Gasbohrung US-Konzern presste giftige Chemikalien in Niedersachsens Boden

Riskante Gassuche in Niedersachsen: Der US-Konzern Exxon hat bei einer Testbohrung Zehntausende Liter Chemikalien in den Boden gepresst. Einige der Stoffe sind nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen hochgiftig. Der Energieriese sagt, es bestehe keine Gefahr, dass die Flüssigkeit ins Trinkwasser gelange.
Exxon-Logo: Gefährlicher Gasrausch

Exxon-Logo: Gefährlicher Gasrausch

Foto: AFP

Erdgasquellen

Exxon

Hamburg - In Deutschland gibt es einen Run auf neue : Energieunternehmen wie  , BNK Petroleum oder die Stadtwerke Hamm hoffen auf satte Erlöse. Allerdings setzen sie dabei auf unkonventionelle Fördermethoden - und die bergen große Risiken. So hat beispielsweise der US-Energieriese Exxon bei einer Testbohrung eine Flüssigkeit mit giftigen Chemikalien in Niedersachsens Boden gepresst.

Im Oktober 2008 bohrte Exxon, in Deutschland vor allem durch seine Tankstellenmarke Esso bekannt, in der Nähe der Ortschaft Damme. Drei Mal presste der Konzern Fracing-Flüssigkeit in das Bohrloch, 1100 bis 1500 Meter tief in die Erde. Insgesamt leitete der Konzern ungefähr zwölf Millionen Liter Flüssigkeit in den Untergrund. Diese bestand zu 98 Prozent aus Wasser, wie Exxon mitteilt. Hinzu kamen Quarzsand - und sechs Chemikalien, die einen Anteil von 0,2 Prozent an der Flüssigkeit hatten. Insgesamt presste Exxon also rund 24.000 Liter Chemikalien in den Boden, wie viel von welchem Stoff, teilte der Konzern nicht mit.

SPIEGEL ONLINE liegt eine Liste der Chemikalien vor, die bei der Testbohrung zum Einsatz kamen. Auf dieser findet sich unter anderem der Stoff Tetramethylammoniumchlorid, der auf den Sicherheitsdatenblättern von Herstellern als Gift eingestuft wird. Tetramethylammoniumchlorid greift beim Einatmen die Atemwege an, reizt bei Kontakt die Augen und ist bei Verzehr ab einer bestimmten Dosis tödlich.

Auf der Liste findet sich außerdem der Stoff Octylphenol Ethoxylate, der beim Einatmen die Lungen stark angreift und der von seinen Herstellern als gewässerschädigend eingestuft wird. Hinzu kommen Biozide und ein Petroleumgemisch - alles Stoffe, mit denen man ungeschützt nicht in Kontakt kommen sollte und die auf keinen Fall ins Trinkwasser gelangen sollten. Genau dieses Risiko aber könnte bestehen - während des Bohrvorgangs und auch noch Jahre danach.

Fracing in Niedersachsen: Diese Chemikalien verwendete Exxon

Chemikalie CAS-Nummer
Tetramethylammonium chloride 75-57-0
Petroleum distillate hydrotreated light 64742-47-8
Ethoxylated octylphenol 9036-19-5
Magnesium chloride 7786-30-3
Magnesium nitrate 10377-60-3
ein Biozid 55965-84-9
Quelle: SPIEGEL-ONLINE-Recherchen

Eingesetzt werden die Stoffe bei einer speziellen Bohrmethode. Durch sie lässt sich der wertvolle Rohstoff Erdgas selbst dann bergen, wenn er in kleinen, abgeschotteten Zwischenräumen verstreut ist. Die Methode heißt Fracing : Eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien wird mit hohem Druck ins Bohrloch gepresst. Die Flüssigkeit erzeugt künstliche Risse im Gestein, durch die das Gas später abgesaugt werden kann (Details: siehe Infobox). In den USA sind die Gasförderquoten durch Fracing stark gestiegen.

Energiekonzerne stecken riesige Claims ab

Bei Bohrungen in durchlässigem Gestein kommt die Methode nur selten zum Einsatz, bei der Gasförderung aus kleinen, abgeschotteten Zwischenräumen dagegen fast immer. Genau das hoffen die Energiekonzerne bald flächendeckend zu tun. Allein in Nordrhein-Westfalen will ein knappes Dutzend Unternehmen eine Fläche nach geeigneten Reservoirs scannen, die so groß ist wie das halbe Bundesland (siehe Tabelle links).

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Auch in anderen Regionen Deutschlands stecken Konzerne nach SPIEGEL-ONLINE-Recherchen ihre Claims ab - allen voran BNK Petroleum. Das amerikanische Unternehmen hält Forschungskonzessionen für knapp 9700 Quadratkilometer Land - das entspricht 2,7 Prozent der Gesamtfläche der Bundesrepublik.

Sollten diese Unternehmen flächendeckend Gas in Deutschland fördern, wäre Fracing bald Standard, nicht mehr die Ausnahme.

"Niemand sollte solche Chemikalien versehentlich trinken"

Exxon hält die Methode für ungefährlich. Der Konzern wies darauf hin, dass einzelne Stoffe, die beim Fracing verwendet werden, zwar als gefährlich eingestuft sind - bei einer starken Verdünnung aber nicht mehr.

Wissenschaftler sehen das anders. "Niemand sollte solche Chemikalien versehentlich trinken", sagt Theo Colborn von der Umweltschutzorganisation The Endocrine Disruption Exchange . "Auch dann nicht, wenn sie millionenfach verdünnt sind." Colborn trägt seit 2003 Stoffe zusammen, die Energiekonzerne bei der unkonventionellen Gasförderung in den USA einsetzen. Dort ist die Fracing-Methode schon jetzt viel stärker verbreitet als in Deutschland. Colborn hat in Fracing-Flüssigkeiten Dutzende Stoffe entdeckt, die als gesundheitsschädigend oder krebserregend eingestuft werden. "Manche waren auch bei milliardenfacher Verdünnung noch schädlich."

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Wie groß aber ist die Gefahr, dass mit Chemikalien versetzte Fracing-Flüssigkeit ins Grundwasser gelangt? Und können Menschen auf anderem Wege mit ihr in Kontakt kommen? Exxon hält das für ausgeschlossen. Mitarbeiter, die mit den Chemikalien zu tun haben, müssten stets entsprechende Schutzkleidung tragen, teilt der Konzern mit. Zwischen den Gesteinsschichten, in denen das Grundwasser lagere, und jenen, in welche die Fracing-Flüssigkeit gepresst werde, lägen zudem Hunderte Meter undurchdringlicher Fels. An der Stelle, an der der Bohrer die Grundwasserschicht durchdringt, führe man zementierte Stahlrohre ein.

Der Energieberater Werner Zittel, der die Risiken unkonventioneller Gasförderung in einer Studie beleuchtet hat , merkt dagegen an, dass der bei der Förderung entstehende Druck "teils sehr hoch ist, so dass Risse und Brüche in der Ummantelung entstehen können". Es sei "somit nicht ausgeschlossen, dass Chemikalien und auch Gas ins Grundwasser gelangen können". In der amerikanischen Stadt Dimock stellten US-Behörden Gas im Trinkwasser fest - später entdeckten sie, dass die Zementierung von Bohrlöchern in der Nähe brüchig war .

Millionen Liter Wasser im Boden versenkt

Ein weiteres Problem ist, dass ein Großteil der Fracing-Flüssigkeit nicht wieder aus dem Boden herausgesaugt werden kann. Exxon räumt ein, man habe bei der Bohrung in Niedersachsen bisher nur etwa 30 Prozent der eingesetzten Fracing-Flüssigkeit wieder an die Oberfläche gebracht, entsorgt und wiederaufbereitet. Millionen Liter Wasser und Tausende Liter Chemikalien wurden im Boden versenkt und dürften sehr lange Zeit dort bleiben.

"Was damit passiert, ist nur wenig erforscht", sagt Bernhard Cramer von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Da das Fracing erst seit einigen Jahrzehnten angewendet werde, fehlten Erfahrungen, was langfristig mit der Flüssigkeit passiere. "Die Konzerne schauen sehr genau, welche Gesteinsschichten von dem Fracing betroffen sind. Bei einem misslungenen Fracing kann die Flüssigkeit aber bis in wasserdurchlässige Sandsteinschichten gelangen. Von dort kann sie sich, wenn auch sehr langsam, im Untergrund weiterbewegen."

Bevor die Konzerne in eine flächendeckende Förderung einsteigen, sollten solche Risiken genau untersucht werden. Allzu beunruhigt scheint die Bundesregierung jedoch nicht zu sein. Derzeit lägen über mögliche Umweltrisiken "keine Erkenntnisse" vor, teilt sie auf Anfrage der Grünen mit. Man sehe in der Fördermethode aber "große Potentiale".

Die Grünen sind da weiter: Der Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer und der Europaabgeordnete Reinhard Bütikofer veranstalteten vergangene Woche ein Fachgespräch zum Thema unkonventionelle Gasförderung, auf dem die Risiken der Technik breit diskutiert wurden.

Die Energiekonzerne treiben ihre Forschungen derweil voran. Die Unternehmen BNK Petroleum und Realm Energy planen nach eigenen Angaben Testbohrungen in Deutschland, inklusive Einsatz von Chemikalien (siehe Infobox). Exxon plant nach eigenen Angaben zwei weitere Fracing-Bohrungen bis Ende 2011.