Schlangen bei der Abfertigung Zahl der Beschäftigten an deutschen Flughäfen fällt auf Rekordtief

Elf Prozent weniger Personal als vor der Pandemie haben deutsche Flughäfen derzeit – lange Wartezeiten sind die Folge. Ein Airportmanager gibt »offen zu, dass wir falsch gelegen haben«.
Lange Warteschlangen am Hamburger Flughafen (am Sonntag): Besserung ist so schnell nicht in Sicht

Lange Warteschlangen am Hamburger Flughafen (am Sonntag): Besserung ist so schnell nicht in Sicht

Foto: Axel Heimken / dpa

Die Zustände an vielen deutschen Flughäfen sind derzeit chaotisch; es gibt lange Wartezeiten, Verspätungen und gestrichene Flüge. Grund dafür ist ein eklatanter Personalmangel: An den Airports in Deutschland ist die Zahl der Beschäftigten zuletzt auf den tiefsten Stand seit mindestens sieben Jahren gesunken.

Im April waren in der Personenbeförderung in der Luftfahrt 6,6 Prozent weniger Menschen beschäftigt als vor einem Jahr, teilte das Statistische Bundesamt auf Grundlage vorläufiger Daten mit. Verglichen mit dem Niveau vor der Coronapandemie im April 2019 waren es sogar 11,3 Prozent weniger.

»Damit sank die Anzahl der Beschäftigten in dieser Branche im April 2022 auf den bisher tiefsten Wert seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2015«, so die amtlichen Statistiker. Konkrete Zahlen nannten sie nicht.

Dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge fehlen rund 7200 Beschäftigte in der Luftfahrt. Die Airlines, die wegen der starken Nachfrage nach Urlaub und Reisen eigentlich das Vorkrisenniveau anvisiert hatten, müssen nun massiv Flüge aus dem Programm nehmen. Damit sollen die Abläufe an den Flughäfen stabilisiert werden.

Die Bundesregierung will der Luftfahrt mit beschleunigten Verwaltungsverfahren helfen. So sollen befristet angestellte Hilfskräfte, etwa aus der Türkei, an den Flughäfen bei der Gepäckabfertigung einspringen. Die Branche hofft auf 1500 bis 2000 Personen, die großenteils wohl ab August zum Einsatz kommen könnten. Dies dürfte allerdings für das Feriengeschäft vieler Flughäfen schon zu spät sein.

So geht etwa der Betreiber Fraport kurzfristig nicht von einer Besserung der angespannten Lage am größten deutschen Flughafen Frankfurt aus. »Das Problem wird nach vorne, obwohl wir einstellen, nicht kleiner werden. Das sage ich sehr offen«, so Fraport-Chef Stefan Schulte. Die zurzeit massive Störung des Betriebs wegen fehlender Arbeitskräfte werde die nächsten zwei, drei Monate anhalten. Vermutlich müssten nach den Streichungen, die vor allem die Lufthansa als Hauptanbieter in Frankfurt vorgenommen hat, weitere Flüge aus dem Programm genommen werden.

Fraport hat nach dem Abbau von rund 4000 Beschäftigten in der Pandemie fast 1000 neue Mitarbeiter für Bodendienste wieder eingestellt. Selbst wenn einige Hundert neue Mitarbeiter oder Aushilfskräfte aus dem Ausland zum Einsatz kämen, dürfte sich die Lage Schulte zufolge nicht bessern. Denn wegen der hohen Belastung durch Überstunden, Sonder- und Nachtschichten sei mit einem steigenden Krankenstand im Sommer zu rechnen.

Zusätzlich macht sich die erneute Corona-Infektionswelle bemerkbar. Die Krankenquote bei den Bodenverkehrsdiensten sei derzeit mit 15 Prozent um einige Prozentpunkte höher als gewöhnlich. Zugleich liegen die stärksten Reisemonate mit dem Ferienbeginn in Hessen und Rheinland-Pfalz Ende Juli noch vor dem Frankfurter Flughafen.

Dort kommt es vor allem bei der Gepäckausgabe zu Wartezeiten von zwei Stunden und mehr. Denn Fraport priorisiere die Abfertigung für abfliegende und umsteigende Passagiere. »Uns ärgert das am meisten selbst«, sagte Schulte, der wie andere Vorstandsmitglieder und rund 150 Verwaltungsbeschäftigte von Fraport derzeit bei der Arbeit auf dem Flughafen-Vorfeld mithilft. »Wir entschuldigen uns dafür, weil es für viele Passagiere sehr schwierig zurzeit ist.«

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Es sei aber nun mal schwer, das sehr komplexe, arbeitsteilige System Flughafen in so kurzer Zeit wieder hochzufahren. Die Stärke der Reisenachfrage habe die optimistischen Erwartungen von Fraport und vielen anderen noch übertroffen. Statt der erwarteten 70 bis 75 Prozent des Vorkrisenniveaus seien es derzeit 80 bis 85 Prozent zum Teil. Zu Spitzenzeiten sei der Andrang so hoch wie vor der Pandemie. »Das hat uns schon überrascht. Da gebe ich offen zu, dass wir falsch gelegen haben«, so Schulte.

fdi/Reuters
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