Trotz Zinstiefs Weniger Deutsche kaufen Aktien

Die Deutschen werden ihrem Ruf als Börsenmuffel gerecht: Die Zahl der Aktionäre ist wieder unter die Neun-Millionen-Marke gesunken - obwohl Sparbuch oder Tagesgeld kaum noch Zinsen abwerfen.

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Die Zahl der Aktionäre in Deutschland ist trotz anhaltender Niedrigzinsen wieder leicht gesunken. Knapp 8,98 Millionen Menschen besaßen im vergangenen Jahr Aktien oder Anteile an Aktienfonds, wie das Deutsche Aktieninstitut (DAI) mitteilte. Das waren 30.000 weniger als ein Jahr zuvor, als dank eines kräftigen Zuwachses mit fast 9,01 Millionen Aktionären der höchste Stand seit 2012 erreicht worden war.

Die meisten Deutschen machen nach wie vor einen weiten Bogen um die Börse - obwohl beliebte Sparprodukte wie Sparbuch oder Tagesgeld kaum noch Zinsen abwerfen. Nur jeder siebte Bundesbürger steckt nach den aktuellen Zahlen des Aktieninstituts direkt oder indirekt Geld in Aktien. Der Anteil der Aktionäre an der Bevölkerung über 14 Jahre blieb mit 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr stabil.

Viel zu wenige Deutsche nutzten die Chancen der Aktienanlage für Vermögensaufbau und Altersvorsorge, analysiert das DAI. "Große Teile der Bevölkerung scheinen die Auswirkungen der niedrigen Zinsen auf ihre Sparanlagen noch nicht erkannt zu haben", sagt DAI-Chefin Christine Bortenlänger. "Hinzu kommt, dass die Aktie nach wie vor für viele Menschen eine große mentale Hürde darstellt."

Dennoch gebe es auch ermutigende Anzeichen: Nach Bundesbank-Zahlen kauften die privaten Haushalte in Deutschland bis zum Ende des dritten Quartals 2016 per Saldo börsennotierte Aktien im Wert von 14,5 Milliarden Euro. Tendenziell hätten zwar vor allem diejenigen investiert, die bereits zuvor Aktien besaßen. "Dennoch ist die Entwicklung im Jahr 2016 ein gutes Zeichen für die Aktienkultur", schreibt das Institut.

Als positiv wertet das Aktieninstitut zudem, dass im zweiten Jahr in Folge die Zahl der Aktionäre in der Altersklasse der 14- bis 39-Jährigen leicht zunahm: um 87.000 auf gut 1,95 Millionen. Die jüngere Generation muss angesichts sinkender gesetzlicher Renten stärker privat fürs Alter vorsorgen.

Von deutlich zweistelligen Aktionärsquoten wie in anderen Industrienationen ist Deutschland allerdings nach wie vor weit entfernt. Auch der Höchststand aus Zeiten des Börsenbooms um die Jahrtausendwende ist kaum greifbar: Im Jahr 2001 war die Zahl der Aktienanleger in Deutschland auf fast 13 Millionen hochgeschnellt. Die damalige Euphorie kippte jedoch bald: Der Absturz der "Volksaktie" Telekom und das Platzen der New-Economy-Blase am Neuen Markt um die Jahrtausendwende verschreckten viele Kleinanleger nachhaltig.

Rund 200 Milliarden Euro im Prinzip verschenkt

Die Allianz kam in ihrer jüngsten weltweiten Vermögenstudie "Global Wealth Report" zum Ergebnis, die Deutschen hätten in den vergangenen vier Jahren rund 200 Milliarden Euro im Prinzip verschenkt, weil sie sich nicht an die Börse wagten. "Trotz Niedrigst- und Negativzinsen präferiert die Mehrzahl kurzfristige und sehr liquide Anlagen wie Bankeinlagen - deren Rendite bei null liegt", schreibt Allianz-Chef Oliver Bäte im Vorwort.

Dabei sind die Deutschen Spar-Weltmeister. Tatsächlich legen die Menschen hierzulande relativ viel auf die hohe Kante: im Schnitt fast 10 Euro je 100 Euro verfügbares Einkommen. Doch der Ertrag ist oft mager. Anleger in anderen Ländern machen mehr aus ihrem Geld - trotz geringeren Einsatzes. Sparen entpuppe sich bei genauerer Analyse in Deutschland vor allem als Geldparken und nicht als Investieren, stellt der Allianz-Report fest.

1940 Euro legten Privathaushalte in Deutschland nach Berechnungen des Versicherers Allianz in den Jahren 2012 bis 2015 auf die hohe Kante - pro Jahr und pro Kopf, ein Spitzenwert im europäischen Vergleich. Doch während Sparer in Finnland (nur 160 Euro Sparvolumen) ihr Erspartes nach Abzug der Inflation in dem Zeitraum jedes Jahr um 6,9 Prozent mehren konnten, brachten es die Deutschen gerade einmal auf 2,3 Prozent Rendite. Nur die Österreicher schnitten demnach im Vergleich von neun Euroländern mit 1,0 Prozent noch schlechter ab. Die Finnen halten etwa ein Drittel ihrer Ersparnisse in Form von Aktien - gut vier Mal so viel wie der Durchschnitts-Deutsche.

In einer aktuellen Umfrage der GfK -Marktforscher bewerten nur 12 Prozent der Deutschen das Sparbuch als attraktive Anlageform. Dennoch ist es noch immer die mit Abstand beliebteste Anlageform der Bundesbürger: Im Herbst 2016 hatten 40 Prozent der 2000 Befragten Geld auf einem Sparbuch liegen. Aktien wiederum halten 20 Prozent der Befragten für attraktiv, investiert sind dort aber nur 12 Prozent.

Immerhin: In der Summe gesehen werden die Menschen in Deutschland immer vermögender. Nach jüngsten Zahlen der Bundesbank kletterte das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland im dritten Quartal 2016 trotz des Zinstiefs auf das Rekordhoch von rund 5478 Milliarden Euro. Hauptgrund für den Sprung: Wertzuwächse bei Aktien und Investmentfonds - getrieben vom billigen Geld der Notenbanken. Doch an der Masse der Bevölkerung geht das vorüber.

kig/dpa

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ulrich_loose 14.02.2017
1. Dafür hat die Politik,
angefangen beim "schlechtesten Finanzminister aller Zeiten" - Steinbrück - auch alles getan, dass es bei so wenigen bleibt... Ist ja alles Teufelszeug und wenn es doch mal ganz gut läuft, hält der Fiskus sogar für die Inflation die Hand auf.
slideaway 14.02.2017
2.
der umstand ist doch im grunde ganz leicht zu erklären: es lohnt sich für die meisten einfach nicht, sich dem risiko auszusetzen, was mit einem investment in aktien nun mal einher geht. warum sollte jemand, der 10k euro zum investieren hat, diese für ein paar euro mehr riskieren, wenn er sie sicher haben kann, dafür aber ein paar euro weniger hinten rauskommen? das mag jemand, der mit millionensummen hantiert und bei dem es am ende um tausende oder hunderttausende euro mehr oder weniger geht, nicht verstehen. insbesonderen, wenn neben diesen millionen noch viele andere warten. der durchschnittsbürger hat sein erspartes und danach nichts. wenn das weg ist, ist es weg. also lieber nach einem jahr 10.100 euro als für 200 euro mehr ein potentielles risiko eingehen.
fundador 14.02.2017
3. Der nächste crash kommt bestimmt...
und erst danach wäre es vielleicht sinnvoll, Aktien zu kaufen. Die Zurückhaltung hat sicher auch was mit dem gegenwärtigen DAX-Hoch zu tun: Aktien sind gerade ziemlich teuer und wer jetzt kauft, muss wahrscheinlich lange warten, bis er eine (positive) Rendite sieht...
hefe21 14.02.2017
4. Zuwachsernkennungskontrollmeldestellenverantwortli che=Bundesbank
Eine geniale Idee, Preisänderungen bei Fiktionen als "Wertzuwächse" zu deuten. Wenn eine Finanzware Anfang des Jahres um EUR 200,00 gehandelt wurde und Ende des Jahres um 300,00 - um wieviel hat das "Geldvermögen" der Deutschen dann zugenommen? Etwas anderes ist es natürlich, wenn die Fa. Bayer dutzende Milliarden nach USA zu den vormaligen Besitzern der Finanzware Monsanto schickt. Dann hat das Geldvermögen, sofern dort deklariert, in USA um diesen Betrag zugenommen. Und wir sitzen hier auf Krediten in ähnlicher Höhe, mit dem der "Wertzuwachs" finanziert wurde. Warum werden eigentlich, um in der Logik der Zuwachserkenner zu bleiben, nicht die steigenden Preise vieler Oldtimer dem properierenden "Geldvermögen" zugerechnet? Da ging doch noch was!
Moeh 14.02.2017
5.
@slideaway: Na ja, es geht ja nicht um 200 Euro mehr. 10000€ geparkt bei 1% (falls man überhaupt noch soviel sicher bekommt) macht nach 10 Jahren 11050€. In ETFs oder Aktien halbwegs sinnvoll investiert mit realistischen 6% hat man nach demselben Zeitraum 17910. Und 6% ist so die Entwicklung stabiler ETFs inklusive 2009. Klar kann man verlieren wenn man kurz vor der nächsten Krise kauft, aber insgesamt geht es langfristig immer bergauf. Falls nicht haben wir eh andere Probleme ;-) Aber für langfristige Anlagen gibt es kaum sinnvolle Alternativen...
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