Frauen auf dem Chefsessel "Wir sind besser als eine männerdominierte Firma"

In Deutschlands Großkonzernen haben Männer das Sagen - der Frauenanteil in den Vorständen liegt bei zwei Prozent. Anders ist es in Familienunternehmen: 25 Prozent der Betriebe haben eine Chefin. Was ist der Grund dafür? Besuch bei einer Outdoor-Firma in weiblicher Hand.

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Von Katrin Rössler, Obereisenbach


Ein schneller, kräftiger Händedruck im Vorbeigehen, schon eilt die zierliche Frau mit großen Schritten in ihr Büro. Sie hat noch eine kurze Besprechung. Nach zehn Minuten öffnet sie die Tür wieder: Antje von Dewitz hat jetzt Zeit.

Die 38-Jährige, Mutter von vier Kindern zwischen drei und elf Jahren, ist seit anderthalb Jahren Chefin des Bergsport-Unternehmens Vaude. Dewitz ist so uneitel wie die Produkte ihrer Firma: Sie trägt Jeans, Lederstiefel, dazu ein schlichtes Langarm-Shirt. Statt im Edel-Eckbüro eines Glas- und Stahlturmes sitzt sie im Erdgeschoss eines vierstöckigen Zweckbaus. Der steht in der 800-Seelen-Gemeinde Obereisenbach in der Nähe von Friedrichshafen am Bodensee.

Dewitz ist die mittlere von drei Töchtern, ihr Vater hatte die Firma Vaude 1974 gegründet. Während ihre beiden Schwestern sich eine Zukunft im Unternehmen nicht vorstellen konnten, beerbte sie ihren Vater 2009 im Job - obwohl dies für Dewitz lange nur eine von vielen Optionen war. Zu vielseitig waren ihre Interessen während des Studiums der Kulturwirtschaft - und zu unentschlossen sie selbst. Als Praktikantin war die Studentin unter anderem beim NDR und beim Goethe-Institut. "Das war alles interessant, aber eben auch nicht mehr. Erst als ich in der Firma meines Vaters reingeschnuppert habe, merkte ich: Hier gehöre ich hin", sagt sie.

Und auch danach war es nicht - wie so oft - der Übervater, der die Tochter in die Verantwortung für die weltweit 1500 Mitarbeiter drängte. Es war Dewitz selbst, die ihrem Vater sagte, dass sie sich den Posten zutraue. Der antwortete auf die interne Bewerbung nur: "Ja, dann freue ich mich." So unspektakulär sei das gewesen.

In Dax-Vorständen nur zwei Prozent Frauen

Dabei ist Antje von Dewitz' Aufstieg durchaus spektakulär. Noch immer dominieren Männer die Führungsetagen der meisten Unternehmen. Bei den 30 Dax-Konzernen ist gerade einmal jedes 50. Vorstandsmitglied weiblich.

Wenn sich etwas in Sachen Frauenpower tut, dann vor allem in den Familienunternehmen. Eine Studie der Intes-Akademie ergab, dass in jedem vierten Betrieb in Familienbesitz Frauen an der Spitze der Geschäftsführung stehen. Oft sind es wie bei Vaude die Töchter, die von ihren Vätern die Verantwortung übernehmen. So war es auch bei Warsteiner, bei Underberg oder bei Öger Tours.

Heiner Thorborg, Co-Autor der Intes-Studie, sagt: "Familienunternehmen sind schlauer und schneller als die großen Konzerne - auch beim Thema Frauen: Sie haben viel früher erkannt, dass es hier ein Potential zu nutzen gilt."

Dass mittelständisch geprägte Familienunternehmen öfter Frauen in der Chefetage haben als Großkonzerne, wundert Antje von Dewitz nicht: "Wir haben direkten Kontakt zu unseren Mitarbeitern, sprechen mit ihnen auch über Persönliches. Entsprechend leicht fällt es uns, gemeinsam mit ihnen individuelle Lösungen zu finden." Bei Vaude arbeiten rund 55 Prozent der Belegschaft in Teilzeit. So auch der Lebensgefährte der Chefin, der sich nachmittags um die gemeinsamen Kinder kümmert.

Mittagessen mit den Kindern im Betrieb

Vormittags ist der Nachwuchs der Geschäftsführerin im Kinderhaus auf dem Werksgelände. Seit 2001 werden hier Dutzende Söhne und Töchter von Mitarbeitern auf Wunsch den ganzen Tag betreut - auch in den Ferien. Und mittags können Eltern und Kinder zusammen essen. "Es ist ein irrer Luxus, die Kinder so nah zu haben. Das nimmt viel Druck von den Eltern", sagt Dewitz.

Die Investitionen in die Kinderbetreuung haben sich gelohnt - in zweierlei Hinsicht. Mehr Vaude-Mitarbeiterinnen als früher bekommen Kinder, wie Dewitz sagt. Die Babyquote, so hat sie errechnet, liegt rund 30 Prozent über dem deutschen Durchschnitt. Außerdem übernehmen immer mehr Frauen Schlüsselpositionen in ihrer Firma. "Viele Mütter arbeiten in der Elternzeit weiter, haben dadurch mehr Erfahrung im Job und machen entsprechend schneller Karriere."

Es geht Dewitz aber nicht allein darum, ihren weiblichen Kollegen den Weg zu bahnen: "Ich bin auf allen Ebenen der Firma ein großer Fan von gemischten Teams." Frauen machten die Zusammenarbeit vielseitiger und brächten neue Perspektiven bei der Lösung von Problemen ein.

So würden sie etwa bei technischen Produkten wie Zelten oder Rucksäcken viel stärker auf ein schönes Design achten als Männer. "Damit sind wir besser aufgestellt als eine männerdominierte Firma", sagt Dewitz. Die Entwicklung der Firma scheint ihr Recht zu geben: Vaude wächst mit seinen Zelten, Fahrradtaschen und Co. um etwa zehn Prozent pro Jahr.

Eine Schwangerschaft kostet bis zu 20.000 Euro

Allerdings hat das Engagement für Frauenförderung und Familienfreundlichkeit seinen Preis. "62 Prozent unserer Mitarbeiter sind weiblich. Und jede Schwangerschaft kostet uns zwischen 10.000 und 20.000 Euro", sagt Dewitz. Denn: Die schwangere Mitarbeiterin fällt ein paar Wochen aus, eine Übergangskraft muss eingestellt und Zuschüsse zum Mutterschaftsgeld müssen gezahlt werden. So kommt Dewitz zur Schlussfolgerung: "Je familienfreundlicher ein Unternehmen ist, desto mehr kostet es die Firma."

Weil die Vaude-Chefin die Kosten für den gesellschaftlichen Wandel nicht alleine tragen will, ist sie eine Befürworterin der Frauenquote: "Nur mit diesem Instrument lässt sich eine echte Veränderung anstoßen. Dann müssten sich alle Firmen die Frage stellen, wie sie Frauen wirklich fördern können."

Außerdem sei eine Verpflichtung aller Unternehmen gerechter als der Status Quo, weil dann die gesamte Wirtschaft die Kosten tragen müsste. "Immerhin kommen die Kinder auch der Gesellschaft insgesamt zugute", sagt Dewitz.

Der Vater als Konkurrent oder Elder Statesman

Eine Frauenquote würde wohl auch den Führungsstil der Unternehmen revolutionieren. So wie bei Vaude. Während bei Antje von Dewitz' Vater, dem Unternehmensgründer, die meisten Entscheidungen über den Chefschreibtisch liefen, baute sie selbst die zweite Führungsebene aus. Es reden also deutlich mehr Leute mit und die Mitarbeiter müssen eigenständiger entscheiden. Nur so kann die neue Chefin das Unternehmen führen: "Ich bin viel stärker auf die Kompetenzen meiner Mitarbeiter angewiesen als mein Vater. Er hat die Firma aufgebaut und kennt jedes Detail."

Dewitz sieht sich selbst vor allem als Mittlerin. Sie will dafür sorgen, dass alle Meinungen gehört und abgewogen werden. Diesen kommunikativen Führungsstil sieht Helga Breuninger, Beraterin für Familienunternehmen, als eine der größten weiblichen Stärken: "Frauen sind emotionale Führerinnen. Sie können besser zuhören und Leute zusammenbringen als Männer."

Und sie sind unkomplizierter - auch beim Generationswechsel im Betrieb. Söhne sehen ihren Vater meist als Konkurrenten. "Töchter machen ihren Vorgänger dagegen oft zum 'Elder Statesman' und sorgen damit für ein gutes Klima", sagt Breuninger. So auch bei Familie Dewitz. Obwohl die Tochter neue Wege geht, weiß sie die Leistung des Vaters zu schätzen: "Er hat das Unternehmen zu dem gemacht, was es heute ist."

Anerkennung für die Errungenschaften der Väter bedeutet aber noch lange nicht, dass sich die neuen Chefinnen reinreden oder gar einen männlichen Führungsstil aufzwingen lassen. Antje von Dewitz hat ihre eigene Philosophie in Berti Vogts' Worten gefunden: Die Mannschaft ist der Star. "Es ist vielleicht einfach die moderne Variante, ein Unternehmen voranzubringen", sagt sie.



insgesamt 263 Beiträge
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Seite 1
Eviathan 27.11.2010
1.
---Zitat--- Obwohl die Tochter neue Wege geht, weiß sie die Leistung des Vaters zu schätzen: "Er hat das Unternehmen zu dem gemacht, was es heute ist." ---Zitatende--- Damit ist - zumindest soweit es mich angeht - alles Wesentliche zum Thema gesagt.
Parzival v. d. Dräuen 27.11.2010
2. .
Zitat von sysopIn Deutschlands Großkonzernen haben Männer das Sagen - der Frauenanteil in den Vorständen liegt bei zwei Prozent. Anders ist es in Familienunternehmen: 25 Prozent der Betriebe haben eine Chefin. Was ist der Grund dafür? Besuch bei einer Outdoor-Firma in weiblicher Hand. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,729411,00.html
Der einzig richtige Weg. Frauen führen ihre geerbten Firmen und beweisen, dass sie besser sind, wie eigentlich in allen Dingen, die Frauen so anpacken und der Wettbewerb entscheidet, ob sie diese Behauptungen beweisen können.
Haio Forler 27.11.2010
3. .
Zitat von EviathanDamit ist - zumindest soweit es mich angeht - alles Wesentliche zum Thema gesagt.
Eine Firma von meinem Vater könnte ja sogar ich als Mann erben ;)
Psycho Dad, 27.11.2010
4. Timeo Danaos et dona ferentes
Zitat von EviathanDamit ist - zumindest soweit es mich angeht - alles Wesentliche zum Thema gesagt.
Richtig...mich macht dieses SPON-Eigentor schon fast wieder mistrauisch. Hat den Artikel etwa der Redakteurschauvi unter weiblichem Pseudonym geschrieben??? Ansonsten schon fast wieder unter Realsatire einzuordnen.
ohne_sorge 27.11.2010
5. Kein Titel
Ich verstehe nicht, was die Diskussion soll. Wenn Frauen besser sind, werden sie schon die Chefs werden. Wir dürfen dabei mal nicht vergessen, dass es eben noch nicht sehr lange her ist, dass die Frauen auch bei uns nicht viel durften und, dass es immer noch viele Frauen gibt, die die Kinderpause voll nehmen (mind. 3 Jahre bei einem Kind) und daher einen Teil des Karrierezugs faktisch verpassen, weil sie gerade eben nicht da sind. Dafür können wir Männer am Ende auch nichts, den auch für uns Männer bieten sich manche Jobchancen nur ein paar wenige Mal im Leben, an denen wir aber dann halt meist gerade auch verfügbar sind. Meine Erfahrung mit Frauen und Männern als Chefs war bisher immer ohne geschlechterspezifische Unterschiede. Ich kann aber sagen, dass die Frauen, die als Chefs in meinem Beruf arbeiten, natürlich keine Kinder haben. Das wiederum sollen die Frauen nebenher aber laut Politik auch noch machen? Das mag gehen, wenn man eine Firma erbt und Tochter spielen kann (und Bedienstete hat), aber nicht, wenn man sich hocharbeiten muss. Daher gilt wohl, entweder mehr Kinder, oder mehr Frauen in Spitzenpositionen. Also: Welches Schweinderl hätten's nun gern?
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