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Brand im AKW Fukushima: Angst vor radioaktiver Wolke

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Folgen der Naturkatastrophe Vier Szenarien für Japans Zukunft

Erst hat die Regierung in Tokio beschwichtigt, jetzt herrscht große Sorge: Japan droht im schlimmsten Fall die atomare Verseuchung großer Landstriche. Welche Folgen hat dies für Bevölkerung und Wirtschaft? Vier Szenarien im Überblick.

Hamburg - Der Optimismus ist schnell verflogen: In ersten Reaktionen hatten Ökonomen am Freitag noch abgewiegelt. Die Naturkatastrophe in Japan sei nicht wirklich eine Gefahr für die Wirtschaft, so der Tenor vieler Experten. Beben und Tsunami könnten sogar wie eine Art Konjunkturprogramm wirken, hieß es. Die Hoffnung war, dass der bevorstehende Wiederaufbau dem Land sogar einen kräftigen Aufschwung bescheren könnte.

Davon kann gegenwärtig, angesichts der dramatischen Verwüstungen und der Atomunfälle, kaum mehr die Rede mehr sein.

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Suche nach Vermissten: Die Hoffnung schwindet

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Weite Teile des Landes sind zerstört, die Autobauer Toyota   und Honda   haben ihre Produktion gestoppt, die Regierung rationiert den Strom. Obwohl die Japaner bislang erstaunlich gefasst mit der Situation umgehen, droht dem Land eine anhaltende Krise. Und das in einem Land, das sich vom Ruf einer Wirtschaftssupermacht längst verabschiedet hat. Seit 20 Jahren dümpelt die Wirtschaft dahin, 2009 sank das Bruttoinlandsprodukt um fünf Prozent, auch Ende vergangenen Jahres schrumpfte die Wirtschaftsleistung - gegen den globalen Trend.

Obwohl noch unklar ist, wie schwerwiegend die nukleare Katastrophe im AKW Fukushima ist, wird immer offensichtlicher: Die Konsequenzen der Umweltkatastrophe werden Japans Entwicklung auf Dauer bremsen. Selbst wenn sich die schlimmsten Befürchtungen nicht bewahrheiten, steht das Land vor einem zähen Wiederaufbau.

Wie sind die Perspektiven der japanischen Wirtschaft? Droht nun die Dauerkrise? Oder kann das Land die Katastrophe schnell verkraften? Vier mögliche Szenarien:

Szenario 1: Japan erholt sich schnell wieder

Im günstigsten Fall bleibt der Super-GAU aus, die Stromversorgung kann auf Gas und alternative Energieträger umgestellt werden, Japan lässt die Krise rasch hinter sich. Eine Voraussetzung dafür wäre, dass Versicherungen einen Großteil der Schäden abdecken. Die Großbank Credit Suisse schätzt das Volumen auf bis zu 130 Milliarden Euro. Außerdem müsste der Staat einspringen und den Einbruch der privaten Nachfrage mit einem kräftigen Konjunkturprogramm ausgleichen.

Doch selbst in diesem Positivszenario steht Japan vor einer wochenlangen Schwächeperiode. Nach einem möglichen Wachstum im ersten Quartal droht das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal zu schrumpfen. Japan-Experte Rudolf Besch von der Dekabank sagt, er wäre überrascht, "wenn Toyota und Honda in zwei Monaten plötzlich verkünden können: Wir produzieren wieder genauso viel wie vorher".

Das große Problem ist derzeit die Energieversorgung: Da Japan aus mehreren Inseln besteht, kann das Land nicht einfach Strom importieren. Die Rationierung durch die Regierung und die steigenden Energiepreise treffen nun selbst Unternehmen im Westen des Landes, der von Beben und Tsunami weitgehend verschont geblieben ist.

Die Internationale Energieagentur IEA wiegelt jedoch ab: Japan drohe wegen der Störfälle in den Atomkraftwerken kein langfristiger Stromengpass. Das Land habe genügend Kapazitäten zur Stromerzeugung, um die Ausfälle bei der Kernenergie zu ersetzen. Auch die Ölversorgung des Landes bereite ihm keine großen Sorgen, sagte IEA-Chef Nobuo Tanaka. Japan habe Reserven für 170 Tage.

Japans Notenbanker geben sich am Dienstag ebenfalls recht optimistisch - trotz Erdbeben, Tsunami und Atomunfällen: "Die Wirtschaft tritt aus der gegenwärtigen Phase der Verlangsamung heraus", teilte die Bank of Japan (BoJ) in ihrem Monatsbericht für März mit. Dabei verzichtete die BoJ auf die Formulierung des Vorgängerberichts, dass dies nur "allmählich" geschehe.

Die Wirtschaft dürfte sich moderat erholen, heißt es in dem Bericht. Allerdings treffe der Schaden durch das Erdbeben weite Teile des Landes. Ein Rückgang der Produktion sei daher wahrscheinlich.

Szenario 2: Die Wirtschaft dümpelt dahin

Verschärfen könnte sich die Krise in Japan, wenn die Bürger in Depression verfallen. Bislang scheinen die Japaner die Schicksalsschläge mit erstaunlicher Besonnenheit zu verarbeiten. Doch was passiert, wenn die Stimmung umschlägt?

Experten warnen vor den Folgen eines Schockzustandes. "Wenn die Japaner das Gefühl haben, mit ihrem Land geht es dauerhaft abwärts, dann könnte das die Volkswirtschaft lähmen", sagt Rudolf Besch von der Dekabank. In der Bevölkerung könne sich die Furcht ausbreiten, in eine Dauerdeflation zu rutschen - also eine Abwärtsspirale mit sinkenden Preisen. Die Gefahr wäre laut Besch, dass es zu einer Negativspirale der Erwartungen käme.

Zwar würde das nicht zwangsläufig in eine Rezession führen, die Konjunktur könnte aber auf niedrigem Niveau dahindümpeln. Konkret hieße dies: Das Wachstum würde dauerhaft nur zwischen null und einem Prozent liegen, Japan fiele nach zwei schwachen Jahrzehnten weiter zurück.

Je geringer das Wachstum, desto größer ist jedoch das Problem der horrenden Staatsverschuldung. Schon jetzt hat Japan Schulden in Höhe von 220 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - ein Wert, der dreimal so hoch ist wie in Deutschland. Bislang kann sich Japan zu recht niedrigen Zinsen finanzieren. Doch wenn der Schuldenstand weiter wächst, könnten die Märkte die Zahlungsfähigkeit des Landes in Frage stellen, die Zinsen für Staatsanleihen würden deutlich steigen - ähnlich wie derzeit in Griechenland.

Bisher sehen Experten wie die Rating-Agentur Moody's diese Gefahr nicht: Noch habe Japans Wirtschaft die Kraft, den Schock abzufedern, teilte die US-Agentur mit. Allerdings könnten die Kosten der Katastrophe drastisch nach oben korrigiert werden. Die Gefahr bestehe, dass ein kritischer Punkt erreicht wird, ab dem die Finanzmärkte das Vertrauen in japanische Anleihen verlieren.

Szenario 3: Teile Tokios müssen zeitweise geräumt werden

Ein echtes Desaster droht, wenn es in Fukushima oder einem der anderen AKW zu einem Super-GAU kommt. Dann könnte auch der Großraum Tokio betroffen sein, wo mehr als 35 Millionen Menschen leben - 28 Prozent der Bevölkerung. Außer den hohen gesundheitlichen Risiken brächte eine solche Entwicklung auch gravierende Folgen für die japanische Wirtschaft mit sich. Der Großraum Tokio trägt 18 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes bei.

Wenn, wie in diesem Szenario angenommen, Teile Tokios für zwei bis drei Monate geräumt werden müssten, würde das Japan in eine tiefe Rezession stürzen. "Dann reden wir nicht mehr über ein bis zwei Prozent minus", sagt Japan-Experte Rudolf Besch von der Dekabank. "Eine solche Katastrophe würde die Volkswirtschaft in eine echte Krise stürzen."

Denn in der Hauptstadt haben nicht nur große Unternehmen ihre Fabriken und Konzerne ihre Zentrale - vor allem sind in Tokio auch die Börse und das Finanzzentrum beheimatet. "Das Bankwesen müsste auf Notfallpläne zurückgreifen", warnt Besch. "Ersatzarbeitsplätze an anderen Orten müssten zum Einsatz kommen, Reserveinfrastruktur angezapft werden, um das Bankensystem arbeitsfähig zu halten."

Bereits in diesem Szenario dürfte es für Japan unmöglich sein, die Krise allein zu bewältigen. Hilfe könnte etwa vom Internationalen Währungsfonds (IWF) kommen. Aber auch die USA und Europa würden wohl um ein Eingreifen nicht herumkommen. Denn von den asiatischen Nachbarn kann Japan nicht allzu viel Unterstützung erwarten: Ländern wie Südkorea fehlt es an ökonomischer Schlagkraft, und mit dem alten Erzfeind China hat Japan sich bis heute nicht versöhnt.

Szenario 4: Tokio ist dauerhaft unbewohnbar

Das absolute Horrorszenario, aber auch das unwahrscheinlichste: Wenn Tokio nach einem Super-GAU dauerhaft verstrahlt wäre, bekäme Japan seine Probleme wohl auf keinen Fall mehr alleine geregelt. "Die Größenordnung einer solchen Katastrophe ist kaum vorstellbar", sagt Klaus-Jürgen Gern, Japan-Experte beim Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). "Das würde die Wirtschaft des Landes komplett lahmlegen."

Auch sein Kollege Besch rechnet in einem solchen Fall mit gravierenden Einschränkungen des Wirtschaftskreislaufs. Das würde deutliche Wohlstandsverluste nach sich ziehen. In der Finanzwelt kursieren Schätzungen, dass die Konjunktur um 20 bis 30 Prozent einbrechen könnte. Unternehmen würden reihenweise pleitegehen, das Finanzsystem des Landes zusammenbrechen. Die Welt wäre gezwungen einzugreifen und müsste Japan mit massiven Finanzhilfen stabilisieren.

Fraglich ist zudem, wo die Menschen überhaupt hingehen könnten: Japan ist das am dichtesten bevölkerte Industrieland der Welt. In der Mega-Metropole Tokio leben 6000 Einwohner auf einem Quadratkilometer. Das Land stünde vor einer massiven Auswanderung. Schätzungen zufolge könnten bis zu zehn Millionen Japaner das Land verlassen. Da es vor allem Hochqualifizierte wären, würde die Wirtschaftsleistung nachhaltig geschwächt.

Eine Wirtschaftskrise von diesem Ausmaß würde auch die globalen Finanzmärkte erschüttern. Wie stark, ist nicht zu kalkulieren. Für IfW-Experte Gern ist ein solches Horrorszenario ökonomisch mindestens vergleichbar mit den Folgen der Lehman-Pleite. "2008 war auch absehbar, dass es zu einer Finanzkrise kommen könnte, aber einen derartigen Zusammenbruch der Märkte konnte sich niemand vorstellen."

Mit Material von Reuters, dpa und dapd