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21. Dezember 2009, 10:02 Uhr

Finanzkrisen der 2000er

Totentanz auf den Trümmern

Von , Frankfurt am Main

Milliarden lösten sich in Luft auf, Firmen und Finanzjongleure wurden erst wie im Rausch gefeiert - und stürzten dann ab: So turbulent wie in den vergangenen zehn Jahren ging es an den Börsen selten zu. Doch im kommenden Jahrzehnt drohen noch viel schlimmere Crashs.

Was für eine Nacht. Dagmar Berghoff moderiert um 20 Uhr des 31. Dezember die letzte Tagesschau ihrer Karriere. Endzeit-Sekten warten auf den Weltuntergang, optimistischere Zeitgenossen auf den Messias. Weltweit halten sich Armeen von IT-Spezialisten bereit für mögliche Katastrophen rund um den "Y2K"-Bug - wegen des Jahrtausendwechsels drohen PCs und Server durchzudrehen, die Jahreszahlen bislang zweistellig zählten.

Doch das Chaos bleibt aus, die Schlagzeilen nach Silvester berichten über einen verrückten und doch irgendwie nicht allzu dramatischen Jahrtausendwechsel. Um Mitternacht umarmt US-Präsident Bill Clinton "wieder Hillary", schreibt die "Bild am Sonntag".

Die Welt scheint in den Industrieländern ganz in Ordnung zu sein an diesem 1. Januar 2000.

Nur an der Börse mischen sich unter die euphorischen Stimmen zu dieser Zeit immer öfter solche, die warnen. "Internetfirmen ohne Substanz?", fragt etwa das Monatsmagazin "Capital". "Die halbe Republik, so scheint es, ist derzeit närrisch", stellt der SPIEGEL fest. Die Stimmung in der sogenannten New Economy, der Welt der Software-, Internet- und Biotechfirmen, ist tatsächlich derart überdreht, dass den ersten Beobachtern angst und bange wird. Firmen, die noch keinen Cent Gewinn erwirtschaftet haben, sind von einem Tag auf den anderen Millionen und Milliarden an den Börsen wert. Die Anleger laufen bei jedem neuen Börsengang fast Amok, um Papiere zu ersteigern.

Wenige Wochen nach dem denkwürdigen Jahreswechsel ist es plötzlich soweit: Die Aktienkurse an den neuen Technologie-Börsen gehen auf Sinkflug. Ins Bodenlose. Die New Economy bricht in sich zusammen.

Es wird nicht der letzte Megacrash des anbrechenden Jahrzehnts bleiben. So turbulent wie in den vergangenen zehn Jahren ging es wohl selten zu an den Börsen. Nach dem Crash der Technologiebörsen lassen die Terroranschläge vom 11. September 2001 die Aktien- und Finanzmärkte erneut einbrechen. Und kurz darauf bildet sich schon die nächste Blase am US-Hypothekenmarkt: Auch dort knallt es bald.

SPIEGEL ONLINE lässt die Finanzkrisen der vergangenen zehn Jahre Revue passieren - und zeigt, warum wir in Zukunft mit noch schlimmeren Crashs rechnen müssen.

2000: Das Desaster der New Economy

Im März 2000 sind die Deutschen noch ganz dem Börsen-Wahnsinn verfallen. Sie lösen Sparkonten auf, plündern die Haushaltskasse, kratzen die letzten Pfennige aus dem Sparstrumpf, um bei der Mega-Sause dabei zu sein. Siemens bringt seine Halbleitersparte an die Börse, die Republik ist im Infineon-Fieber . Nach einer 100 Millionen Mark teuren Werbekampagne stehen bei Banken und Sparkassen die Telefone nicht mehr still. Am Ende ist das Papier 33-fach überzeichnet.

Der große Tag selbst wird inszeniert, wie es zu dieser Zeit üblich ist: klotzig. Am Eingang des Frankfurter Börsensaals ist ein meterhohes Mikrochip-Modell aufgebaut. Silberne Luftballons schmücken die umliegenden Häuser und Bäume. Infineon-Chef Ulrich Schumacher - von Kopf bis Fuß in Rennfahrermontur - fährt mit heulendem Motor im silbernen Porsche vor. Dann geht er ausholenden Schrittes in den Handelsraum, wo der Infineon-Kurs sich innerhalb kürzester Zeit verdoppelt.

Zu diesem Zeitpunkt sind etwa fünf Millionen Deutsche Aktienbesitzer, so viele wie nie zuvor. Am 1997 eröffneten Neuen Markt, wo junge Unternehmen ohne allzu große Hürden ihre Aktien handeln können, herrscht Dauerpartystimmung. Jungmanager wie der damals 29-jährige Jenaer Stephan Schambach, der die Handelsplattform Intershop gründete, verfügen innerhalb kürzester Zeit über Milliarden - ohne je einen Pfennig verdient zu haben. Zwischenzeitlich hat Intershop einen Börsenwert von elf Milliarden Euro - und spielt damit zwischenzeitlich in einer Liga mit Volkswagen . Statt harter Fakten bestimmen "Phantasien" und "Storys" den Wert eines Papiers.

Doch wer genau hinschaut, kann an diesem 13. März 2000, dem "I-Day", bereits die Katastrophe kommen sehen. Denn während die Infineon-Papiere wie wild gehandelt werden, sacken die Kurse anderer Tech-Werte ab. Die SAP-Aktie verliert 5,5 Prozent, die T-Aktie 5,6 Prozent, die Papiere von Siemens sogar 8,3 Prozent. Es ist der Anfang vom Ende.

Das Jahr 2000 wird zum Albtraum für die Börse

Ihren Ursprung nimmt die Krise, ebenso wie der vorangegangene Boom, in den USA. Die Auslöser sind eigentlich lächerlich. Die Inflation steigt unerwartet an, dann drohen zum wiederholten Mal innerhalb kurzer Zeit höhere Zinsen von Seiten der Notenbank Fed. Doch die Märkte sind derart überhitzt, dass eine winzige schlechte Nachricht genügt, um die Kurse auf Talfahrt zu schicken.

Der Einbruch, der bald folgt, ist brutal. Es ist wie auf einer rauschenden Party, bei der irgendjemand plötzlich das Licht anschaltet. Die Gäste ernüchtern schlagartig, sehen, in was für einem Trümmerfeld sie mittlerweile tanzen - und machen sich schnellstmöglich davon.

Nach und nach wird klar, wie sehr sich die Protagonisten der New Economy überschätzten. Immer öfter werden die wolkigen Prognosen verfehlt - und in ihrer Verzweiflung fangen viele der strahlend lächelnden Manager an zu tricksen. Etwa die charmanten Gründer des Filmrechtehändlers EM.TV, Thomas und Florian Haffa. Sie werden später wegen falscher Angaben zu ihren Unternehmenszahlen zu 1,2 Millionen bzw. 240.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Der Gründer des Verkehrstechnik-Unternehmens Comroad, Bodo Schnabel, muss Aktionären nach einem entsprechenden Richterspruch Schadensersatz zahlen und wandert sogar ins Gefängnis.

So wird das Jahr 2000 für die Börsen zum Alptraum. In Anlegermagazinen erscheinen Todeslisten von Unternehmen, denen angeblich die Pleite bevorsteht, die Kurse gehen auf Talfahrt. Bis zum Ende des Jahres werden allein am Neuen Markt weit mehr als 100 Milliarden Euro einfach vernichtet.

2001: Der Schock nach dem 11. September

Die Ausgangslage in den USA ist schlecht. Konjunktur schwächelt ohnehin, Gewinn- und Umsatzprognosen werden drastisch nach unten korrigiert, die Aktienkurse sind nach dem Einbruch der New Economy auf Dauer-Talfahrt.

Dann kommt der 11. September. Um 8.46 Uhr kracht das erste Flugzeug ins World Trade Center, um 9.03 folgt ein zweites, Flammen steigen aus den beiden mehr als 400 Meter hohen Türmen, Explosionen sind zu hören. Menschen stürzen sich in ihrer Verzweiflung aus den Fenstern in die Tiefe. Schließlich brechen die Gebäude in Wolken aus Staub und Asche kurz nacheinander zusammen.

Die Terroranschläge schockieren die Welt. Das bekommt auch die Wirtschaft zu spüren.

Wo die Börsen nicht geschlossen werden, stürzen die Kurse ins Bodenlose. Die Angst geht um. Der Dax bricht zeitweise um mehr als elf Prozent auf 4130 Punkte ein, vor allem die Aktien von Versicherern und Rückversicherern geraten unter Druck.

Die Tourismusindustrie gerät in eine dramatische Dauer-Krise

Die zynische Begründung von Beobachtern: Das unfassbare Unglück werde wohl zum teuersten, jemals von Menschen verursachten Unglücksfall für die Branche. Immerhin müssten die Konzerne für die zerstörten Flugzeuge, den Verlust der beiden Wolkenkratzer, die Schäden an den umliegenden Gebäuden und für die teure Verlagerung der betroffenen Unternehmen zahlen.

In den USA herrscht an diesem und den folgenden Tagen ohnehin der Ausnahmezustand. Einkaufszentren sind geschlossen, der Flugverkehr unterbrochen. Bei Starbucks stehen die Kaffeemaschinen still, Walt Disney hat seine Themenparks dicht gemacht, Baseballspiele werden abgesagt. Schon das verursacht unendliche wirtschaftliche Schäden. Und viele Branchen, wie etwa die Tourismusindustrie, geraten nach dem 11. September in eine dramatische Dauer-Krise, weil viele Menschen seither Angst vor dem Fliegen haben.

So ist es kein Wunder, dass die US-Börsenindizes am ersten Handelstag nach sechs Tagen Zwangspause komplett in den Keller rauschen. Allein der Dow-Jones-Index verliert am 17. September mehr als sieben Prozent. Und die Krise hinterlässt weltweit Spuren. Der Dax etwa verliert in diesem einen Jahr 19,8 Prozent.

2007: Die Subprime-Krise

Es fängt ganz harmlos an. Als Krise, die für die meisten Deutschen eigentlich nur in der Zeitung stattfindet. Anfang 2007 häufen sich die Berichte über Kreditausfälle am US-Hypothekenmarkt. Dort haben sich über die Jahre irrwitzige Sitten bei der Kreditvergabe eingeschlichen: Um der angeschlagenen Wirtschaft auf die Beine zu helfen, hat die US-Notenbank jahrelang eine konsequente Niedrigzinspolitik gefahren. Davon angestachelt vergeben Banken nun Unsummen an Krediten. Auch an Schuldner mit zweifelhafter Bonität.

Ein Haken an diesem sogenannten Subprime-Geschäft: Die Kunden werden mit günstigen Einstiegszinsen gelockt, diese steigen während der Vertragslaufzeit allerdings kräftig. Das heikle Geschäft funktioniert, solange der Boom am Immobilienmarkt anhält. Seit Jahren steigen dort die Preise von Wohnungen und Häusern rasant. Ein Eigenheim, das später mit sattem Gewinn weiterverkauft werden kann, scheint nun auch für Geringverdiener eine lohnende Investition.

Als Wohnungen und Häuser allerdings plötzlich nicht mehr teurer werden, nimmt das Drama seinen Lauf. Immer mehr Immobilienbesitzer können ihre Schulden nicht begleichen, die Banken müssen erhebliche Ausfälle verbuchen. Doch das wahre Desaster ist: Auch Institute außerhalb der USA sind betroffen. Das Engagement der deutschen Mittelstandsbank IKB zum Beispiel kostet über 8 Milliarden Euro. Auch die SachsenLB und die Bayern LB geraten ins Wanken.

"Zu übertriebener Sorge besteht kein Anlass"

Der Hintergrund: An den Finanzmärkten wird seit Jahren mit Kredit-Risiken gehandelt, sie werden gestückelt, in neue Produkte gepackt, weiterverkauft. Ursprünglich sollten so die Gefahren für einzelne Banken begrenzt werden - doch wegen der hohen Renditechancen wird der Markt zum Spielcasino. Es wird gezockt wie wild. Allein im Jahr 2006 wächst der weltweite Handel mit CDOs, CLOs, ABS und anderen komplexen Instrumenten fast um die Hälfte, das Gesamtvolumen der Derivate steigt auf 415 Billionen Dollar an.

Doch obwohl die Folgen 2007 auf der ganzen Welt zu spüren sind, ahnen die wenigsten, wie schlimm es tatsächlich wird. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann etwa schreibt in einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt" im September 2007, er sehe zwar Handlungsbedarf, "zu übertriebener Sorge oder gar Panik besteht jedoch kein Anlass". Was für ein Irrtum.

Etwas mehr als ein Jahr später, am 15. September 2008, lässt die US-Regierung die Investmentbank Lehman Brothers pleite gehen - und schlagartig wird klar, wie eng die großen Banken und Finanzunternehmen der Welt miteinander vernetzt sind. Wie schnell die Krise eines einzelnen Players die ganze Branche mitreißen kann.

Der Blutkreislauf der Weltwirtschaft ist unterbrochen

Gläubiger von Lehman Brothers verlieren Unsummen, Tausende Kleinanleger stehen plötzlich mit Nichts in der Hand da, weil sie Zertifikate von Lehman gekauft hatten und diese nun nichts mehr wert sind. Doch vor allem geht in diesem Moment an den Märkten das wichtigste Schmiermittel überhaupt verloren: das Vertrauen.

So trocknet etwa der Interbankenmarkt, auf dem sich Geldinstitute gegenseitig Kredit geben, komplett aus. Damit ist der Blutkreislauf der Weltwirtschaft unterbrochen. Großbanken auf dem gesamten Globus geraten daraufhin ins Wanken und müssen mit öffentlichen Geldern aufgefangen werden. Börsen stürzen ab. Ganzen Volkswirtschaften droht die Pleite.

Es ist der mit Abstand schlimmste Crash dieses Jahrzehnts.

2010: ... und es wird weitergezockt

Auf den ersten Blick scheint sich die Wirtschaft von der Mega-Krise am Ende des Jahrzehnts erstaunlich schnell zu erholen. Das zumindest suggerieren die Börsen. Seit seinem Tief im März hat der Dow-Jones-Index wieder um knapp 60 Prozent zugelegt. Vor allem die Rohstoffpreise steigen rasant: Der Zuckerpreis hat sich in den vergangenen zwölf Monaten fast verdoppelt, Rohöl ist 80 Prozent teurer als vor einem Jahr, Kupfer kostet gar 122 Prozent mehr.

Doch dieser Anstieg macht vielen Experten Angst. Denn konjunkturgetrieben sind die Bewegungen nach Expertenansicht nicht mehr: Die Spekulanten haben vielmehr ein neues Spielfeld entdeckt.

Die Mittel zum Zocken sind ja auch ausreichend verfügbar. Die Notenbanken haben die Finanzmärkte weltweit mit billigem Geld geflutet, um die Wirtschaft anzukurbeln. Gleichzeitig kaufen sie im mehr oder minder großen Stil den Geldhäusern ihre Giftpapiere ab, um diese wieder stark zu machen. Der absurde Effekt: Die gesundeten Institute spielen erneut Casino. Allein die Händler von Goldman Sachs machen Geschäfte im Volumen von 200 Millionen Dollar - pro Tag. Auch die New Yorker Citigroup , die die US-Regierung mit mehr als 25 Milliarden Dollar vor dem Untergang retten musste, ist dick im Geschäft mit komplexen Finanzprodukten.

Die Zocker tanzen auf den Trümmern der Finanzkrise, aus denen noch der Rauch des letzten Crashs aufsteigt.

Das Volumen der Zinsderivate beläuft sich auf 400 Billionen Dollar

Experten warnen: Die Frage sei nicht, ob eine nächste Mega-Krise ansteht, sondern wann. Viele Fachleute glauben, dass die Beben an den Finanz- und Aktienmärkten in Zukunft immer schneller aufeinander folgen - und immer verheerendere Auswirkungen haben werden.

Der einfache Grund: Die Einsätze, mit denen in der Finanzwelt gezockt wird, werden immer größer. Allein das Volumen aller gehandelten Zinsderivate beträgt heute weltweit mehr als 400 Billionen Dollar - 1995 waren es erst 18 Billionen. Und in den siebziger Jahren war das internationale Finanzvolumen der Auslandsinvestitionen und Währungsgeschäfte gerade einmal doppelt so hoch wie das des realen Handels. Heute liegt schon die Währungsspekulation beim 20-fachen des Handels mit echten Gütern. "Der Welthandel wird zu immer größeren Teilen von den Finanzmärkten bestritten, sagt der Wirtschaftshistoriker Johannes Bähr.

Es gehört offenbar dazu, dass die Anleger bei besonders vielversprechenden Anlagen blind für jedes Risiko werden, sich von der Begeisterung mitnehmen lassen. "Diese Manien gibt es immer wieder in der Geschichte", sagt Wirtschaftshistoriker Christian Kreiß. Und sein Kollege Bähr fügt hinzu, dass auch die gegenwärtige Krise nicht langfristig zum Umdenken geführt habe. "Dafür ist die Gier einfach zu stark."

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