Galeria Karstadt Kaufhof Wie das Insolvenzrecht Deutschlands letzte Warenhauskette retten soll

Die schwer angeschlagene Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof flüchtet sich angesichts der Coronakrise in ein Schutzschirmverfahren. Ist das das Ende für den Konzern - oder der einzige Weg in die Zukunft?
Geschlossene Kaufhof-Filiale in Essen: Die Warenhauskette hat die Mietzahlungen für alle Häuser gestoppt

Geschlossene Kaufhof-Filiale in Essen: Die Warenhauskette hat die Mietzahlungen für alle Häuser gestoppt

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Fabian Strauch/ DPA

René Benko fürchtet ein Stigma: die Insolvenz. So gut es geht, vermeidet der österreichische Multimilliardär dieses Wort, wenn es um Galeria Karstadt Kaufhof geht, die Warenhauskette, die Benkos Signa-Gruppe gehört. Ein Schutzschirmverfahren habe man eingeleitet, kündigte das angeschlagene Unternehmen am Mittwoch an. So wolle man Galeria schützen vor den "harten wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise". Tatsächlich ist der angenehm klingende "Schirm" ein Insolvenzverfahren. Dabei saniert die Geschäftsführung den Konzern in Eigenregie, beaufsichtigt von einem Sachwalter.

Wird dieses Insolvenzverfahren dem ohnehin stark angeschlagenen Unternehmen den Rest geben? Oder ist es - umgekehrt - das Ticket in die Zukunft für Deutschlands letzte verbliebene Warenhauskette?

Zunächst spricht vieles dafür, dass dies der Todesstoß für die mit Problemen beladene, hoch verschuldete Gruppe ist. Denn die Warenhäuser laufen mehr schlecht als recht - ein Sanierungsplan offenbarte vergangenes Jahr, dass nicht nur Kaufhofs Geschäftszahlen unter Plan liegen, sondern auch die von Karstadt - obwohl das dortige Management seit Jahren an der Kette herumsaniert. Mit dem Verbund beider Häuser im Januar wollte Eigentümer Benko die Wende dennoch schaffen - und pumpte dafür sogar mehr Geld in die Unternehmen , als er ursprünglich geplant hatte.

Der Shutdown - ein Strich durch die Sanierungsrechnung

Anfang 2019 waren Karstadt und Kaufhof unter dem Dach von Benkos Signa-Holding fusioniert. Zwar klangen die Sanierungspläne dank geplanter Synergieeffekte und anvisiertem Gewinnanstieg vielversprechend. Doch der Shutdown im Zuge der Corona-Pandemie machte alle Hoffnungen zunichte. Wie alle Läden sind auch sämtliche Warenhäuser seit dem 18. März geschlossen. Benkos Sanierungsrechnung war damit gescheitert.

Trotzdem sei es Benko gewesen, der das Insolvenzverfahren mit aller Kraft habe abwenden wollen, sagt ein Insider, der den Investor gut kennt. Die Pleite habe für ihn einen Ruf wie die Pest. Doch warum? Weil es das Ende des Konzerns gewesen wäre? Oder fürchtet Benko womöglich vor allem um sein Image?

"Benko ist sehr auf seine Reputation bedacht, auf keinen Fall will er die Kontrolle abgeben müssen", sagt ein Kenner des Investors. Dazu ist er nun gezwungen. Schon bei der Übernahme von Kaufhof für den Zusammenschluss mit Benkos zuvor aufgekaufter Warenhauskette Karstadt sei dem Investor von Experten geraten worden, Kaufhof in die Insolvenz zu schicken. So wäre er einen Großteil der hohen Schulden des Unternehmens auf einen Schlag losgeworden. Doch stattdessen glich er lieber das Kaufhof-Minus aus, 2019 mit rund 200 Millionen Euro. Der Investor habe auch damals um seinen Ruf gefürchtet, heißt es aus seinem Umfeld.

Das eigene Image ist das wichtigste Vermögen des mit Immobiliendeals reich gewordenen Österreichers. Verlieren Investoren, die Benko ihr Geld geben, das Vertrauen, könnte das gesamte über Jahre aufgebaute Signa-Reich mit Immobilien und Einzelhandelsfirmen in Gefahr geraten - gerade jetzt, wo die Coronakrise sämtliche Wirtschaftszweige erfasst hat.

Vor diesem Hintergrund wird auch deutlich, warum die Gruppe sich seit dem Shutdown zunächst bei der staatlichen Förderbank KfW um einen Staatskredit in dreistelliger Millionenhöhe bemühte.

Doch der Kredit scheiterte offenbar am Widerstand der Commerzbank und weiterer Hausbanken, die laut Aussagen mehrerer Insider unannehmbare Forderungen gestellt hätten. Obwohl die Banken für die Förderkredite nur zehn Prozent des Risikos tragen, hätten sie Sicherheiten verlangt, "die weit über diesen Anteil hinausgingen", heißt es. Das habe man nicht leisten können.

Die Commerzbank will das Geschehen auf Anfrage nicht kommentieren und verweist auf das Bankgeheimnis. Jedenfalls war den Banken das Risiko mit dem angeschlagenen Warenhauskonzern offenbar zu groß. Generell schrecken die Kreditinstitute derzeit vor Handelsfirmen zurück, sagen Branchenkenner, auch bei besser laufenden Unternehmen.

Die Insolvenz - eine heilsame Pausetaste

Am Ende blieb Galeria als einziger Ausweg das Schutzschirmverfahren. Doch so negativ, wie es auf den ersten Blick wirkt, ist der Gang in die Insolvenz am Ende vielleicht nicht. Für Galeria könnte er sogar wie eine heilsame Pausetaste wirken.

Während sich das Unternehmen mit den Staatskrediten von der KfW einen neuen Ballast an Schulden aufgeladen hätte, kann der Warenhauskonzern nun alte Verbindlichkeiten abschütteln. Geht das Geschäft wieder los, belasten die neuen Kredite das ohnehin mit Schulden beladene Unternehmen nicht noch zusätzlich.

Auch dass Galeria bereits großflächig Mietzahlungen ausgesetzt hat, könnte dem Konzern noch gelegen kommen. So haben Betriebsräte mit dem Unternehmen jüngst eine Standortsicherung ausgehandelt. Doch diese basiere auf bestehenden Mietverträgen, heißt es im Konzernumfeld. Würde ein Vermieter diese Verträge aufgrund ausbleibender Mieten kündigen, könne Benko demnach leicht ungeliebte Standorte loswerden.

Gefahr für die Löhne

Die Leidtragenden der Insolvenz dürften am Ende allerdings viele der rund 28.000 Beschäftigten sein. Zwar kann Galeria die Löhne nun von April bis Juni mit Insolvenzgeld bezahlen. Die Mitarbeiter erhalten damit ihr Nettogehalt weiter anstelle des niedrigeren Kurzarbeitergelds. Doch auf der anderen Seite kann der Konzern nun den für die Verschmelzung von Karstadt und Kaufhof mühsam ausgehandelten Tarifvertrag außer Kraft setzen.

Entsprechend alarmiert reagierte die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di: "Tarifverträge und die Einbindung der Belegschaft sind ein existenzielles Fundament", sagte Stefanie Nutzenberger, Ver.di-Bundesvorständin. Die Beschäftigten seien überrascht worden von der Ankündigung eines Schutzschirmverfahrens und müssten zusammen mit Betriebsräten und ihrer Gewerkschaft sofort eng eingebunden werden.

Drei Monate - Schlecker hat gezeigt, dass das nicht reicht

Das Kalkül des Konzerns für die Insolvenz könnte also darin liegen, die wenig profitablen Standorte loszuwerden und die Kosten für Gehälter zu drücken. So, das hoffen zumindest Insider, könnte die Warenhauskette ab Juli möglichst saniert wieder neu starten. Dafür müsste allerdings innerhalb von drei Monaten ein Sanierungsplan stehen, der dem Konzern eine bessere Zukunft als bislang eröffnet.

Das halten Experten allerdings für ambitioniert. "Bei Schlecker haben wir gesehen, dass drei Monate Zeit für die Restrukturierung eines Großhandelsunternehmens bei Weitem nicht ausreichen", mahnt ein Sanierungsexperte. "Diese Zeitspanne müsste gesetzlich dringend ausgedehnt werden. Sie ist zu knapp bemessen."

Und selbst wenn die Sanierung in Höchstgeschwindigkeit klappen sollte, könnten zwei weitere Entwicklungen den Neustart torpedieren: Während der Coronakrise dürfte sich das Einkaufsverhalten noch stärker ins Netz verlagern als bislang, erwarten Handelsexperten - für die wuchtigen Warenhäuser keine gute Entwicklung. Zudem dürfte die drohende Wirtschaftskrise die Konsumstimmung deutlich dämpfen - und viele Kunden ihr Geld lieber zusammenhalten lassen.

Die Insolvenz wäre damit durchaus ein Ticket in die Zukunft - allerdings in eine extrem unsichere.

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