Frust bei Quelle "Wir werden uns alle noch wundern"

Es ist ein unwürdiges Ende. Viele Quelle-Mitarbeiter sind seit Jahrzehnten ihrem Unternehmen treu verbunden. Sie haben goldene Zeiten und ein Stück Wirtschaftsgeschichte erlebt, waren die angesehenen "Männer von der Quelle" - was jetzt kommt, ist für sie ein Alptraum.

DPA

Aus Nürnberg berichtet


Rolf K.* ist die Erschütterung ins Gesicht geschrieben. Er schaut durch die viereckige randlose Brille irgendwo ins Leere, während er erzählt. Bis vor wenigen Wochen war der 46-Jährige im braunen Anzug noch "der Mann von der Quelle", bei dem sich jeder freute, wenn er an der Tür klingelte. "Da war man nicht irgendein Vertreter", sagt er, "beim Namen Quelle gingen die Türen auf."

K. hat den dunklen Mantel über den Arm gehängt, hilflos steht er vor dem Versandzentrum in Nürnberg. Drinnen, in der Kantine, hat der Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg gerade Tausenden Quelle-Mitarbeitern erklärt, dass das Traditionsversandhaus nun wirklich am Ende ist.

Jetzt verlassen die Kollegen fluchtartig das Gebäude. Viele haben Tränen in den Augen, kaum einer will sprechen. Irgendwann fliegt ein halbes Dutzend Hemden von einem der oberen Stockwerke auf den Gehsteig. Kurz darauf ist die Straße so gut wie leer.

Das Entsetzen sitzt tief. K. und sein Kollege Walter Wanders erzählen von Mitarbeitern, die seit 20 Jahren dabei waren. Von der Liquidation hätten die meisten im Radio oder im Fernsehen gehört. Was für ein unwürdiges Ende.

Genau genommen ist es nur das Finale eines wochenlangen Niedergangs. Erst der Insolvenzantrag im Juni, dann die Probleme bei der Finanzierung des neuen Katalogs, der schließlich nur mit Hilfe einer staatlichen Bürgschaft gedruckt werden konnte. Zwei Kündigungswellen durchlebten die Mitarbeiter in dieser Zeit, erst mussten 3100 von ihnen gehen, dann folgten am Freitag noch mal 800. "Da kam der Anruf von der Sekretärin, dann ging derjenige, bei dem's geklingelt hat, zum Chef - und dann war klar, was los ist", sagt ein Industriekaufmann. Die schriftliche Bestätigung folgte per Kurier am Wochenende, erzählt ein anderer, den es getroffen hat.

Quelle revolutionierte den deutschen Einzelhandel

Das Schlimmste für viele: Sie sind überzeugt, dass es nicht so weit hätte kommen müssen. So treue Kunden wie Quelle habe kein anderes Unternehmen gehabt, sagt Außendienstmitarbeiter Wanders. Er ist seit 19 Jahren dabei, kannte sogar noch die Grande Dame des Unternehmens, Grete Schickedanz, Gattin des Firmengründers Gustav. "Eine kleine, resolute Frau, mit dem Herz immer beim Kunden", schwärmt er, "und immer ein offenes Ohr für die Mitarbeiter." Sie habe das Handwerk "von der Pike auf gelernt", 67 Jahre lang war sie bei Quelle. Viele Mitarbeiter glauben, dass mit ihrem Tod 1994 der Niedergang begann.

Bis dahin war Quelle ein Stück deutsche Wirtschaftsgeschichte. Ein Katalog der 1927 gegründeten Firma gehörte in jedes Wohnzimmer. Gustav Schickedanz' Idee vom Einkauf direkt an der Quelle revolutionierte den Einzelhandel. 1936 erschien erstmals das "Quelle-Jahrbuch", der Vorläufer des Katalogs, 1954 wurde er erstmals verschickt. 1964 war Quelle nach eigenen Angaben das größte Versandhaus Europas.

Den rasanten Aufstieg verdankte das Unternehmen der Tatsache, dass Firmengründer Schickedanz seiner Zeit immer ein Stückchen voraus war. 1956 ließ er eine brandneue Versandanlage in Betrieb nehmen, von der bis zum Start niemand wusste, ob sie auch wirklich funktioniert. 1957 wurden bei Quelle Daten erstmals elektronisch verarbeitet. Der avantgardistische Gebäudekomplex, in dem dies alles stattfand, lockte Prominenz aus der Politik und aus der Branche regelmäßig nach Fürth.

Sogar Hunde wurden aus Fürth geliefert

Dazu kam, dass Quelle die Mode nicht nur verschickte, sondern sie auch mitbestimmte. 1967 wurde der Designer Heinz Oestergaard engagiert, der für das Versandhaus bis 1985 Kleider entwarf. Sein zentrales Forum: der Katalog. Er wurde nicht nur in der Bundesrepublik Kult, wo sich zwischenzeitlich jeder zweite Haushalt als Quelle-Kunde bezeichnete. Auch in der DDR wurde er als Bilderbuch westlichen Wohlstands hoch gehandelt.

Und das Verkaufsbuch wurde immer dicker. Neben Mänteln und Hosen führte es schon bald Gartengeräte, Möbel, Werkzeuge, Haushaltsgeräte, ja sogar Fertighäuser und Wohnwagen. Zwischenzeitlich wurden sogar Hunde aus Fürth geliefert. Eine Vielseitigkeit, die später zum Problem wurde - wie die Quelle-Warenhäuser, die Firmengründer Gustav Schickedanz seit den sechziger Jahren ausgebaut hatte. Eigentlich sollten sie als Schaufenster für die Katalog-Produkte dienen, doch erreichten sie nie die geplanten Umsätze.

Abwärts ging es mit Quelle aber erst, als Schickedanz und später seine Frau starben und das Management an externe Kräfte vergeben wurde. Der Aufschwung nach der Wiedervereinigung überdeckte die beginnenden Strukturprobleme nur kurz - auch wenn Quelle fast aus dem Stand in den neuen Bundesländern Umsätze von mehr als einer Milliarde Mark erzielte.

Mit Karstadt beschleunigte sich der Niedergang

Zum Verhängnis wurde der Zusammenschluss mit dem Kaufhauskonzern Karstadt 1999. So richtig passten die beiden Riesen nie zusammen. Quelle verlor Unabhängigkeit, die Karstadt-Zentrale in Essen musste alle finanziellen Entscheidungen abnicken. In Fürth kamen und gingen die Manager. Das Geschäftsmodell war unklar.

"Mal wollte man die älteren Leute ansprechen, dann wieder die Familie", sagt ein Mitarbeiter aus dem Marketing in Nürnberg. "Die klare Linie fehlte." Der konsequente Einstieg ins Internetgeschäft kam zu spät - dann aber sollte Quelle sofort zum größten Online-Kaufhaus mutieren.

Die Insolvenz von Arcandor, wie Karstadt-Quelle schließlich hieß, riss das Versandhaus endgültig ins Nichts. Die Manager hätten alles "plattgemacht", sagt K.. Von denen habe sich keiner mit dem Unternehmen "identifiziert". Nun stehen ausgerechnet Menschen wie er oder sein Kollege Wanders vor dem Aus, die immer noch in Begeisterung geraten, wenn sie von ihrer Arbeit erzählen.

"Wir werden uns noch alle wundern"

Die beiden haben ihren Job schon bei der ersten Kündigungswelle verloren. Sie wurden an die Transfergesellschaft übergeben, die entlassene Mitarbeiter auffangen sollte. Bis zu diesem Dienstagmittag saßen sie im Bewerbungstraining; es vermittelte ihnen wenigstens die Aussicht auf Weiterbildung und Hilfe bei der Jobsuche. Nun droht auch diese Hoffnung zu platzen. Die Transfergesellschaft "hängt am Tropf", sagt Wanders. Wenn das Geld aus der Insolvenzmasse nicht reicht, kann sie nicht mehr bezahlt werden.

K. ist 46, Wanders 50. Ihre Jobchancen sind nicht besonders gut. Otto habe im Außendienst schon lange abgebaut, Neckermann auch, sagt Wanders nüchtern. Das Internet werde eben immer wichtiger in der Branche.

"Wir werden uns alle noch wundern", sagt K.. "Wir sind Menschen, wir brauchen Menschen." Wer mal bei einer Reklamation eine Hotline angerufen habe, wisse, was gemeint sei, fügt Wanders hinzu.

Dann fährt er nach Hause. "Ich sitze heute Nachmittag wieder vor dem Computer und scanne Stellenanzeigen", sagt er. "Irgendwie muss es ja weitergehen."

*der Name wurde von der Redaktion am 31.3.2010 abgekürzt.

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Seite 1
japan10 03.07.2009
1.
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Da hat sich wohl Herr Seehofer weit aus dem Fenster gelehnt. Quelle, wieder ein Beispiel für Größenwahn (Arcandor).
Harald E, 03.07.2009
2.
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Schon blöd, wenn man nicht systemrelevant ist. (Danke Fr. Merkel....hassu gut gesagt....aber die Einschläge kommen näher) Oh.....und es ist noch lang...sooo lang bis zur Wahl.
bedenkenträger2 03.07.2009
3. ...
Wie gehts weiter bei Quelle? Hoffentlich ohne Staatsknete. Staatshilfe für den Handel - was für ein Unsinn! Der Handel hat doch den leichtesten Part im Kapitalismus, er muss keine Dinge herstellen, schafft keine Werte, sondern er selektiert und verhökert. Der Handel ist doch quasi der Zuhälter der Industrie. Systemirrelevanter geht doch gar nicht. Wenn es eine Branche gibt, wo man (zurecht) sagt: "Ihr müsst alleine klarkommen!" dann ist das doch der Handel! Wer im Handel nicht klarkommt, hat versagt, hat nicht flexibel auf neue Konsumgewohnheiten reagiert. Das Arbeitsplätze-Argument darf nicht überall gezogen werden, der Staat ist bereits der größte Arbeitgeber im Land. Außerdem: Der Großteil der bei Quelle erhältichen Produkte ist doch (ich übertreibe mal rethorisch) zu 90 % "Made in China"; also, erst kaufen wir dort die chinesischen Produkte, und dann subventionieren wir auch noch deren Vertriebswege?!
Querspass 03.07.2009
4. Druckerei stoppt Quelle-Katalog
Obwohl ich der Bezirksleiterin der Sammelbesteller vor 9 Jahren und wiederholt mitgeteilt habe, daß 1 Hauptkatalog reicht, kommen halbjährlich SIEBEN FÜR DIE TONNE. Allein mit der Katalogdruckerei ist kein Umsatz zu machen. Und die Onlinepräsenz klemmt dauernd, es macht manchmal keinen Spaß! Außerdem, wer garantiert, daß die Briten (Mutterkonzern) die Staatsknete nicht abziehen? Soviel mir bekannt ist, hat die Plünderung der Konten zur Insolvenz geführt.
Caiman, 03.07.2009
5. Wahrscheinlich gar nicht...
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Wer ist eigentlich auf die grandiose Idee gekommen, mit 50 Mios einen Katalog auf Pump zu finanzieren, aus dem niemand mehr was bestellt, weil er nicht weiss, ob er überhaupt Ware erhält? Ach ja, das war der andere Horst "WER?"...
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