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France Télécom: Unheimliche Suizidserie

Foto: JEAN-PIERRE CLATOT/ AFP

France Télécom Mitarbeiter fordern Chef-Rücktritt wegen Suizidserie

Wegen der Selbstmordserie bei der France Télécom gerät Konzernchef Didier Lombard unter Druck: Arbeiter werfen ihm vor, "die Mitarbeiter zu zerrütten", ihr "Familienleben zu zerstören". Manche nennen ihn einen "Mörder" - Gewerkschaften und Regierungsopposition fordern den Rücktritt des Managers.

Paris - Jean-Paul R. war auf dem Weg zur Arbeit. Der Mitarbeiter des französischen Telefonkonzerns France Télécom hielt mitten auf einer Autobahnbrücke an, kletterte über die Brüstung und sprang 80 Meter in die Tiefe. In seinem Abschiedsbrief schrieb der Vater von zwei Kindern, dass er den neuen Job nach seiner Versetzung nicht mehr ausgehalten habe. Es ist der 24. Selbstmord bei France Télécom binnen 18 Monaten.

Die Gewerkschaften machen für die Selbstmordserie seit Wochen den Umbau des einstigen Staatsmonopolisten verantwortlich, der vielfach Versetzungen und die Auflösung traditioneller Arbeitsstrukturen nach sich zieht. "Ich kann nicht mehr, das ist nichts für mich", soll der 51-jährige Jean-Paul R. einer Kollegin anvertraut haben. Bis zum Juni hatte er in der Gebirgsstadt Annecy in einer Filiale Firmenkunden betreut. Nach deren Schließung musste er seit zwei Monaten in einem Call Center im Akkord Verkaufsgespräche führen.

Erstmals seit Beginn der Serie fuhr Lombard am Montagabend zu der Niederlassung, in der das Opfer gearbeitet hatte. Die Mitarbeiter empfingen ihn mit Buh-Rufen. "Lombard, zurücktreten", stand auf Plakaten. Jemand rief "Mörder". Bei dem Gespräch im Inneren der Niederlassung warfen die Beschäftigten dem Konzernchef vor, "die Mitarbeiter zu zerrütten" und ihr "Familienleben zu zerstören".

"Höllische Spirale"

Seit Wochen will Lombard das Gesetz der Serie brechen, die "höllische Spirale", wie er es nennt. Besonders glücklich agieren er und seine Führungsmannschaft nicht. Der France-Télécom-Chef spricht von "Ansteckung", so als ob ein Selbstmord zwangsläufig den nächsten nach sich ziehe. Mitte September rutschte ihm das Wort "Suizid-Mode" raus, wofür er sich tags darauf entschuldigen musste.

Vergangene Woche nahm sein Stellvertreter Louis-Pierre Wenès dann die Gewerkschaften ins Visier, von denen die Suizid-Serie in den Medien ausgenutzt werde. "Man lässt die Toten sprechen", sagte er im Magazin "Nouvel Observateur". Es gehe um eine "monströse Manipulation", wenn die Selbstmorde mit den angeblich verschlechterten Arbeitsbedingungen in Verbindung gebracht würden. Schließlich gehe es nur "um einen kleinen Teil" der oft noch verbeamteten Mitarbeiter, die mit der neuen Konzernkultur angesichts von Technologiewandel und wachsender Konkurrenz Schwierigkeiten hätten.

Anfangs versuchte das Management auch noch, mit Zahlen zu argumentieren. So sei die Selbstmordrate im Konzern heute nicht höher als Anfang des Jahrzehnts, hieß es. Tatsächlich liegt sie auch nicht über dem Schnitt in der Gesamtbevölkerung. Dem nationalen Gesundheitsforschungsinstitut Inserm zufolge setzten 2007 im Schnitt 16,3 von 100.000 Franzosen ihrem Leben ein Ende. France Télécom hat in Frankreich 100.000 Beschäftigte und kommt auf 16 Selbstmorde pro Jahr.

Doch Statistiken lassen sich nicht gegen Einzelschicksale stellen, über die die Presse ausführlich berichtet. Nachdem auch der Staat als Großaktionär Druck machte, handelte Lombard. Er ließ wegen der Suizidserie vorerst alle durch den Konzernumbau bedingten Versetzungen auf Eis legen. Er richtete mit den Gewerkschaften Arbeitsgruppen ein, um den Ursachen der Selbstmorde auf den Grund zu gehen. Das Unternehmen schaltete Hotlines mit Psychologen und erhöhte die Zahl der Arbeitsmediziner. Jean-Paul R. hatte für Montagabend einen Termin mit einem solchen Arzt - wenige Stunden zuvor aber machte er seinem Leben ein Ende. An Hilfe hat er offenbar nicht mehr geglaubt.

Martin Trauth, AFP
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