Debatte um Spekulanten Warum der Ölpreis immer stärker schwankt
Händler an der Rohölbörse: Spielball der Spekulanten?
Foto: Justin Lane/ dpaHamburg - Der Ölpreis scheint verrückt zu spielen. Im Frühjahr 2012 hat sich die maßgebliche Sorte Brent bis Ende Juni um rund ein Drittel von 125 auf 90 Dollar je Fass verbilligt. Gut, das war vielleicht noch nachvollziehbar. Schließlich hatten sich auch die Aussichten für die Weltkonjunktur deutlich eingetrübt, und damit auch der erwartete Bedarf für das wichtigste Schmiermittel der Weltwirtschaft. Doch seitdem haben sich die Konjunkturaussichten keineswegs verbessert - und trotzdem ist Rohöl fast wieder so teuer wie zu Beginn des Jahres.
Mitte September gab dann ein plötzlicher Mini-Crash Rätsel auf. Innerhalb weniger Minuten rutschte der Ölpreis ohne ersichtlichen Grund um drei Dollar ab. Händler und Analysten vermuteten die Ursache im Hochfrequenzhandel, bei dem Computer mit Hilfe von Handelsalgorithmen innerhalb von Sekunden große Mengen bewegen - und Trends so rasend schnell verstärken können.
Viele Beobachter werteten diesen vermuteten "Flash Crash" als weiteren Beleg dafür, dass sich der Ölmarkt immer weiter von der Realwirtschaft entkoppelt und zum Spielball von Spekulanten wird. Eine populäre These - doch wie plausibel ist sie wirklich?
Jahrzehntelang zeichneten Experten die Entwicklung am Ölmarkt mit relativ simplen Modellen nach, die der klassischen Preisbildung durch das Verhältnis von Nachfrage und Angebot entsprachen:
- Für die Nachfrage nach Öl gilt die konjunkturelle Entwicklung als bedeutsamster Faktor, aber auch klimatische Ereignisse wie ungewöhnlich kalte Winter, Wartungszyklen in den Raffinerien oder Ereignisse wie die Atomkatastrophe von Fukushima, die den Ölbedarf Japans steigerte.
- Das Angebot an Öl wird vor allem beeinflusst durch die Fördermengen der Erdöl-Produzenten, aber auch durch Veränderungen bei den Produktionskosten oder durch Förderausfälle in Folge von technischen Problemen oder politischen Konflikten.
Auf den ersten Blick scheinen die enormen Schwankungen dieses Jahres nicht mehr allein mit solch fundamentalen Faktoren erklärbar zu sein. Dominieren also tatsächlich die Zocker das Geschehen am Ölmarkt?
"Spekulation ist nicht Ursache der hohen Ölpreise"
Dieser Schlussfolgerung widerspricht der renommierte Energie-Ökonom Lutz Kilian von der University of Michigan vehement. Kilian entwickelt komplexe mathematische Modelle des Ölmarkts. Seine Studien gelten in Fachkreisen als wegweisend, die Erkenntnisse sind vor allem für diejenigen wichtig, die die Rahmenbedingungen des Ölmarkts beeinflussen können: Politiker und Zentralbanker. Sie entscheiden etwa über verschärfte Regulierung der Rohstoffmärkte oder können mit ihrer Geldpolitik die Konjunktur stimulieren. Auch die Experten der Bundesbank greifen in ihren Analysen des Ölmarkts unter anderem auf Kilians Ergebnisse zurück.
"Wir haben keine Belege, die auf Spekulationen hindeuten - aber viele dafür, dass reale wirtschaftliche Ursachen hinter den Ölpreisschwankungen der letzten Jahre stehen", sagt Kilian. Dabei zeigten die Veränderungen in der Nachfrage bei weitem die stärkste Wirkung. So sei der enorme Preisanstieg zwischen 2003 und 2008, als Brent-Öl sich von etwa 30 auf mehr als 140 Dollar je Fass verteuerte, auf den rasant wachsenden Energiehunger der Schwellenländer wie China zurückzuführen, mit dem das Angebot nicht Schritt gehalten habe.
Dass die Ölpreise immer stärker nach oben oder unten ausschlagen, kann seine Ursache laut einer Analyse der Bundesbank ebenfalls in dem starken Wachstum der Schwellenländer haben. In den großen und rasch wachsenden Märkten wie Indien und China sind die Preise für viele Ölprodukte staatlich kontrolliert oder subventioniert. Die Internationale Energiebehörde (IEA) schätzt den Umfang solcher Subventionen für dieses Jahr auf stattliche 630 Milliarden Dollar.
In subventionierten und regulierten Märkten schlagen Preissteigerungen nicht auf die Käufer durch, sie haben also keinen Druck, ihren Ölverbrauch zu drosseln - und befeuern so weiter den Rohölpreis. Der Selbstregulierungsmechanismus von Angebot und Nachfrage wird außer Kraft gesetzt, die Ungleichgewichte am Ölmarkt können sich immer weiter aufschaukeln. Je größer der Anteil der preisregulierten Schwellenländer am Weltmarkt, desto größer fallen auch die Schwankungen beim Ölpreis aus.
"Ölpreis ändert sich nur, wenn sich die Erwartungen der Akteure ändern"
Experten wie Steffen Bukold halten hingegen ausschließlich auf Fundamentaldaten beruhende mathematische Modelle für wenig geeignet, um Prognosen für die kurzfristige Entwicklung des Ölpreises anzustellen. Der Autor des Standardwerks "Öl im 21. Jahrhundert", der auch ein Informationsportal über das Geschehen auf den weltweiten Märkten betreibt, berücksichtigt in seinen Modellen zwar ebenfalls die grundlegenden Kennzahlen.
Darüber hinaus misst Bukold jedoch auch dem menschlichen Faktor eine zentrale Rolle bei: "Der Ölpreis bewegt sich nur, wenn die Akteure ihre Preiserwartungen ändern und danach handeln." Dabei sei die Kommunikation entscheidend. Nur jene Informationen würden wirksam, die Käufer und Verkäufer als relevant erachten. Analysten und Medien spielten dabei als Filter eine große Rolle. "Selbst an sich wichtige Fakten können auf diese Weise ignoriert werden", sagt Bukold.
So entstünden für gewisse Zeiträume dominante Sichtweisen oder Paradigmen auf dem Ölmarkt. Der Preisrutsch in diesem Frühjahr etwa lasse sich nicht nur auf die schwache Nachfrage zurückführen, sondern auch auf eine veränderte Sichtweise bei den Akteuren: Der zuvor hochbeachtete Iran-Konflikt, der die Ölpreise nach oben getrieben hatte, war auf einmal kaum noch ein Thema.
Bukold weist auch der Spekulation einen großen Einfluss auf den Ölpreis zu - vor allem seit dem Lehman-Schock und dem Absturz des Brent-Preises auf unter 40 Dollar Ende 2008. Entscheidend sei, dass die Notenbanken der Industrieländer seitdem die Märkte immer wieder mit Geld geflutet und so auch die Kassen der spekulativen Hedgefonds gefüllt hätten. Die konnten entsprechend große und riskante Wetten auf den Ölpreis abschließen. Nur so sei der starke Anstieg des Ölpreises während des weltweiten Krisenjahres 2009 erklärbar.
Geldflut und Spekulation in den Industriestaaten oder Überregulierung in den Schwellenländern: Die Erklärungsansätze der Experten mögen unterschiedlich sein - in zwei Punkten legen sie jedoch den gleichen Schluss nahe. Langfristig wird Öl teurer. Und die Preise werden tendenziell eher noch stärker schwanken als bisher.