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22. September 2011, 06:25 Uhr

Finanzkrise

Rating-Agentur zweifelt an US-Banken

Drohen neue schwere Turbulenzen im Finanzsektor? Die Rating-Agentur Moody's hat mehrere US-Geldhäuser herabgestuft. Grund: Staatshilfen im Krisenfall seien unwahrscheinlich, eine Pleite nicht ausgeschlossen. Auch italienische Banken wurden abgestraft.

New York - Die großen US-Banken müssen um ihr Sicherheitsnetz bangen: Die Rating-Agentur Moody's zweifelt daran, dass die Regierung in Washington bei einer neuen Schieflage wie zu Zeiten der Finanzkrise 2008 rettend eingreifen würde. Sollte eine Bank in existenzielle Not geraten, würde sie schlimmstenfalls untergehen.

"Moody's geht zwar davon aus, dass die Regierung weiterhin den systemisch wichtigen Finanzfirmen ein bestimmtes Niveau an Unterstützung zukommen lässt", erklärte die Rating-Agentur am Mittwochabend in New York. "Doch es ist jetzt gleichzeitig wahrscheinlicher als während der Finanzkrise, dass sie erlauben würde, dass eine große Bank scheitert."

Die Agentur begründete ihre Einschätzung damit, dass die Auswirkungen einer Pleite für das Finanzsystem heute geringer ausfielen. Die US-Regierung hatte nach den Erfahrungen der Finanzkrise neue Gesetze auf den Weg gebracht, die ein ähnliches Desaster wie beim Bankrott der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 verhindern sollen. Allerdings zweifeln Kritiker an der Wirksamkeit der Regelungen.

Die Einschätzung von Moody's sorgte für Unwohlsein an der Börse und beschleunigte die massiven Kursverluste bei den US-Großbanken. Besonders schlimm traf es den Sorgenfall der Branche, die Bank of America . Ihre Papiere brachen bis zum Börsenschluss um fast acht Prozent ein. Denn mit der Warnung ging eine Abstufung der Kreditwürdigkeit des Hauses einher.

Statt eines guten Ratings (A2) billigt Moody's dem größten Finanzkonzern der Vereinigten Staaten nun nur noch ein befriedigendes Rating (Baa1) zu. Damit wird es für die Bank schwieriger, an frisches Kapital zu gelangen. Auch die Einschätzung über die Wettbewerber Wells Fargo und Citigroup wurde nach unten korrigiert.

Zuvor hatte Moody's-Konkurrent Standard & Poor's (S&P) die italienische Bankenbranche abgestraft. S&P stufte am späten Mittwoch die Kreditwürdigkeit von sieben Instituten ab und drohte damit, dass dies auch bei acht weiteren Häusern geschehen könnte. Zu den betroffenen Banken zählen Größen wie Mediobanca und Intesa San Paolo. Bei der Unicredit und einigen Tochterfirmen steht der Ausblick jetzt auf "negativ". Das heißt, die Rating-Agentur erwägt eine Abstufung in der Zukunft. S&P erklärte, dass das sogenannte Rating einer Bank üblicherweise nicht das Rating des Landes übersteigen könne.

Anfang der Woche hatte S&P die Bonität des italienischen Staats herabgestuft von A+ auf A und den Ausblick auf "negativ" gesetzt. Die Agentur begründete diesen Schritt mit den ihrer Meinung nach schlechter werdenden Wachstumsaussichten für die Wirtschaft und den politischen Streitigkeiten im Land. Der umstrittene Regierungschef Silvio Berlusconi hatte lautstark gegen die Entscheidung protestiert.

Angesichts der schweren Turbulenzen an den Finanzmärkten und den schwelenden Schuldenproblemen in Europa und den USA wächst die Furcht vor einer neuen Bankenkrise. Der kanadische Finanzminister Jim Flaherty rief die europäischen Staaten am Mittwoch in einem Rundfunkinterview dazu auf, ihre Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen.

Ansonsten würden die Märkte Tatsachen schaffen, mahnte Flaherty vor dem Finanzministertreffen der 20 größten Industrie- und Schwellenländer (G20) am Donnerstag in Washington. Die daraus resultierende Krise könne die Banken weltweit erfassen. "Wir könnten in eine neue Kreditkrise geraten, die zu einer Schrumpfung der Realwirtschaft führt", sagte Flaherty.

suc/dpa/Reuters

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