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04. Juli 2017, 18:42 Uhr

G20-Gipfel in Hamburg

"Verschont unseren Laden"

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Mit Styropor und Holzplatten rüsten sich Hamburgs Geschäftsleute für die G20-Proteste. Einige verbarrikadieren ihre Schaufenster, andere setzen auf ein besonders begehrtes Plakat.

"Wir machen zu", sagt Cris Cassara und guckt bedröppelt durch seine getönte Brille. "Auch um unsere Kunden zu schützen." Der 33-Jährige ist Leiter des Brillenladens "Ace and Tate" im Hamburger Schanzenviertel. Wenige Hundert Meter entfernt werden sich die Staats- und Regierungschefs ab diesem Freitag zum G20-Gipfel treffen. Spätestens dann wird Cassara den Laden schließen.

Bis vor ein paar Jahren habe er noch in dem kleinen Klamottenladen "Kauf dich glücklich" um die Ecke gearbeitet, erzählt Cassara. Mehrmals hätten Demonstranten dort die Scheiben kaputt gemacht. "Die Scherben sind bis in die Umkleidekabinen geflogen." So etwas wolle er nicht noch mal erleben.

Geschlossen - wegen Putin

So wie "Ace and Tate" machen Dutzende Hamburger Geschäfte während des G20-Gipfels dicht. Nicht immer aus Angst vor Protesten: Die Läden im Levantehaus, einem Einkaufszentrum in der Innenstadt, bleiben geschlossen, weil sie zu nah an dem Hotel liegen, in dem der russische Präsident Wladimir Putin während seines Hamburg-Aufenthalts wohnt.

Auch die Betreiberinnen von "Gretchens Zuckerbude" im alternativen Karoviertel haben sich bereits verabschiedet. An den Fenstern des Geschäfts haben sie Styroporplatten angebracht. Darauf eine Botschaft: "No G20".

Große Läden und Kaufhäuser wie Swarovski, Karstadt und Kaufhof rüsten sich ebenfalls für den Gipfel. Die Schaufenster der Filialen in der Hamburger Innenstadt sind schon jetzt mit Holzplatten verbarrikadiert. Sicherheitskräfte bewachen die Eingangstüren. Die Commerzbank empfiehlt ihren Mitarbeitern, nicht im Anzug zur Arbeit zu kommen. "Wir wollen nicht provozieren", sagt eine Sprecherin.

Videoanimation zum G20-Gipfel:

Ob die Demonstranten während des G20-Gipfels wirklich Scheiben kaputt machen werden, kann derzeit niemand sagen. Sicher ist: Zehntausende Demonstranten werden durch die Straßen ziehen, darunter mutmaßlich auch gewaltbereite Linksextreme, die sich mit 20.000 Polizisten ein Katz-und-Maus-Spiel liefern werden. Viele Straßen sind nicht befahrbar, Busse werden im Stau stecken.

Zahlreiche Kunden dürfte das abschrecken. Zwar sind die meisten Geschäfte auch am Freitag und Samstag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. City-Managerin Brigitte Engler geht trotzdem von Umsatzeinbußen in Höhe von 15 Millionen Euro aus - allein für den Bereich rund um das Gipfelgelände an den Messehallen und um die Hotels der Staatschefs in der Innenstadt.

Begehrte Plakate

"Es wird sich kein Kunde hertrauen", glaubt auch Rolf Schade. Seinen Druckladen im Karoviertel will er dennoch erst mal nicht schließen. Aus Prinzip. "Wenn wir auch zumachen würden, wäre das das falsche Signal", sagt er.

"G20, du Opfer", steht auf einem Würfel in Schades Schaufenster. Vielleicht auch deshalb hängt an seinem Schaufenster ein kleines, beinahe unscheinbares Plakat mit der Aufschrift: "No G20, spare our store!" - "Verschont unseren Laden." Neben der Schrift ist eine zersplitterte Glasscheibe zu sehen.

Das Plakat klebt seit einigen Tagen an den Fenstern vieler traditionsreicher Läden im Hamburger Stadtteil Sternschanze. Es liest sich wie eine Aufforderung an gewaltbereite Autonome: Hier bitte keine Steine schmeißen, wir sind die Guten.

Für Unruhe sorgt es vor allem bei den Ladenbesitzern, die noch kein solches Plakat haben. Aktivisten aus dem Umfeld der Roten Flora, dem Zentrum der Autonomen in Hamburg, hätten es verteilt, sagt Schade. Offenbar habe eine Nachbarin ihnen seinen Laden empfohlen.

Videoanimation: Worum geht es beim G20-Gipfel?

Ob das Plakat wirklich nur an ausgewählte Läden verteilt wird, ist auch Schade nicht ganz klar. Die Botschaft bereitet allerdings selbst einigen Ladenbesitzern Unbehagen, die eines bekommen haben. Das Plakat kreiere ein Zweiklassensystem, sagt ein Ladeninhaber. "Hier die Guten, dort die Bösen, denen man die Scheiben einschmeißen darf." Seinen Namen will er nicht nennen - aus Angst vor Ärger mit linken Aktivisten. Das Plakat hat er trotzdem aufgehängt. Vielleicht helfe es ja.

Auch an der Eingangstür des Plattenladens Slam Records klebt das Plakat. Geschäftsführer Matthias Voltmer, 57, hat schon viele Demonstranten an dem Laden vorbeiziehen sehen. Ob die Botschaft wirklich Autonome daran hindere, Steine zu schmeißen? Voltmer zuckt mit den Schultern. Seine Hoffnung: "Ich glaube, es wird eskalieren. Aber vielleicht nicht unbedingt hier bei uns."

Am Schaufenster des Klamottenladens "Kauf dich glücklich" klebt kein Plakat. Zu kaufen gibt es hier alles, was gerade in ist: enge Jeanshosen, die kurz über den Knöcheln enden, und T-Shirts mit riesigem "Levi's"-Aufdruck. Zur politischen, anti-kapitalistischen Einstellung der nahgelegenen Roten Flora passen die Klamotten nicht. Noch sei nicht ganz klar, ob der Laden auch Freitag und Samstag offen bleibe. "Aber ich denke, dass wir aufmachen", sagt eine Mitarbeiterin. Wenn sie bis dahin keines der begehrten Plakate mehr ergattern könne, male sie eben selbst eines.

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