Fehlende Kraftwerke für Energiewende Gasbranche prangert gigantische Investitionslücke an

Die Gasbranche sieht großen Nachholbedarf bei der Versorgungssicherheit in Deutschland: Bis 2030 müssten 30 Milliarden Euro in neue Kraftwerke investiert werden. Die Preise könnten noch weiter steigen.
Leitung bei Gaskraftwerk: Reserve fehlt

Leitung bei Gaskraftwerk: Reserve fehlt

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Die Bundesregierung hat Gas als wichtige Brückentechnologie definiert, um die Energiewende zu stemmen. Doch laut der Gasbranche gibt es hierzulande eine Investitionslücke von 30 Milliarden Euro. Die Bundesregierung müsse kurzfristig Investitionen in neue Gaskraftwerke anreizen, sagte Timm Kehler, Vorstand des Branchenverbands »Zukunft Gas«.

Zur Versorgungssicherheit seien bis 2030 in Deutschland 20 bis 30 Gigawatt neue Gaskraftwerkskapazität nötig, mit einem Investitionsvolumen von rund 30 Milliarden Euro. Derzeit seien aber wegen unsicherer Rahmenbedingungen nur wenige Investoren im Markt unterwegs.

Die Branche fordere schon länger die Einführung eines Kapazitätsmarktes, indem nicht nur die produzierte Energie vergütet werde, sondern auch Versorgungssicherheit – also die vorsorgliche Bereitstellung von Kraftwerken – einen Preis habe.

Weil Deutschland bis Ende 2022 aus der Atomkraft aussteigt und schrittweise die Kohleverstromung beenden will, müssen unter anderem Kapazitäten mit Gas erweitert werden. Laut Koalitionsvertrag sollen neue Gaskraftwerke so gebaut werden, dass sie auf Wasserstoff umgestellt werden können.

Nach Branchenangaben stellte Erdgas im vergangenen Jahr 27 Prozent der Energie zur Verfügung, die in Deutschland verbraucht wurde. Nur der Anteil von Mineral- und Heizöl sei größer. Der Erdgasverbrauch stieg 2021 um knapp vier Prozent.

Die Gasbranche rechnet nach drastischen Preissteigerungen im vergangenen Jahr mit weiteren Turbulenzen. »Das kann durchaus auch ein Blick in die Zukunft unserer Energieversorgung sein«, sagte Kehler. Extremes Wetter und die geopolitische Lage trügen dazu bei.

Die umstrittene Gaspipeline Nord Stream 2 sei allein von der Kapazität vielleicht nicht nötig für die Versorgung Europas. »Wir erwarten aber durchaus, dass diese neue Importroute schon preisdämpfend wirken kann«, sagte Kehler. Dem Verband zufolge ist zudem klar, dass die derzeitigen Lieferungen mit Blick auf den nächsten Winter nicht ausreichten: »Wir brauchen einfach mehr Gas als aktuell verfügbar, um die Speicher aufzufüllen«, sagte Handelsexperte Gregor Pett.

Gas kommt vor allem aus Russland

Die Gaspreise an den Börsen hatten sich 2021 zeitweise mehr als verzehnfacht und liegen immer noch um ein mehrfaches über dem Niveau von vor einem Jahr. Neben einem weltweit harten Winter machte sich dabei auch bemerkbar, dass aus Russland trotz der hohen Preise kein zusätzliches Gas über bestehende Verträge hinaus geliefert wurde. Unter anderem die EU-Kommission vermutet, dass Russland Gas als Druckmittel vor dem Hintergrund des Ukrainekonflikts einsetzen will.

Deutschland importiert mehr als die Hälfte seines Gases per Pipeline aus Russland, die EU insgesamt rund 40 Prozent. Importe werden zunehmend wichtig, da Norwegen und die Niederlande immer weniger fördern.

Zuletzt hatte Deutschland verstärkt Flüssiggas (LNG) importiert, was aber schon wegen der Transportkosten normalerweise teurer als Pipeline-Gas ist. Dieses kann laut Gasverband auch durch LNG in Deutschland nicht komplett ersetzt werden. Wirtschaftsminister Robert Habeck will mit staatlichen Anreizen den Bau von LNG-Häfen auch in Deutschland anstoßen.

mmq/dpa/Reuters