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15. September 2013, 07:11 Uhr

Börsenstrategie

Apple erliegt dem Fluch des Siegers

Von Christian Kirchner

Der Kursverfall von Apple zeigt: Von der größten Aktie einer Branche, eines Landes oder gar der Welt sollten Anleger die Finger lassen. Sie entwickelt sich meist zum Renditegrab. Bei drei Unternehmen müssen Börsianer jetzt besonders vorsichtig sein.

Jahrelang waren mir die Apple-Jünger immer suspekt. Ja, sie nervten regelrecht mit ihren Oden an den großen Steve, dem ständigen Reflektieren über ihre nächsten Hardware-Käufe und der Kritik an Microsoft.

Seit einer Weile hat sich das ins Gegenteil verkehrt. Die Apple-Fans, längst keine elitäre Minderheit mehr, halten sich zurück. Umso größer dürfte die Freude gewesen sein bei der wachsenden Gruppe der Apple-Hasser, dass in der abgelaufenen Woche der Börsenwert des Konzerns wegen einer aus Investorensicht enttäuschender Produktpräsentationen binnen Stunden um über 20 Milliarden Euro geschrumpft ist. Das entspricht der Marktkapitalisierung von Lufthansa , ThyssenKrupp und der Commerzbank zusammen.

Apple ist ein prototypisches Beispiel für ein Phänomen, das den meisten Investoren unbekannt sein dürfte, aber entscheidende Bedeutung für Renditen hat: den Fluch der Sieger. Steigt eine Aktie gemessen am Börsenwert - also dem Kurs multipliziert mit der Zahl der Aktien - zum größten Titel einer Branche, eines Landes oder gar der ganzen Welt auf, so ist die Wahrscheinlichkeit enorm hoch, dass sie sich in den folgenden Jahren weit schlechter entwickeln wird als der Gesamtmarkt.

Die Sieger von gestern, die Verlierer von morgen

Der Fluch erklärt auch, wieso so viele Privatanleger schlechter abschneiden als der Gesamtmarkt: Sie hängen zu stark an den Siegern von gestern, die meist die Verlierer von morgen sind. Diese Anleger haben noch im Kopf, dass es so etwas wie Skaleneffekte gibt und die schiere Größe eines Unternehmens eigentlich vorteilhaft sein müsste für weiter steigende Umsätze und Gewinne - doch tatsächlich ist schiere Größe, zumindest für Aktionäre, ab einem gewissen Punkt nachteilig.

Der US-Kapitalmarktforscher und Fondsmanager Robert Arnott hat das Phänomen in Zahlen gegossen und die Kursentwicklung von Aktien der neun wichtigsten Börsen der Welt in den drei Jahrzehnten bis 2010 untersucht: Steigt eine Aktie gemessen am Börsenwert zum größten Titel ihrer jeweiligen Branche auf, so schneidet sie in den folgenden zehn Jahren um 4,3 Prozentpunkte pro Jahr schlechter ab als der Durchschnitt dieses Sektors.

Um das gleiche Maß hinkt eine Aktie im Schnitt dem Gesamtmarkt eines Landes hinterher, nachdem sie dort zum größten Wert aufgestiegen ist. Und tatsächlich: An die Spitzenposition rückte Apple im August 2011 - seitdem legten die US-Aktienmärkte gemessen am S&P 500 und Nasdaq um je rund 50 Prozent zu, die Apple-Aktie aber lediglich gut halb so viel.

Dabei lässt sich das Phänomen in allen Ländern in unterschiedlichem Ausmaß beobachten - in Deutschland sogar in besonders hohem: Hierzulande schnitten die jeweils zum größten Titel des Landes aufgestiegenen Aktien in den folgenden zehn Jahren um 7,8 Prozentpunkte pro Jahr schlechter ab als der Gesamtmarkt. Das heißt übersetzt, dass sich die Börsenriesen im Schnitt selbst dann keinen Millimeter bewegen, wenn sich der Gesamtmarkt binnen zehn Jahren verdoppelt.

Umgekehrt gilt: Bei einem über zehn Jahre stagnierenden Gesamtmarkt haben sich die einstigen Börsenstars mit dem höchsten Börsenwert ihres Landes im Schnitt mehr als halbiert. Was so manchem Aktionär von Telekom, Allianz , Siemens oder E.on bekannt vorkommen dürfte. All diese Unternehmen waren mal Dax-Spitzenreiter in Sachen Marktkapitalisierung.

Privatanleger und Profis investieren oft prozyklisch

Für das schwache Abschneiden der Börsenriesen gibt es eine Reihe von Gründen - unter anderem die Tatsache, dass Privatanleger wie Profis oft prozyklisch investieren: in Unternehmen mit bereits hohem Börsenwert und über die sie viel lesen und hören. Hinzu kommen aggressive Wettbewerber, aufsichtsrechtliche Scherereien - Wettbewerbsbehörden sehen sich Marktführer sehr genau an - sowie Imageprobleme. Die drohen stets dann, wenn eine Firma nicht mehr Jäger, sondern Gejagter ist, was sich ebenfalls schön an Apples jüngerer Geschichte ablesen lässt.

Welch katastrophale Auswirkungen die Konzentration auf Größe für die Gesamtrendite eine Aktienanlage hat, illustriert ein einfaches Zahlenspiel von US-Kapitalmarktforscher Arnott: Wer im Jahr 1981 1000 Dollar in den globalen Aktienmarkt investiert hat, konnte sein Geld bis 2010 versechzehnfachen. Wer hingegen auf die jeweils aktuell größten Werte eines jeden Landes gesetzt hat, hat über die drei Dekaden hinweg sein Geld annähernd halbiert - inklusive Dividenden, wohlgemerkt - und real, also unter Berücksichtigung der Inflation, rund 90 Prozent verloren.

Vom "Fluch der Sieger" können Aktionäre viel lernen:

Hier die drei Titel, bei denen Vorsicht daher nicht schaden könnte: in den USA und weltweit der Ölkonzern Exxon Mobil , in Europa Nestlé und in Deutschland Bayer .

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