Rückrufe wegen Salmonellenverdacht Ferreros böse »Kinder«-Überraschung
Überraschungsei von Ferrero: Das Unternehmen hat in den Regalen der Supermärkte eine starke Position
Foto: Monika Skolimowska / dpaFür Süßwarenhersteller ist das Ostergeschäft neben Weihnachten einer der zentralen Umsatzbringer. Umso verheerender dürfte das Geschäft in diesem Jahr für Ferrero laufen. Wegen Salmonellenverdacht rief der Konzern zahlreiche Produkte der Marke »Kinder« zurück – darunter Überraschungseier und Mini-Schokoeier. Also genau jene Artikel, die sonst massenweise in Osternestern landen.
Doch nun hat das Traditionsunternehmen mit italienischen Wurzeln ein noch viel größeres Problem: Aus dem Verdacht droht ein Skandal zu werden. Denn nach und nach kommen Details an die Öffentlichkeit, die große Zweifel am Krisenmanagement von Ferrero und den Behörden aufkommen lassen. Das Unternehmen musste einräumen, dass es bereits Mitte Dezember in einer Produktionsanlage einen Salmonellenbefund gab.
Was also kurz vor Weihnachten begann, könnte Ferrero nun das Ostergeschäft vermasseln – und viele Konsumenten verprellen.
Denn das Unternehmen startete trotz des Fundes im Dezember keinen umfassenden Rückruf, sondern ging jetzt erst scheibchenweise vor. Zunächst wurden am Dienstag in Großbritannien und Frankreich Produkte zurückgerufen, dann folgten Deutschland und weitere europäische Länder. Ferrero spricht von Vorsichtsmaßnahmen.
Inzwischen sind auch Australien und die USA betroffen. Und es geht nicht mehr nur um aktuelle Osterware, sondern auch um Weihnachtsartikel – also Süßigkeiten, die entweder längst verzehrt sind oder seit Monaten in Vorratskammern liegen.
Am Donnerstag schließlich räumte Ferrero in einer französischsprachigen Mitteilung ein, dass bereits am 15. Dezember 2021 bei Kontrollen Salmonellen in einem Werk im belgischen Arlon festgestellt worden seien. Also mitten im wichtigen Weihnachtsgeschäft. »Nach einer eingehenden Untersuchung wurde als Ursache ein Filter am Ausgang der beiden Rohstofftanks identifiziert. Die Materialien und Fertigprodukte wurden blockiert und nicht ausgeliefert«, hieß es.
Die Öffentlichkeit hatte davon monatelang nichts erfahren. Weitergehende Untersuchungen hätten ergeben, dass die im Werk Arlon nachgewiesenen Salmonellen eine genetische Übereinstimmung mit Salmonellen von zahlreichen Erkrankungsfällen in mehreren europäischen Ländern aufweisen, darunter auch in Deutschland, schreibt Ferrero nun.
Das Werk in Arlon ist nun dicht. Darauf entfallen laut dem Unternehmen rund sieben Prozent aller jährlich weltweit hergestellten Produkte der Marke Kinder. Die belgische Aufsichtsbehörde Afsca kündigte am Freitag an, die Produktionslizenz zu entziehen. Alle Produkte aus dem Werk in Arlon müssen demnach zurückgerufen werden – unabhängig von ihrem Produktionsdatum. Ferrero habe in den Ermittlungen nicht ausreichend Informationen geliefert, hieß es.
Das Unternehmen gibt sich nun zerknirscht und schreibt: »Wir möchten uns bei allen unseren Verbrauchern und Geschäftspartnern aufrichtig entschuldigen und danken den Lebensmittelsicherheitsbehörden für ihre wertvollen Hinweise.«
Damit geht eine Horrorwoche für Ferrero zu Ende, die damit begonnen hatte, dass in Großbritannien und Frankreich Fälle von Salmonellenerkrankungen bekannt wurden. In Großbritannien waren vor allem kleine Kinder an einer Salmonelleninfektion erkrankt, wie die Nachrichtenagentur PA meldete. Kurz darauf rief Ferrero einige Chargen an Kinder-Überraschungseiern zurück. Auch in Frankreich gab es einen Rückruf, nachdem 21 Infektionsfälle gemeldet wurden. In den vergangenen Wochen seien insgesamt über hundert Salmonellenfälle in Europa identifiziert worden, die daraufhin mit der Produktionsstätte in Arlon in Verbindung gebracht worden seien, schreibt die belgische Behörde Afsca.
Verbraucherschützer sind empört: »Sowohl Ferrero als auch Überwachungsbehörden wussten bereits seit Dezember 2021 von Salmonellenfunden – trotzdem kam es erst jetzt, fast fünf Monate später, zu öffentlichen Rückrufen«, schreibt die Organisation foodwatch. »Die Süßwarenindustrie weiß genau, dass Salmonellen ein riesiges Problem sind bei der Herstellung von Schokolade. Wenn so ein Fehler passiert, muss die Bevölkerung sofort gewarnt werden.«
Marken-Experte Martin Fassnacht
Ferrero reagierte auf eine Anfrage des SPIEGEL zunächst nicht. Dabei sehen Experten Transparenz als einzige Möglichkeit der Schadensbegrenzung. »Eine starke Marke kann viel aushalten. Aber die Kommunikation darf nicht scheibchenweise erfolgen und in solch sensitiven Situationen sollten in keinem Fall Informationen zurückgehalten werden«, sagt der Markenexperte Martin Fassnacht von der WHU – Otto Beisheim School of Management dem SPIEGEL. Ferrero dürfe nicht nur reagieren. »Sie müssen jetzt auf allen Kanälen offensiv kommunizieren.«
Doch während sich auf Social-Media-Plattformen wie Twitter, Facebook und Instagram Nutzerinnen und Nutzer in den Kommentarspalten mit zahlreichen Fragen melden, schweigt der Konzern dort bislang. Auf der Unternehmenswebsite verweist Ferrero auf die betroffenen Produkte. Auf der »Kinder«-Markenseite werden die Artikel auch im Bild gezeigt.
Viele Verbraucher waren vor allem anfangs verwirrt, was die Information konkret bedeutet und machten das etwa via Twitter deutlich:
Auch unter dem Posting der Verbraucherzentrale NRW sind die Menschen ratlos:
Welche Produkte genau betroffen sind, wollen Käuferinnen und Käufer wissen – ebenso wie die Antwort auf die Frage, was man mit der gekauften Ware machen soll und ob es eine Entschädigung gibt. Die Verbraucherzentralen bemühen sich um Antworten.
Ausgeräumtes Regal: Ferrero muss die Waren abholen
Foto: IMAGO / MiS / IMAGODer Handel hält sich noch bedeckt. Ob und wie stark die Nachfrage der Kunden nach den »Kinder«-Produkten leidet, ist offen. Ferrero stellt Supermarktketten unter anderem sogenannte Kulanzcontainer bereit, in denen gesammelt wird, was die Kunden zurückgeben. Auch jene Produkte, die bisher noch in den Regalen standen, müssen nun raus und werden von Ferrero abgeholt. Dem Handel gehe nun Umsatz verloren, heißt es von einer Supermarktkette, da Ferrero eine starke Position in den Regalen habe. Nun kauften die Verbraucher aber eben Alternativen zu Ostern.
»Der Handel kann auf so eine starke Marke nicht verzichten, aber solche Probleme mag er gar nicht«, erklärt Experte Fassnacht. Statt massenweise Schokolade zu verkaufen, müssen die Läden nun die Rückrufware wieder mit einsammeln. »Wenn jetzt scheibchenweise neue Details kommen oder wenn Ferrero schon früher von gewissen Umständen gewusst haben sollte, wird es einen enormen Druck geben«, meint Fassnacht. Zumal die betroffenen Produkte eine heikle Zielgruppe ansprechen. »Wenn es um Kinder geht, sind Eltern sehr sensitiv.«