Autoindustrie Frankreich und Fiat streiten über Schuld an geplatzter Fusion

Wer trägt die Verantwortung für das Scheitern der Fusion von Fiat Chrysler und Renault? Der US-italienische Autokonzern erhebt Vorwürfe gegen die französische Regierung - und die fühlt sich unter Druck gesetzt.

Renault-Fabrik in Frankreich: Garantien "für den Erhalt von Arbeitsplätzen"
Marlene Awaad/Bloomberg via Getty Images

Renault-Fabrik in Frankreich: Garantien "für den Erhalt von Arbeitsplätzen"


In der Erklärung, mit der Fiat Chrysler das Scheitern der Fusion bekannt gab, wurde der italienisch-amerikanische Konzern deutlich. Er schrieb: Für einen Zusammenschluss seien "die politischen Voraussetzungen in Frankreich derzeit nicht gegeben".

Diese Worte dürften sich vor allem gegen Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire richten. Denn Renault hatte auf dessen Besuch in Japan gehofft, um mit Nissan erneut über das Angebot zu sprechen. Eine Entscheidung über förmliche Fusionsgespräche sollte deshalb erneut verschoben werden.

Doch Le Maire fühlt sich von den von Fiat Chrysler erhobenen Vorwürfen offenbar nicht angesprochen. "Bei drei von vier Bedingungen konnten wir uns einigen. Was noch erreicht werden musste, war die ausdrückliche Unterstützung von Nissan", wird der Minister der Nachrichtenagentur Reuters zufolge in einer Stellungnahme zitiert.

Mit Nissan und Mitsubishi ist der französische Hersteller seit Langem in einer Allianz verbunden. Gemeinsam verkauften sie 2018 10,76 Millionen Fahrzeuge. Mit Fiat Chrysler wären die Hersteller auf mehr als 15 Millionen verkaufte Fahrzeuge pro Jahr gekommen - und hätten damit Volkswagen (10,83 Millionen) überholt.

"Take it or leave it"?

Aus französischen Regierungskreisen hieß es, es habe keinen guten Grund gegeben, das Angebot so überstürzt zurückzuziehen. Bereits seit Beginn der Gespräche habe Fiat Chrysler massiven zeitlichen Druck ausgeübt und versucht, die Verhandlungen nach dem Ansatz "take it or leave it" zu führen. Die französische Seite habe klargemacht, dass sie sich nicht derart unter Druck setzen lasse.

Minister Le Maire hatte zuvor Renault nach eigenen Worten zudem "sehr deutlich gesagt", dass er auf Garantien "für den Erhalt von Arbeitsplätzen und Industrieanlagen in Frankreich" bestehe. Frankreich, das mit 15 Prozent an Renault beteiligt ist, wollte zudem im neuen Vorstand vertreten sein.

Aktienkurse im Minus

Fiat Chrysler hatte sein Angebot in der Nacht zum Donnerstag "mit sofortiger Wirkung" zurückgezogen, nachdem zuvor Renault auf Wunsch des französischen Staates gezögert hatte, das Gesprächsangebot überhaupt anzunehmen. Der französische Finanzminister Gerald Darmanin sagte dem Radiosender FranceInfo, er hoffe, dass die Tür für eine Fusion nicht für immer zu sei. Er sagte: "Die Gespräche könnten in Zukunft fortgesetzt werden."

Die Aktienkurse der beiden Autobauer gaben an den europäischen Börsen daraufhin stark nach. In Paris rutschte der Renault-Kurs um mehr als sieben Prozent. In Mailand verlor Fiat Chrysler mehr als drei Prozent.

Der geplatzte Zusammenschluss mit FCA ist derzeit nicht die einzige schlechte Nachricht für Renault. Le Maire erklärte, in der Affäre um Ex-Spitzenmanager Carlos Ghosn werde Anzeige erstattet. Wenn der Staat Aktionär eines Unternehmens sei, müsse er sicherstellen, dass dessen Führung gut funktioniere. Die Justiz müsse dann in der Sache entscheiden.

Renault hatte bei einer Tochtergesellschaft in den Niederlanden zweifelhafte Ausgaben von zusammen rund elf Millionen Euro entdeckt. Wie der Renault-Verwaltungsrat mitteilte, geht es dabei unter anderem um Kosten für Flugreisen des früheren Konzernchefs Ghosn. Auch in den Niederlanden sollten rechtliche Schritte gegen Ghosn abgewogen werden.

apr/Reuters/dpa

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flytogether 06.06.2019
1. Gewinnmaximierung funktioniert
oft nur durch Auslagerung der Produktion in Niedriglohnländer. Mit der Forderung der Franzosen nach Jobgarantie im Inland war somit von Anfang an klar dass das nichts wird.
marcnu, 06.06.2019
2. Garantien "für den Erhalt von Arbeitsplätzen und Industrieanlagen"
Bei einer Fusion geht es ja gerade darum, Synergien zu nutzen und mit weniger Arbeitsplätzen und Industrieanlagen auszukommen. Daher kann prinzipiell keine Einigung erzielt werden.
Affenhirn 06.06.2019
3. Hintergrund checken
Vielleicht ist es aufschlussreich mal zu prüfen, wer von den Kursanstieg und dem nun folgenden Kursabschlag besonders profitiert. Gibt es im Aktionärskreis mit Einfluss auf das Fiat Chrysler Management auch Hedgefonds? Der Zweifel an möglichen Synergien durch die politische Sperre in Frankreich fegen jeglichen Jobabbau waren doch von Anfang an Dealkiller. Renault musste bereits in vergangenen Jahren auf kostensparende Produktionsverlagerungen ins europäische Ausland auf politischen Druck hin verzichten.
erzengel1987 06.06.2019
4. Hat Renault schwierigkeiten?
Also ich verstehe nicht den Hintergrund. Eine Fusion ist jetzt nichts besonderes. Viele Marken sind bereits von großen Konzernen geschluckt worden, oder zu großen Konzernen Fusioniert. Man hat eigentlich keinen Überblick mehr was jetzt zu wem gehört. Ist es nicht sogar etwas besser, wenn Unternehmen eine Gewisse Größe nicht überschreiten? Kann ein einzelner Staat nicht sogar besser ein kleines Unternehmen kontrollieren als ein Großes. Sollte es da nicht allgemein im Interesse des Staates sein seine Unternehmen möglichst nicht fusionieren zu lassen? Denn große Weltweit operierende Unternehmen, können frei ohne Grenzen operieren. Passen ihm paar Steuern nicht kann dieser das jeweilige Land verklagen, oder mit Abwanderung drohen. Im Endeffekt bedrohen große Konzerne die demokratische Grundordnung... Das wäre ein schönes Thema für die SPD.
spaceagency 06.06.2019
5. Französischer Protektionismus
Firmenzentrale müsse in Paris sein, Regierungsvertreter in der Direktion, Renault soll mehr bewertet werden, alle Standorte in F müssen garantiert werden. Das macht niemand mit und FCA tat gut daran zurückzuziehen. Das gleiche Muster das bei den Werften in St. Nazaire geschah. Der pleite Besitzer aus Korea wurde von Fincantieri gekauft, also damit auch STX. MCron drohte den Italiener danach mit Verstaatlichung und boxte eine 50% Beteiligung durch mit wenigstens einer Stichstimme für die Italiener aber nur wenn Investitionen getätigt würden. Fincantieri ist der grösste Schiffbauer Europas und 4. in der Welt. Das ist dann eben Frankreich. Europäische Champions wolle man....solange das franz. Mehrheiten sind. Gut so FCA
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