Wein-Top-Level-Domains Frankreich attackiert Internet-Verwaltung Icann

Frankreich will Internetadressen mit den Endungen ".wine" und ".vin" unbedingt verhindern. Die Regierung in Paris fordert deshalb jetzt eine Neuorganisation der Internet-Verwaltung Icann.

Weinlese in Mailly-Champagne: Frankreich sorgt sich um geschützte Namen
REUTERS

Weinlese in Mailly-Champagne: Frankreich sorgt sich um geschützte Namen


Paris/London - Die Regeln des Weinhandels könnten grundlegend verändert werden, fürchtet Frankreich - und schlägt Alarm. Die Regierung in Paris startet jetzt einen Angriff auf die Non-Profit-Organisation Icann (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers), die die Vergabe von Namen und Adressen im Internet koordiniert. Ausgelöst wurde der Streit durch die geplanten neuen Top-Level-Domains ".wine" und ".vin" (die Worte für "Wein" auf Englisch und Französisch), die im Verlauf des Jahres freigegeben werden sollen.

Die Entscheidungsfindung der Icann sei "völlig undurchsichtig", kritisiert die französische Regierung laut einem Bericht der "Financial Times". Demnach gefährde die Debatte um die Wein-Domains auch die Gespräche über das Transatlantische Freihandelsabkommen: In einem Brief an die Organisation Icann schreibt die französische Ministerin für digitale Angelegenheiten, Axelle Lemaire, dass die URL-Endungen ".vin" und ".wine" nicht im Einklang mit EU-Regulierungen stünden. Bei den Domain-Namen gehe es nicht nur um wirtschaftliche Fragen, sondern um ein "extrem sensibles politisches Thema", heißt es in dem Brief. Der Streit um die Wein-Internetadressen "unterminiere das Vertrauen in die Organisation" Icann, so die Ministerin.

Frankreich sorgt sich demnach um mögliche Betrugsfälle mit bislang streng kontrollierten Herkunftsnamen. So ist es etwa Herstellern aus anderen Regionen verboten, Schaumwein als "Champagner" zu bezeichnen. Vertreibe ein Unternehmen aber etwa Produkte über eine URL wie "champagne.wine", könnte dies die bisherigen Einschränkungen und damit die wertvollen geschützten Marken aufweichen. Frankreich, Spanien, Großbritannien und die EU-Kommission haben deshalb gemeinsam die Icann aufgefordert, die Freigabe der Wein-Internetadressen zu stoppen, wenn der Schutz der geografischen Markennahmen nicht garantiert werden könne.

Frankreich nimmt den Streit derweil zum Anlass für eine generelle Debatte über die Struktur und die Praktiken der Icann. Die Regierung in Paris fordert laut der französischen Zeitung "Le Figaro" eine grundlegende Neuorganisation der Internetverwaltung, die in dieser Woche in London zusammenkommt. Zwar haben die USA im März 2014 bereits angekündigt, die Kontrolle über die Icann zu lockern. Doch Frankreich will außerdem, dass die Organisation einer internationalen Rechtsprechung unterstellt und von einer Generalversammlung verwaltet wird, in der jeder Staat eine Stimme haben soll. Also eine Art Internet-Uno, wie sie auf der Fachkonferenz Netmundial diskutiert wurde.

bos

insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
boingdil 23.06.2014
1. Internet-UNO wäre mal an der Zeit
Die Namensstruktur ist immer noch Amerika-zentriert (so werden da typenendungen wie gov und edu ohne Landeszusatz verwendet, gibt es international eigentlich nur bei com). Vor allem muss es aufhören, das so alltägliche Dinge in einem halb rechtsfreien Raum "geregelt" werden. Damit z.B. eine Firma, in dem Fall ein Weingut, nicht bei jeder Änderung wieder neue Domains kaufen muss. So ist Missbrauch Tür und Tor geöffnet, etwa wenn xyz.wine und xyz.vin von unterschiedlichen Unternehmen gebucht werden. Wie sollen unbedarfte Verbraucher da Original und Betrüger unterscheiden?
adorfer 23.06.2014
2. die neuen TLDs braucht niemand, ausser den Beratern
Denn gefühlt 99% der Benutzer geben keine Domainnamen mehr händisch ein, die meisten wissen noch nicht mal mehr, was gemeint ist, wenn man "URL" oder "Adresszeile des Webbrowsers" sagt. Es wird alles bei Google eingegeben und auf den obersten Eintrag geklickt (sofern die Suchmaschine die User nicht sowieso schon dorthin katapultiert respektive der Browser gar keine echte Adresszeile mehr hat wie z.B. Chrome.)
static_noise 23.06.2014
3. .
Die sind doch so behämmert.... Aber als champagner.com oder champagner.de ist das kein Problem? Nur champagner.wine macht Probleme? Bullshit, die wollen die gesamte TLD schlicht selber zu Marketing Zwecken bunkern....
quark@mailinator.com 23.06.2014
4. Wenn ein "Betrüger" einen anderen ...
Also seit ich weiß, daß polnische Schweine systematisch nach Parma gefahren werden (was für die armen Viecher nicht angenehm ist), um mehr "Parmaschinken" zu fertigen und daß Ähnliches mit Olivenöl passiert, welches dann unter geschützten italienischen Herkunftsregionen verkauft wird ... usw. usf., habe ich keinen Respekt mehr vor diesen geschützen Bezeichnungen. Es ist nur ein System zum Gelddrucken und sonst nichts. Genau wie die ursprüngliche Idee hinter dem Patentwesen oder den Abgaben auf Bücher, etc. ist das System auch hier total pervertiert und statt Gutes zu schützen fördert es überhöhte Preise für minderwertige Produkte. Es ist eine Schande und gehört abgeschafft. Und genau DESHALB ist es auch ein "brisantes politisches Thema" wie die franz. Politikerin schreibt. Wäre es eine gute Sache, wäre es nicht brisant. Dann hätte es nur Unterstützer. Hier im Spreewald findet der Mist übrigens auch statt. Die Gurken und der Meerrettich sind nicht mehr, was sie mal waren. Jetzt bekommt man nur noch verdünntes, mit Konservierungsmitteln und ggf. Zucker versetzten Mist, der auch nicht mehr wirklich aus der Region kommt.
Gerdd 23.06.2014
5. Und dann ...
... wird die ICANN als Arbeitsgruppe in die Academie Francaise eingegliedert. Durchsichtiger kann man seine Partikularinteressen wirklich nicht mehr verfolgen. Amschoensten war es, als die Franzosen den Suedafrikanern die Verwendung von franzoesisch anmutenden Namen im Weingeschaeft verbieten wollten und die nur konterten, dass man den von Frankreich damals verfolgten und zum Teil nach Suedafrika geflohenen Hugenotten nicht ihre eigene Sprache verbieten koenne. Diese Hugenotten gruendeten dann viele der Weinfarmen am Kap und lehren heute die Winzer aus vielen Laendern - und gerade auch aus Frankreich - das Fuerchten. Und das wird sich durch irgendwelche neue Top Level Domains nicht aendern, wetten?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.