausverkauf der Perlen Italiens gehe weiter, hieß es in Bars wie auf Internetseiten. Von Alitalia bis zur italienischen Telecom, von Loro Piana bis Bulgari, die Stahlwerke von Riva genauso wie die Haushaltsgeräteproduktion von Indesit, alles gehe den Bach runter und werde von Ausländern zu Schnäppchenpreisen übernommen. Auch die zehn Prozent von Ferrari seien gewiss nur der Anfang, da sind sich viele Italiener absolut sicher.

Und wieso eigentlich kam die Nachricht aus London?, fragten manche.

Ganz einfach, weil Fiat nicht mehr richtig italienisch ist. Nur hat das in "Bella Italia" kaum jemand gemerkt. Zwar hat Italiens Fiat den mit Staatsgeldern vor der Pleite geretteten US-Autohersteller Chrysler gekauft. Doch die neue gemeinsame Firma, in der beide Alt-Unternehmen vor gut zwei Wochen endgültig verschmolzen wurden - "Fiat Chrysler Automobiles", kurz: FCA - ist keine italienische, sondern eine Gesellschaft nach niederländischem Recht geworden. Der Firmensitz liegt nicht am Fiat-Stammsitz Turin, sondern, vermutlich aus steuerlichen Gründen, in London, in der St. James's Street 25. Dort logiert, zumindest formal, das pseudo-italienische Unternehmen in den oberen drei Etagen. Und dort hat der Verwaltungsrat auch den Verkaufsbeschluss für Ferrari gefasst und verkündet.

Das Gebäude gehört übrigens dem englischen Wirtschaftswochenblatt "Economist", und an dem hat auch die Agnelli-Familienholding Exor einen Anteil. Fiat - das Akronym von "Fabbrica Italiana Automobili Torino", Italienische Automobilfabrik Turin - ist längst international ausgerichtet. Und das nicht ohne guten Grund.

Italien ist längst kein Autoland mehr

Der hart umkämpfte Automarkt in Europa bescherte dem Hersteller vor allem kleinerer Autos zuletzt überwiegend Verluste. Italien ist längst kein Autoland mehr. Etliche Fiat-Werke stehen immer wieder für längere Zeit still oder arbeiten mit halber Belegschaft. Die Fiat-Autoproduktion liegt nur noch bei etwa einem Viertel der französischen und einem Zehntel der deutschen.

Der Einkauf von Chrysler dagegen, von Fiat-Chef Sergio Marchionne über Jahre beharrlich vorangetrieben, hat sich als gutes, womöglich rettendes Geschäft erwiesen. Das hat viele Beobachter überrascht. Denn schon einmal wollte sich ein europäischer Autokonzern Chrysler einverleiben. Als 1998 Daimler-Benz und Chrysler verschmolzen, war es die größte Fusion der Wirtschaftsgeschichte. Der damalige Chef von Daimler-Benz, Jürgen Schrempp, jubelte über eine "Hochzeit im Himmel". Doch die Liaison wurde rasch zum Albtraum. Daimler verlor viel Geld bei der Scheidung.

15 Jahre später bringt die Braut aus Detroit dem neuen Bräutigam dagegen bislang nur Freude. Etliche Modelle, vor allem der Jeep, laufen jenseits des Atlantiks hervorragend und bringen Marchionne das Geld, das er in Europa nicht verdient, aber dringend braucht. Denn der Kauf von Chrysler hat Milliarden gekostet. Analysten beziffern den Schuldenstand des neuen Fiat-Konzerns mit ungefähr zehn Milliarden Euro.

27 Millionen Euro für Ex-Ferrari-Chef

Und Marchionne braucht noch viel mehr Geld. Etwa das Vier- bis Fünffache der Schuldensumme will er in neue Modelle und neue Produktionsabläufe investieren, um das Unternehmen zukunftsfest zu machen. Dafür reichen die voraussichtlichen Einnahmen aus dem Zehn-Prozent-Verkauf von Ferrari aber natürlich bei Weitem nicht aus. Italiens Skeptiker, die fürchten, dass weitere Anteile auf den Markt gebracht würden, könnten durchaus richtig liegen.

Einer jedenfalls hat beim Gerangel um die berühmten Rennwagen schon richtig viel gewonnen, obwohl er eigentlich verloren hat. Der langjährige Ferrari-Chef Luca Cordero di Montezemolo musste zwar seinen Platz räumen. Zum einen, weil die Boliden mit den aufsteigenden Pferdchen auf der Haube seit Längerem kaum noch Formel-1-Rennen gewinnen und sich das als geschäftsschädigend erweisen könnte. Zum anderen, weil er sich heftig gegen den Teilverkauf der Firma gewehrt hatte.

Doch Fiat-Chef Marchionne tröstete den noblen Freund und Kollegen mit einem komplizierten, aber üppigen Abgangsbonus, den die italienische Zeitung "La Repubblica" auf insgesamt rund 27 Millionen Euro taxierte.

insgesamt 17 Beiträge
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boingdil 30.10.2014
1. Daimler-Chrysler hat auch mal gut angefangen
Es gab Zeiten (wenn auch nicht lange) in denen Chrysler auch Geld in die DC Konzernkasse gespült hat, sprich der Konzern seine Freude an der amerikanischen Tochter und mehr Sorge um die deutsche Tochter hatte. Chrysler ist nach wie vor sehr auf dem amerikanischen Markt fixiert, auf dem halt eher die technische Steinzeit mit großen, schweren Autos herrscht. Wird zuviel FIAT-Technik eingebaut, werden die Autos für die Amis uninteressant. In Europa werden die Autos ein Nischendasein fristen. Beides gleichzeitig und kostengünstig zu bedienen ist die Quadratur des Kreisen, die auch Daimler nicht gelungen ist.
anderermeinung 30.10.2014
2. Wenn Ferrari an die Börse geht,
haben die Börsianer es nicht mehr so weit.
zauselfritz 30.10.2014
3. Egal
Ferrari baut eh schon länger keine Autos mehr die mein Blut in Wallung bringen - besonders optisch sind sie Querschläger die mehr an japanische Boliden als an eine bella macchina aus Maranello erinnern.
andreasschillmann 30.10.2014
4. Marchionne, der Zocker!
Diese Ferrari-"Lösung" war absehbar, schon lange... Seit einigen Jahren machen Fachzeitschriften der Autobranche darauf aufmerksam, dass der italo-kanadische Finanzakrobat Sergio Marchionne zwar sehr geschickt im Erfinden von Börsen- und PR-Geschichten ist und Kostenmanagement versteht, aber vom Automobilgeschä#ft leider wenig versteht. Die Agnelli-Erben haben sich für diese Vorzüge schon lange entschieden und wickeln dabei die Fiat-Gruppe langfristig ab! Durch die Marchionne-"Manöver" ist Fiat zwar kein erfolgreicher Autohersteller, dafür aber ein profitables Finanzgeschäft geworden. Schon 2008 wiesen Branchenzeitschriften (u.a. Auto, Motor und Sport http://www.auto-motor-und-sport.de/news/ex-fiat-deutschland-chef-klaus-fricke-marchionne-pokert-hoch-1355519.html und andere) darauf hin, dass es Fiat/Marchionne an Strategie und Konzept fehle, das Produktportfolio, die Qualität, die Margen und Vertriebsnetze erfolgreich zu entwickeln. Stattdessen konnten durch Marchionnes "PR-Geschichten" informierte Kreise an den oft heftig positiven Aktienkurs-Aufschlägen gut verdienen. Solche Margen liefert der Autokonzern auch mit neuem Namen am neuen Standort nicht! Ferrari ist als zu verkaufendes Tafelsilber nur die logische Konsequenz und läutet die "Endphase" ein. Bezahlen werden am Ende die verbleibenden Aktionäre...
dwbrook 30.10.2014
5.
Zitat von zauselfritzFerrari baut eh schon länger keine Autos mehr die mein Blut in Wallung bringen - besonders optisch sind sie Querschläger die mehr an japanische Boliden als an eine bella macchina aus Maranello erinnern.
Ferrari hat seine eigene Formensprache und aus Japan gibt es schon lange keine Boliden à la Honda NSX, Toyota Supra oder Nissan 30ZX TT mehr. Was Nissan im Moment abliefert mag technisch in Ordnung sein ... sehen lassen geht mit diesen plumpen Dingern aber aber gar nicht
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