In abgestürzten 737-Max-Jets Boeing verbaute ungenehmigte Sensoren

Boeing hat offenbar nicht zugelassene Teile in Maschinen vom Typ 737 Max verbaut und soll deshalb nun ein Millionenbußgeld zahlen. Der US-Kongress kritisiert die Flugzeuge als "grundlegend fehlerhaft und unsicher".
Arbeiten an einem Boeing 737-Max-Jet

Arbeiten an einem Boeing 737-Max-Jet

Foto: Lindsey Wasson/ REUTERS

Ein knappes Jahr nach dem zweiten Absturz einer Boeing 737 Max innerhalb weniger Monate erhebt der Untersuchungsausschuss des US-Kongresses schwere Vorwürfe gegen den Flugzeughersteller und die zuständige Aufsicht. Beide hätten "mit der Sicherheit der Menschen gespielt". Es gebe bei Boeing eine "Kultur des Verheimlichens", heißt es in dem vorläufigen Untersuchungsbericht des Ausschusses, der viele technische Fehler anprangert. Die Überprüfung der 737 Max durch die Luftfahrtaufsicht FAA wiederum sei "in grober Weise unzureichend" gewesen. Fast gleichzeitig teilte die FAA mit, nicht zugelassene Sensoren in den Jets entdeckt zu haben.

Boeing steckt seit über einem Jahr in einer schweren Krise, weil für seinen bestverkauften Flugzeugtyp 737 Max nach zwei Abstürzen mit 346 Toten am 29. Oktober 2018 in Indonesien und am 10. März 2019 in Äthiopien weltweit Startverbote verhängt wurden. Nach und nach bringen Untersuchungen der Unfälle und Vorgänge innerhalb des Konzerns bizarre Versäumnisse  zutage. Der Airbus-Rivale wird verdächtigt, die Unglücksflieger im Wettbewerb überstürzt auf den Markt gebracht und die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Boeing streitet dies ab, hat aber Fehler und Pannen eingeräumt.

Laut der Aufsicht FAA hat Boeing nicht genehmigte Sensoren in die Flugzeuge eingebaut. Sie seien möglicherweise darüber hinaus nicht einmal mit dem System des Flugzeugs kompatibel, für das sie vorgesehen seien, und das Piloten zur Anzeige von Instrumentenwerten verwenden. Die US-Luftfahrtaufsicht fordert von Boeing wegen dieser Bauteile des Herstellers Rockwell Collins in Hunderten Jets der 737-Baureihe ein Bußgeld von 19,7 Millionen Dollar.

Das Unternehmen teilte mit, bei der Untersuchung der FAA kooperiert und bereits auf die Beanstandungen reagiert zu haben. Bei den nicht zugelassenen Sensoren, die nun von der FAA geahndet wurden, gehe es aber nicht um ein Sicherheitsproblem, sondern um Versäumnisse bei bestimmten Unterlagen zur Zertifizierung.

"Grundlegend fehlerhaft und unsicher"

Die Kritik am Flugzeughersteller durch den US-Kongressausschuss ist heftig. Er bezeichnet die Boeing 737 Max als "grundlegend fehlerhaft und unsicher". Ursache dafür seien sowohl Konstruktionsfehler durch Boeing, etwa "mehrere technische Designfehler", Täuschung beim Einholen von Zertifikaten und genauso eine mangelnde Kontrolle durch die Flugaufsichtsbehörde FAA, heißt es in dem gestern veröffentlichten vorläufigen Bericht des zuständigen Kongressausschusses. Die 737 Max sei bereits in ihrer Entwicklung durch technische Fehler und einen Mangel an Transparenz gegenüber Aufsehern und Kunden "ruiniert" gewesen, so der Ausschuss. Zudem habe Boeing Informationen zum Betrieb und zur Technik des Flugzeugs verschleiert und zurückgehalten.

Ein falsch kalibrierter Sensor vom Gebrauchtmarkt soll auch für den Absturz der 737 Max in Indonesien verantwortlich  sein. Das hatte die indonesische Verkehrssicherheitsbehörde schon vergangenes Jahr in ihrem Untersuchungsbericht festgestellt. Boeing-Ingenieure sollen zudem das Verhalten des Flugzeugs, das in bestimmten Flugsituationen die Nase der Maschine automatisch absenken sollte, nur von den Angaben eines einzigen Sensors abhängig gemacht haben. Neben Technikproblemen hätten aber auch Fehler der Crew und mangelnde Wartung den Absturz der Maschine des Billigfliegers Lion Air mit 189 Toten mitverursacht.

Äthiopien macht Bauweise des Jets verantwortlich

Der Untersuchungsbericht zum Absturz einer Boeing 737 Max im März 2019 in Äthiopien steht noch aus. Insidern zufolge soll er jedoch durch die Bauweise des Flugzeuges verursacht worden sein. Das gehe aus einem Entwurf des Zwischenberichts zur Absturzursache des Flugs 302 der Ethiopian Airline hervor, bei dem alle 157 Menschen an Bord ums Leben kamen, sagten zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen der Nachrichtenagentur "Reuters".

Seit den Boeing-Abstürzen steht auch die Aufsichtsbehörde in der Kritik und kämpft um ihren Ruf. Die FAA habe ihre Pflicht bei der Erkennung entscheidender Sicherheitsprobleme im Rahmen der Zertifizierung des Flugzeugs nicht erfüllt, prangerte nun auch der Kongressausschuss an. Bei der Genehmigung der 737 Max sei die FAA "ihrer Aufsichtspflicht zur Gewährleistung der Sicherheit der reisenden Bevölkerung nicht nachgekommen".

Seit Dezember hat die FAA mehr als 9 Millionen Dollar Bußgeld gegen Boeing wegen des Einbaus nicht konformer Teile an den Tragflächen verhängt. Schon vor den Abstürzen hatte Boeing im Jahr 2015 etwa ein Dutzend FAA-Vorwürfe durch Zahlung einer Geldstrafe von 12 Millionen Dollar abgeschlossen und sich bereiterklärt, bis zu 24 Millionen Dollar zusätzlich zu zahlen, falls in den folgenden fünf Jahren weitere Verstöße gegen die FAA-Vorschriften auftauchten.

Die Geldstrafen gehören zu den höchsten, die die FAA verhängt hat. Sie sind jedoch unbedeutend im Vergleich zu den finanziellen Verlusten von Boeing im Zusammenhang mit den Max-Abstürzen in Indonesien und Äthiopien. Im Januar sagte Boeing, dass die Kosten im Zusammenhang mit der Reparatur der Max und der Entschädigung der Fluggesellschaften und der Familien der Passagiere über 18 Milliarden Dollar betragen würden. Boeing hofft auf eine Wiederzulassung der 737 Max bis Mitte dieses Jahres.

Nasa kritisiert Probleme von Boeing beim Starliner

Herstellungsprobleme bei Boeing weiten sich nun auch auf andere Sektoren aus. So prangert die Nasa an, dass Boeing als Betreiberfirma nach dem missglückten Test des Starliner 61 Korrekturen an dem Raumschiff vornehmen muss. Das habe eine Untersuchung ergeben, teilten der Konzern und die US-Raumfahrtbehörde mit. Dies werde wahrscheinlich "mehrere Monate" dauern, sagte der stellvertretende Nasa-Chef Doug Loverro. "Das war eine knappe Angelegenheit. Wir hätten das Raumschiff zweimal fast verloren während der Mission."

Der "Starliner" hatte es bei einem unbemannten Test im Dezember nicht in den Orbit und zur Internationalen Raumstation ISS geschafft, unter anderem wegen eines Problems mit der automatischen Zündung der Antriebe. Mit dem gemeinsam von Boeing und der Nasa entwickelten "Starliner" sollten eigentlich bereits dieses Jahr Astronauten zur ISS gebracht werden.

kig/dpa/AP/ AFP//Reuters
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