Firma gründen trotz Corona Die Durchstarter

Tausende Firmen stehen wegen der Coronakrise vor dem Nichts - doch selbst in dieser verzweifelten Lage wagen Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit. Was treibt die Firmengründer an?
Melanie Bauer, Gründerin von Melagence Local, einer Online-Vertriebsplattform für Designerboutiquen

Melanie Bauer, Gründerin von Melagence Local, einer Online-Vertriebsplattform für Designerboutiquen

Foto: Benjamin Höhner

Während bei vielen Firmen Endzeitstimmung herrscht, stehen die Zeichen bei anderen auf Neustart: Selbst mitten in den Turbulenzen der Wirtschaftskrise gibt es Menschen, die etwas riskieren - und ihre eigene Firma gründen.

Manche setzen auf die Krise als Chance, weil sich jetzt das Kaufverhalten der Kunden ändert, ihr Mobilitätsverhalten, das Sozialleben. Andere halten an Plänen fest, die sie lange vor dem Ausbruch der Pandemie geschmiedet haben, und gehen unverdrossen mit ihren Geschäftsideen an den Markt, Krise hin oder her.

Der SPIEGEL stellt einige von ihnen vor:

Copyshop mit Lieferdienst - Simon Zeidler (Karlsruhe)

Die Copyshop-Gründer Daniel Sobing und Simon Zeidler

Die Copyshop-Gründer Daniel Sobing und Simon Zeidler

Foto: Daniel Simon

"Wir sind am 20. März gestartet - der Tag, an dem die Läden schließen mussten. Simon und ich dachten: Der Markt ist turbulent, das ist doch die Gelegenheit schlechthin! Drei Tage später war unser Online-Copyshop für Hochschulbedarf  da.

Die klassischen Copyshops waren ja zu. Bei uns geht alles online: Wir haben ohnehin keinen Laden, niemand muss vorbeikommen. Bis 6 Uhr morgens lädt man seine Datei auf unserer Website hoch, wir drucken und binden die Aufträge und liefern per Fahrradkurier bis 12 Uhr in der Karlsruher Innenstadt aus. Alle anderen Kunden in Karlsruhe kriegen ihre Aufträge per Kurier noch am selben Tag.

Zwei Tage später sind wir live gegangen. Wir haben durch Bekannte auf Druck- und Bindemaschinen zugreifen können, unsere eigenen, gebrauchten Maschinen sind erst nach einem Monat gekommen. Dank Werbung über die sozialen Netzwerke und Mundpropaganda hatten wir nach gut einem Monat 5000 Euro Umsatz.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Auch nach der Öffnung der Läden läuft es weiter rund. Wir sind halt halb so teuer und doppelt so digital wie andere Copyshops, das ist in unserem jungen, akademischen Umfeld ziemlich krisenfest. Wir binden die Bachelor- und Masterarbeiten in Handarbeit, das ist unsere Nische. Alles andere wie Flyer können andere Anbieter billiger.

Wenn wir die 10.000-Euro-Umsatzmarke pro Monat geknackt haben, wollen wir aber ein Ladengeschäft aufmachen und Mitarbeiter einstellen, die auch das Drucken und Binden übernehmen. Wir machen das nämlich nur nebenher, arbeiten beide Vollzeit bei einem Personalvermittler für akademische Berufseinsteiger. Wir sind gerade eher Unternehmer aus Hobbygründen."

Pizza als Bausatz - Roberto Venturino (Hamburg)

Pizzabox-Gründer Roberto Venturino

Pizzabox-Gründer Roberto Venturino

Foto: Moncef Dell Andrea

"Wir sind Anfang März mit Corona aus dem Skiurlaub in Tirol wiedergekommen - und erst mal für Wochen in die Quarantäne abgetaucht. Dann kam der Lockdown und meine Kochschule und Eventküche ist seitdem zu. Meine Gastro-Consultingfirma leider auch. Der totale Stillstand, alle Einnahmen brachen weg. Als wir wieder gesund waren, kam mir als Koch die Idee zu den Pizza-Boxen : Frische Zutaten für die Pizza zu Hause, mit Tomaten, Mozzarella und einem richtig guten Teig.

Viele Pizzabäcker, auch die professionellen, haben ja Probleme mit dem Teig. Unserer fermentiert deshalb bis zu 72 Stunden. Dann wird er viel fluffiger und bekömmlicher. Nur Mehl, Salz, Hefe und Wasser ist da dran. Deswegen müssen die Kunden bis Mittwoch bestellen und können erst am Freitagnachmittag oder Samstagvormittag abholen, für fünf Euro pro Pizza-Paket.

Das läuft gut - wir machen ungefähr 200 Bestellungen pro Woche. Damit verdienen wir kein großes Geld, aber wir haben zu tun und sind abgelenkt. Außerdem macht der Kontakt zu den Kunden echt Spaß - viele sagen, sie wollen uns unterstützen. Das tut gut.

Letzte Woche hatten wir eine Firmenkundin, für deren 200 Angestellte im Homeoffice haben wir Pizza-Boxen nach Hause geliefert. Abends hab' ich denen im Livestream gezeigt, wie man die Pizza genau zubereitet. Natürlich kann jeder andere Sachen auf die Pizza legen - Gemüse, Schinken, Salami oder Rucola. Ein Kunde hat mir ein Pizza-Foto geschickt mit Hähnchen und Spargel. Es gibt die wildesten Kreationen.

Ob wir das nach der Krise noch weitermachen, weiß ich noch nicht. Aber wir profitieren als Eventveranstalter leider nicht von den Öffnungen der Gastronomie. Bei uns läuft also weiterhin erstmal nichts, außer der Pizza-Box."

Online-Plattform für Luxusboutiquen - Melanie Bauer (Berlin)

Melagence Local-Gründerin Melanie Bauer

Melagence Local-Gründerin Melanie Bauer

Foto: Benjamin Höhner

"Als die Krise zuschlug, traf sie Designer und Läden gleichermaßen. Wir haben gedacht: Jetzt müssen wir zusammenhalten, sonst gehen wir alle unter. So entstand die Idee einer gemeinsamen Online-Vertriebsplattform Melagence Local  für Luxusboutiquen.

Viele dieser Läden haben keinen Onlineshop, während des Lockdowns hatten sie also gar keinen Vertriebsweg. Jetzt, wo die Läden wieder aufhaben, sind weniger Kunden in den Geschäften unterwegs. Die Boutiquen sind aber in Vorleistung getreten, ihre Lager sind voll mit der Frühjahrs- und Sommerware.

Das Prinzip von Melagence Local ist simpel: Man kauft über die Plattform direkt beim Laden - der nimmt das bestellte Teil vom Bügel, verpackt und verschickt es. Alles, was die Boutique machen muss, ist ihren Lagerbestand auf der Plattform zu aktualisieren.

Wer jetzt Luxusmode kauft? Die Stores haben noch immer ihre Stammkunden, die bewusst einkaufen - und jetzt sagen: Ich kaufe mir lieber nur ein Teil in guter Qualität, von dem ich lange was habe. Von Rabattaktionen halte ich gar nichts - die Läden brauchen jetzt mehr denn je ihre Marge.

Noch ist die Plattform klein, aber jede Woche kommen neue Händler hinzu. 15 Prozent Provision gehen an uns. Weil unsere Kleidung einen durchschnittlichen Verkaufswert von 350 Euro pro Teil hat, fällt durchaus was ab. Wenn in Zukunft jeder Laden täglich fünf Teile über die Plattform verkauft und immer mehr Händler an Bord kommen, können wir alle profitieren - Designer, Boutiquen und meine Agentur.

Der Online-Marktplatz ist auch für die Zukunft dieser Händler eine Chance - nicht nur für die Zeit der Krise. Denn die Vernetzung von Online und Offline könnte den kleinen Boutiquen die Zukunft sichern. Man muss einfach mehrere Vertriebswege aufbauen, um zu überleben."

Bekind Kindermöbel - Philip Dabrowski (Münster)

Bekind-Gründer Philip Dabrowski und Lars Theenhaus mit ihrem Möbelstück "EINS" - und ihren Kindern

Bekind-Gründer Philip Dabrowski und Lars Theenhaus mit ihrem Möbelstück "EINS" - und ihren Kindern

Foto: Alexandra Kern

"Ich bin grade Vater geworden - und habe keine schönen und praktischen Kindermöbel auf dem Markt gefunden. Auch in der Möbelbranche gibt es immer mehr Wegwerfprodukte. Unsere Idee schon vor der Krise war: Wir bauen zeitlose, mitwachsende und damit nachhaltige Möbel aus Massivholz. Unser Hocker in Kubusform kann zum Beispiel ein Kinderstuhl oder -tisch sein und später ein Hocker oder Couchtisch für Erwachsene - je nachdem, wie man ihn dreht.

Seit einem Jahr arbeiten wir an der Gründung von Bekind . Ich habe meine Kölner Wohnung verkauft, wohne jetzt in Münster zur Miete. Seit einem Jahr haben wir nur Kosten - für die Entwicklung und Herstellung der Prototypen, für Marketing und die Website. Die ganze Zeit haben wir auf den 15. Juni hingearbeitet, an dem unsere vierwöchige Kickstarter-Kampagne beginnen sollte.

Dann kam Corona und hat alles auf den Kopf gestellt. Statt Kickstarter haben wir jetzt erst einmal Kurzarbeit und einen KfW-Kredit beantragt. Aber auch wenn der Markt grade völlig unklar ist - wir können und wollen nicht mehr warten. Wir gründen auf jeden Fall trotzdem.

Die Kampagne soll jetzt ab Anfang Juli laufen - ab dann kann man die Hocker und die Bank 30 bis 40 Euro günstiger vorbestellen. Mit dem Geld wollen wir das Material finanzieren und ein Produktionsteam hier in Deutschland aufbauen. Ich bin unglaublich gespannt!

Zum Glück scheint es bei den Rohstoffpreisen keine dramatischen Preiserhöhungen zu geben - wir verwenden FSC-zertifizierte Eiche aus dem Spessart und Fichte aus dem Sauerland. Wir wollen damit kein Nischenprodukt machen, sondern viele Kunden erreichen. Denn sonst haben wir ja nichts verändert: Die Leute sollen sich nicht mehr alle paar Monate oder Jahre im Möbelhaus mit 'Fast Furniture' eindecken."

Rose Bikes - Carlos Friedrich (Schweiz)

Rose Bikes Schweiz-Gründer Carlos Friedrich

Rose Bikes Schweiz-Gründer Carlos Friedrich

Foto: Rose Bikes

"Wir wollten den Fahrrad-Store Rose Bikes  am 2. April hier am Zürichsee eröffnen, aber dann kam am 17. März der Lockdown. Das ging von hundert auf null, ein richtiger Schock. Ich habe für die Gründung - ein Start-up mit Rose Bikes in Deutschland - meinen alten Job gekündigt, wir haben seit über einem Jahr daran gearbeitet und jede Menge investiert. Und dann gab es ab April statt Einnahmen nur laufende Miet- und Personalkosten.

Aber für uns war immer klar, dass wir trotz der Krise weitermachen und für unser Start-up kämpfen. Mit Kurzarbeit und um die Hälfte gestundeter Miete konnten wir Kosten senken. Weil wir trotzdem was machen wollten, haben wir Ersatzteile, Werkstattleistungen und Probefahrten nach Terminabsprache angeboten. Außerdem lief parallel der Rose-Online-Shop, die Einnahmen fließen aber zu Rose Deutschland. Und jetzt, am 11. Mai, haben wir endlich eröffnet, die erste Woche war vielversprechend: alle Beratungstermine ausgebucht, dazu kam kauffreudige Laufkundschaft.

Insgesamt haben wir als Fahrradhändler gute Perspektiven: Die Leute fahren jetzt deutlich mehr Rad, weil man sich dabei nicht anstecken kann und die Sportvereine und Fitnessstudios bis 11. Mai zu waren. Das zeigt sogar eine Studie der ETH Zürich. Die Nachfrage nach Fahrrädern steigt also. Und unser Konzept - eigene Produktion von hochwertigen Rädern, individuell konfiguriert - dürfte auch in Krisenzeiten funktionieren, weil wir keine Zwischenhändler haben und damit zwanzig bis dreißig Prozent billiger sind.

Auch für die Zukunft halten wir daran fest - wir planen in Basel, Bern und anderen Schweizer Städten bis zu zehn weitere Stores in den nächsten fünf Jahren."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.