Fragen an Ikea Wie sauber ist Billy?

Bücherregale für 29 Euro, Bettwäsche für 3,99 Euro: Ikea macht mit niedrigen Preisen ein gutes Geschäft. Aber wirtschaftet der rasch wachsende Möbelkonzern auch nachhaltig? Darüber sprach enorm-Autorin Kathrin Hartmann mit Sabine Nold, PR-Managerin von Ikea Deutschland.
Ikea: "Kein Holz aus intakten Wäldern"

Ikea: "Kein Holz aus intakten Wäldern"

Foto: Boris Roessler/ picture-alliance/ dpa

Frage: Frau Nold, auf der Ikea-Homepage steht, dass seit der Einführung der ethischen Mindestanforderungen, dem "Iway", weltweit 100.000 Verbesserungen bei Lieferanten erreicht wurden. Lag denn so viel im Argen?

Nold: Die schiere Zahl kommt zustande, weil so viel erfasst wurde. Iway-Standards haben sehr, sehr viele Unterpunkte.

Frage: Welches sind die wesentlichen Verbesserungen?

Nold: Prävention von Kinderarbeit und Verbesserung der Arbeitsbedingungen: gesetzliche Entlohnung, Hygiene, Arbeitszeiten, Gewerkschaftsfreiheit - da haben wir sehr viel erreicht.

Frage: Ikea hat rund 1100 Lieferanten und Hersteller weltweit, die wiederum mit Zwischenhändlern arbeiten. Ist es denn möglich, die gesamte Lieferkette zu überprüfen?

Nold: Wir haben den Vorteil, dass wir bei den Herstellern direkt einkaufen und mit 29 Büros in 25 Ländern vor Ort arbeiten, die eine sehr langfristige Beziehung zu den Lieferanten haben. Wir haben außerdem unabhängige Unternehmen mit Kontrollen beauftragt. Auch Nichregierungsorganisationen (NGOs) kontrollieren, ob der Iway umgesetzt wird.

Frage: Eine Hauptkritik von NGOs ist, dass Ikea seine Lieferanten nicht preisgibt und eine externe Einschätzung unmöglich macht. Warum?

Nold: Wir haben im Gegensatz zu anderen Möbelhändlern ein eigenes Sortiment. Es ist bei uns ein wichtiger Wettbewerbsfaktor, die Lieferanten, die unsere Möbel herstellen, nicht preiszugeben. Sonst öffnet man Tür und Tor, noch mehr kopiert zu werden.

Frage: Außer auf den Bio-Produkten und dem Kaffee, der das UTZ-Siegel trägt, findet man keine Herkunftssiegel bei Ikea. Warum nicht?

Nold: Ich denke, der entscheidende Punkt ist nicht ein bestimmtes Siegel, sondern ob die Anforderungen gelebt und kontrolliert werden und ob die Arbeitsweise im Unternehmen stimmt. Das Ikea-Logo steht für das, was wir tun.

Frage: Das sagen alle Konzerne. Trotzdem werden immer wieder Verstöße aufgedeckt. Auch bei Ikea. 2005: elf Fälle von Kinderarbeit in Südasien und China. 2009: Daunen von lebend gerupften Gänsen in Ikea-Kissen. Ebenfalls 2009: Arbeitsrechtsverletzungen in einer türkischen Textilfabrik. NGOs kritisieren, dass freiwillige Kodizes von Konzernen ungenügend sind.

Nold: Die meisten Dinge, die Sie genannt haben, haben wir im Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht. Das zeigt, dass es Kontrollen gibt. Indem wir Verstöße aufzeigen und daran arbeiten, haben wir viel mehr Chancen, uns und unsere Lieferanten weiterzuentwickeln.

Frage: Die meisten Verstöße wurden zuerst von NGOs veröffentlicht.

Nold: Wir haben sehr genau die Kinderarbeit dokumentiert. Das machen wir auch mit den Ergebnissen der Überprüfung aller anderen Kriterien.

Frage: Vor einem Jahr ist das Buch "Die Wahrheit über Ikea" des Ex-Managers Johan Stenebo erschienen. Die Vorwürfe gegen den Konzern haben in Deutschland für großes Medienecho gesorgt. Hat das Ikea geschadet?

Nold: Ich möchte die Meinung von Johan Stenebo nicht kommentieren. Ich hatte aber den Eindruck, dass sich die Presse in Deutschland das sehr differenziert angeschaut und fair berichtet hat. Wir können ja zu den Hauptpunkten, die er genannt hat, sehr viel Positives vermelden.

Frage: Ein zentraler Vorwurf von Stenebo ist, dass ein Drittel des Ikea-Holzes aus illegaler Abholzung stammt. China und Russland gehören zu Ihren größten Holz-Lieferanten, fast ein Viertel der Ikea-Produkte wird in China produziert. Laut Stenebo habe der damalige Chefförster von Ikea vermutet, dass 80 Prozent des Holzes aus China illegal gefällt wurde. Können Sie das widerlegen?

Nold: Ja! Wir haben 16 Forstexperten in den Einkaufsbüros, die sagen, sie könnten nahezu jeden Baum rückverfolgen. Wenn wir Holz angeboten bekommen, bei dem nicht klar ist, woher es stammt, dann kaufen wir es im Zweifelsfall nicht.

Frage: Die Rückverfolgbarkeit von Holz aus China liegt bei höchstens 20 Prozent. Chinesische Holzfirmen lassen illegal in sibirischen Urwäldern Bäume fällen und verkaufen sie mit gefälschten Papieren. Thomas Bergmark, Ikeas Umwelt- und Sozialmanager, sagte, man könne nie garantieren, dass jeder Baum aus einer legalen Quelle stammt.

Nold: Sie können für die allerwenigsten Dinge eine 100-prozentige Garantie übernehmen. Aber wir tun alles, damit kein illegales Holz für Ikea verarbeitet wird. Das ist in unserem Interesse. Holz ist ein Rohstoff, den wir langfristig nutzen müssen. Das schafft man nur mit einer nachhaltigen Forstwirtschaft.

Frage: Rund 60 Prozent der Ikea-Rohstoffe sind Holz. Ikea beschreibt als langfristiges Ziel, sämtliches Holz aus verantwortungsvoll bewirtschafteten Wäldern zu beziehen. Wie ist das bei diesen Mengen möglich?

Nold: Wir beziehen fünf Millionen Kubikmeter Holz pro Jahr, die Menge ist gesunken. 24 Prozent unseres Holzes erfüllen die Anforderungen des Forest Stewardship Councils  (FSC). 98 Prozent der Herkunft können wir nachvollziehen. Das heißt, damit ist ausgeschlossen, dass wir Holz aus illegalem Einschlag und aus intakten Naturwäldern verwenden.

Frage: Und die restlichen 76 Prozent sind nicht nachhaltig?

Nold: Unser gesamtes Holz erfüllt die Mindestanforderungen. Die wichtigste ist: kein Holz aus illegalem Einschlag.

"Die Idee, Rohstoffe zu sparen, wird immer stärker"

Frage: FSC ist das einzige Siegel, das es für nachhaltige Forstwirtschaft gibt. Auch das wird heftig kritisiert. Etwa, weil das Siegel selbst Unternehmen verliehen wird, die Kahlschlag betreiben - wie der schwedische Papierkonzern Stora Enso, mit dem Ikea arbeitet. Denken Sie, dass FSC ausreicht?

Nold: Das müssten Sie die Leute fragen, die das Siegel vergeben. Unsere Kriterien sind klar. Kein Holz aus intakten Wäldern und kein Holz aus Plantagen, für die Wälder gerodet wurden.

Frage: Ikea verbraucht für die Herstellung von Kerzen 38.000 Tonnen Palmöl pro Jahr. Für Palmöl wird in Südostasien massiv Regenwald gerodet, um Plantagen anzulegen. Ikea hingegen sagt, die Entscheidung für Palmöl sei aufgrund des ökologischen Fußabdrucks gefallen. Was heißt das?

Nold:Wir wollen keine Stoffe verwenden, die auf Erdöl basieren. Ich denke, dass das eine richtige Entscheidung ist. Es gibt pflanzliche Fette, die ihm Test sind, aber die sind noch nicht so weit, dass sie Palmöl komplett ersetzen könnten. Bis wir eine Alternative haben, beziehen wir zertifiziertes Palmöl mit RSPO-Siegel.

Frage: Der Roundtable on Sustainable Palmoil  (RSPO) wird von 250 Umweltschutzorganisationen abgelehnt und als Greenwashing bezeichnet. Der RSPO vertritt vor allem die Interessen derer, die Palmöl in großem Stil verbrauchen. Seit der Gründung 2004 geht die illegale Rodung von Regenwald ungebrochen weiter. Selbst Palmöl, das auf gerodetem Regenwaldboden gewonnen wird, erhält das RSPO-Siegel. Warum halten Sie an Palmöl fest?

Nold: Wir halten daran nicht fest, wir sehen im Moment nur keine Alternative. Auch die Verwendung von Rapsöl ist umstritten - da hätten wir dieselbe Diskussion mit den NGOs.

Frage: Ist es nicht eher so, dass die Alternativen Paraffin und Rapsöl bis zu 300 Euro pro Tonne teurer sind als Palmöl?

Nold: Natürlich ist das auch eine Frage der Kosten. Es gibt eben nicht viele Menschen, die zehn Euro für hundert Teelichter ausgeben können. Dennoch: Palmöl ist eine Übergangslösung.

Frage: Auch für den Anbau von Rapsöl als Rohstoff würden gigantische Flächen benötigt. Generell müsste der Rohstoffkonsum drastisch eingeschränkt werden - ein Massenangebot mit billigen Kerzen wäre dann nicht mehr drin. Gab es schon Überlegungen, die Kerzen aus dem Sortiment zu nehmen? Manche NGOs fordern das.

Nold: Nein. Kerzen gehören zum Leben. So lange die Nachfrage da ist, kaufen es die Kunden eben woanders.

Frage: Die Zeit drängt - die Uno geht davon aus, dass 2012 der Regenwald auf Borneo verschwunden sein wird. Gibt es einen Zeitplan für Alternativen?

Nold: Nein, den haben wir nicht.

Frage: Ikea bezieht Palmöl von dem Unternehmen Wilmar International in Indonesien, dem weltweit größten Palmölverarbeiter. Wilmar hat das RSPO-Siegel, obwohl der Konzern illegal Urwald niederbrennt und Menschenrechte verletzt. Die NGO "Rettet den Regenwald"  hat 2010 einen Film über Wilmar gedreht und die Missstände öffentlich gemacht. Daraufhin besuchte Ikea mit dem TÜV die Plantagen. Was hat der Besuch ergeben?

Nold: Da sehen sie, dass Ikea sich kümmert. Und wir schauen uns sicher nicht die Situation vor Ort an, um dann so weiter zu machen.

Frage: Welche konkreten Schritte plant Ikea also, um die Rodungen und Landvertreibungen bei den zertifizierten Firmen zu stoppen?

Nold: Der Bericht über unseren Besuch wurde eben erst fertig gestellt und wird gerade ausgewertet.

Frage: "Rettet den Regenwald" kritisiert Ikea seit einiger Zeit wegen der Verwendung von Palmöl. Weshalb hat Ikea den Dialog mit der NGO abgebrochen?

Nold: Wir haben unterschiedliche Standpunkte. "Rettet den Regenwald" akzeptiert das RSPO-Siegel nicht, wir haben uns entschieden, damit zu arbeiten. Da kommt man schwer auf einen gemeinsamen Nenner.

Frage: Johan Stenebo bezeichnet das Engagement von Ikea als "Teflon-Taktik". Er sagt, dass sich Ikea mit großzügigen Spenden an Organisationen Loyalität erkauft und Kritik ausschaltet.

Nold: Unter unseren Partnern sind renommierte Organisationen wie Unicef, Save the Children und WWF. Die sind weit davon entfernt, irgendwelche Dinge für ein Unternehmen zu tun, nur weil sie eine Spende bekommen.

Frage: Ikea ist mit einer Spende von 45 Millionen Euro pro Jahr größter Firmenpartner von Unicef. Ist das eine Folge der Vorwürfe wegen Kinderarbeit?

Nold: Wir haben mit Save the Children und Unicef den Iway entwickelt, weil wir einen Partner brauchten, der die Kriterien mit uns entwirft.

Frage: Eine Ursache von Kinderarbeit ist, dass die Eltern von ihrem Lohn in den Zulieferfabriken nicht leben können. Wäre es nicht sinnvoller, einen existenzsichernden Lohn zu zahlen, anstatt in Hilfsprojekte zu investieren?

Nold: In unserem Iway sind gesetzliche Mindestlöhne festgelegt und dass wir keine Kinderarbeit akzeptieren. Die Prävention von Kinderarbeit geht aber weiter in der Projektarbeit mit Unicef und Save the Children. Dazu gehört auch, dass die Kinder in die Schule gehen, damit sie ihre Kinder später nicht arbeiten lassen müssen. Dann ist ein wichtiger Punkt die Gesundheitsversorgung: Wir haben mit der WHO zusammen ein Impfprojekt initiiert - die Krankheitskosten bringen viele Familien in eine Schuldenfalle.

Frage: Gesetzliche Löhne sind nie existenzsichernd. Das wäre aber die Voraussetzung dafür, dass Familien ihre Gesundheitskosten zahlen und ihre Kinder in die Schule schicken.

Nold: Wie oft werden denn die gesetzlichen Mindestlöhne in den Lieferbetrieben überhaupt bezahlt? Und wie sieht es dort mit dem Zwang nach Überstunden aus? Das Problem ist vielschichtig.

Frage: Arbeitet Ikea dazu mit Gewerkschaften zusammen?

Nold: Der Schwerpunkt der Zusammenarbeit ist mit Unicef und Save the Children. Aber es ist im Iway festgelegt, dass alle Arbeiter das Recht haben müssen, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Frage: Ikea schließt sich vor allem industriefreundlichen Initiativen an, der Better Cotton Initiative etwa, die Bauern keinen existenzsichernden Lohn zahlt und Pestizide und gentechnisch verändertes Saatgut erlaubt. Warum kaufen sie den Rohstoff nicht fair und bio? Ist Bettwäsche für 3,99 Euro dann nicht mehr drin?

Nold: Der Anbau von Bio-Baumwolle steht relativ am Anfang. Wir glauben, dass es schneller zu Erfolgen führt, wenn wir Bauern dahingehend schulen, drastisch weniger Wasser und Pestizide zu verbrauchen. Außerdem: Pestizide sind teuer, Wasser ist teuer. Wenn ich das einspare, spare ich auch Kosten.

Frage: Danach müsste gerade Bio-Baumwolle günstiger sein, weil dort überhaupt keine Pestizide verwendet werden. Aber ethisch und ökologisch gewonnene Rohstoffe sind teurer. Ikea macht den Gewinn mit billigen Produkten, auf den Einkaufspreis werden 30 bis 40 Prozent im Verkauf geschlagen. Wie ist Nachhaltigkeit bei dieser Preisgestaltung möglich?

Nold: Den Zusammenhang zwischen Preis und Nachhaltigkeit würde ich infrage stellen. Ich glaube nicht, dass ich, wenn ich mehr Geld ausgebe, ein ökologischeres Produkt habe. Wir versuchen, sehr ressourcensparend zu arbeiten. Ein Beispiel: Unser Norden-Holztisch ist aus massivem Holz - und zwar aus dem oberen Drittel der Birke. Der Teil wurde in der Möbelindustrie nie verarbeitet. Dass man daraus ein tolles Produkt machen kann, ist eine Aufgabe, die unsere Designer sich gestellt haben.

Frage: Das ist aber immer noch ein kleiner Bruchteil des Sortiments.

Nold: Es ist ein wachsender Teil. Wir haben zum Beispiel einen Tisch aus recycelten PE-Flaschen. Die Idee, Rohstoffe zu sparen und recycelte Rohstoffe zu verwenden, wird immer stärker. Klar ist unser Ziel, günstige Preise anzubieten, aber die Regel, die damit einhergeht, ist: nie zu Lasten der Qualität und nie zu Lasten der Menschen oder der Umwelt.

Das Interview stammt aus dem Magazin "enorm" 

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