Harte Sanierung Galeria Karstadt Kaufhof plant, fast die Hälfte aller Filialen zu schließen

Für Mitarbeiter der Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof ist es ein Schock. Von den rund 170 Häusern sollen nach SPIEGEL-Informationen nur 90 übrig bleiben. Gegen den Entwurf des Sanierungsplans protestieren die Betriebsräte.
Filiale von Galeria Karstadt Kaufhof in Essen: Von dem Warenhauskonzern bleibt immer weniger übrig

Filiale von Galeria Karstadt Kaufhof in Essen: Von dem Warenhauskonzern bleibt immer weniger übrig

Foto: Fabian Strauch / dpa

Die angeschlagene Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof steht vor einem Kahlschlag. Es sollen 80 der rund 170 Filialen des Konzerns geschlossen werden. So steht es laut Insidern im Entwurf des Sanierungsplans. Darüber hinaus ist anvisiert, in den restlichen Filialen bis zu zehn Prozent der Jobs zu streichen. Es ist ein düsteres Szenario für die rund 28.000 Mitarbeiter des Unternehmens, von denen viele nun ihren Job verlieren werden. Das Vorhaben bringt die Arbeitnehmervertreter auf die Barrikaden. Die "Maßnahmen sind an Grausamkeiten kaum zu überbieten und ein Generalangriff auf alle Beschäftigten", kritisierte der Gesamtbetriebsrat.

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, ob es bei der Zahl beabsichtigten Filialschließungen bleibt. Karstadt Kaufhof befindet sich seit Anfang April in einem Schutzschirmverfahren und will sich selbst sanieren, bevor es ein Insolvenzverwalter tut. Bis Ende Juni müssen Gläubiger und Arbeitnehmervertreter sowie das Gericht den Plänen zustimmen. Laut Konzernkennern soll versucht werden, unter anderem durch Gespräche mit Vermietern von Filialen eine Senkung von Mieten zu erreichen und so Läden vor dem Aus zu bewahren. Fände sich keine überzeugende Lösung, wie der Kaufhauskonzern gerettet werden könnte, würde er in die Insolvenz rutschen.

Schon länger kritisiert die Arbeitnehmerseite, dass neben den anvisierten Einsparungen zu wenig über konkrete Ideen in den Planungen erkennbar sei, wie die Warenhäuser langfristig eine Zukunft haben können. Es fehlten strategische Weichenstellungen, die das Unternehmen künftig vor der Gefahr einer Insolvenz bewahrten und stabil aufstellten. Es brauche ein neues Geschäftsmodell für das Warenhaus, fordern sie.

Die Konzernführung hatte schon an einer neuen Strategie gearbeitet, die aus den Warenhäusern auf längere Sicht eher Shoppingcenter mit vielen Fremdmarken als Untermieter gemacht hätte. Doch die Coronakrise hat den Umbau vorerst radikal gestoppt.

"Unverantwortlicher Kahlschlag"

Stattdessen sei der nun vorgestellte Sanierungsplan ein "unverantwortlicher Kahlschlag, der unnötig Arbeitsplätze vernichtet", so der Gesamtbetriebsrat. Es seien äußerst gravierende Einschnitte geplant. Darüber hinaus sollten bei den verbleibenden Arbeitsplätzen die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung zum Nachteil der Mitarbeiter verändert werden. "Das ist brutal! Es hat den Anschein, dass die Unternehmensleitung und der Eigentümer die Coronakrise missbrauchen, um ihre ursprünglichen Planungen von Standortschließungen und Entlassungen doch noch umzusetzen", wirft Stefanie Nutzenberger, das für den Handel zuständige Bundesvorstandsmitglied der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di), dem Handelskonzern vor.

Mit dem Schutzschirmverfahren wollen das Management und der österreichische Milliardär René Benko, dessen Signa-Gruppe das Warenhausunternehmen gehört, die Kette vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch in der Coronakrise schützen. Der Versuch, über einen Staatskredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in dreistelliger Millionenhöhe Finanzspielraum zu erhalten, war zuvor gescheitert. Galerias Hausbanken blockten und verlangten laut Insidern überzogene Sicherheiten dafür. Da sie bei einem KfW-Darlehen mitziehen müssen, gelang die Staatshilfe nicht.

Das Coronavirus und die dadurch angeordneten Schließungen aller Läden im März traf den Warenhauskonzern zur ungünstigsten Zeit. Gerade erst hatten Benkos Trupps begonnen, die verschmolzenen Ketten Karstadt und Kaufhof aufzumöbeln. Schon ohne den Lockdown war das Unterfangen riskant, die Aussichten fraglich. Missmanagement und jahrelanges Ignorieren vieler Handelstrends wie dem Onlineshopping, dem die Warenhäuser lange Zeit nur zögernd folgten, hatten erst Karstadt und dann Kaufhof fast schon in die Insolvenz getrieben. Milliardär Benko wollte zeigen, dass es ihm dennoch gelingen kann, die Häuser flott zu machen. Jetzt muss er darum fürchten, dass sein hohes Investment misslingt.

Galeria Karstadt Kaufhof habe während der Zeit der Komplettschließung mehr als eine halbe Milliarde Euro verloren, gab das Unternehmen Anfang der Woche in einem Brief an die Mitarbeiter bekannt. Die Warenhäuser haben gerade das wichtige Ostergeschäft verpasst, das neben Weihnachten zu den wichtigsten Einnahmequellen gehört. Wie bei allen anderen Läden auch zieht das Geschäft aber auch jetzt, wo sämtliche Filialen wieder öffnen dürfen, nicht wieder schnell an. Die Angst vor Ansteckung mit dem Coronavirus hat vielen Menschen die Lust auf Shopping verdorben. Der "Rückstand ist auch nicht aufzuholen", schrieb das Management und warnte: "Insgesamt dürfte sich der Umsatzverlust auf bis zu eine Milliarde Euro erhöhen."

Milliardär Benko sichert mehr Geld zu

Derzeit arbeiten der gerichtlich bestellte Sachwalter Frank Kebekus mit Benkos Generalbevollmächtigtem für Galeria, Arndt Geiwitz, an einem Weg aus dem Schlamassel. Geiwitz war früher unter anderem Insolvenzverwalter der Drogeriekette Schlecker. Vom Sanierungskonzept wird es abhängen, ob Galeria diese Krise übersteht oder ob Benko seine Investitionen abschreiben muss.

Rund 500 Millionen Euro hat Benko über seine Signa-Gruppe bereits investiert, um den Warenhäusern unter Galeria Karstadt Kaufhof eine Zukunft aufzubauen. Weitere 140 Millionen Euro hat er bereits zugesagt. Zudem soll Benko dem Gläubigerkreis versichert haben, dass er bereit sei, das Unternehmen auch darüber hinaus mit mehreren hundert Millionen Euro zu stützen.

Insgesamt hatte Benko bereits vergangenes Jahr einkalkuliert, 700 Millionen Euro in das Kaufhausabenteuer stecken zu müssen  - deutlich mehr, als er ursprünglich einmal angepeilt hatte. Insider berichteten, Benko habe eigentlich mit 300 Millionen Euro Investition gerechnet.

Im Unternehmen wird dem Österreicher hoch angerechnet, dass er weiter Geld ins Unternehmen steckt. "Es ist toll, dass es jemanden gibt, der ans Warenhaus glaubt", sagt ein Arbeitnehmervertreter. Für Benko geht es bei diesem Manöver aber auch um seinen guten Ruf. Der mit Immobiliendeals reich gewordene Österreicher muss um das ganze von ihm aufgebaute Reich fürchten. Büßt er das Vertrauen der Investoren ein, die Geld für seine Investitionen beisteuern, wäre die Signa-Gruppe mit Immobilien und Einzelhandelsfirmen in Gefahr.

Besonders gravierend ist, dass Benko gerade erst kräftig weiterinvestiert hat: Er kaufte kürzlich die Handelskette Globus, die das Luxussegment stärker bedienen soll, das zuletzt etwa beim KaDeWe oder dem Hamburger Alsterhaus gut funktionierte, jetzt jedoch ebenfalls unter Druck gerät. Er holte die angeschlagene Kette Sportscheck in sein Reich, die er nun erst wieder flott bekommen müsste.

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