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Kahlschlag bei GM Das Ende von Trumps Auto-Illusion

Der größte US-Autokonzern GM baut fast 15.000 Stellen ab. Schuld seien die erschwerte Marktlage und gewandelte Vorlieben. Was GM verschweigt: Eine Mitschuld trägt Donald Trumps Handelskrieg.

Selbst für Dave Green war es eine böse Überraschung. "Heute morgen um sechs klingelte mein Telefon", berichtete der Bezirkschef der US-Autogewerkschaft UAW in Lordstown, einem Industrieort im Osten Ohios. "Mir wurde gesagt, ich sollte um neun zu einer Besprechung kommen."

Es war weniger eine Besprechung als die Verkündung einer Hiobsbotschaft: Das wirtschaftliche Herz von Lordstown, die seit 1966 bestehende Fabrik des größten US-Autokonzerns General Motors, in der Green und seine rund 1200 Kollegen arbeiten, soll zum 1. März nächsten Jahres dichtgemacht werden.

GM-Fabrik in Lordstown, Ohio

GM-Fabrik in Lordstown, Ohio

Foto: ALAN FREED/ REUTERS



"Es war, als hätte mir jemand in die Magengrube getreten", sagte Green wenig später in der UAW-Niederlassung schräg gegenüber des GM-Werkstors. In den Wandregalen hinter ihm standen Dutzende Pokale, die die Autobauer für ihre Arbeit gewonnen haben, flankiert von einem stolzen US-Sternenbanner.

Doch Green gab sich kämpferisch: "Ich gebe die Hoffnung nicht auf."

Diese Hoffnung ist jedoch gering, da GM die Produktion des Chevy Volt - das einzige Modell, das der Konzern in Lordstown noch fertigt - komplett einstellt. Auch anderswo fällt der Hammer: Bis Ende 2019 will GM drei US-Fabriken und zwei weitere in Kanada schließen - darunter die historische Hamtramck-Anlage unweit der Detroiter Firmenzentrale, wo Chevys, Cadillacs und Buicks vom Band rollen.

Den Orten droht die Verödung

Betroffen von dem Kahlschlag sind fast 15.000 GM-Angestellte in Nordamerika - gut 15 Prozent der Belegschaft, inklusive eines Viertels des Managements. Mit den Werksschließungen und der Abwicklung etlicher alter Modelle hofft GM, bis 2020 fast sechs Milliarden Dollar im Jahr einzusparen.

"Wir planen gerade Weihnachtsfeiern für die Kinder", klagte Green und fügte hinzu, dass die Maßnahmen nicht nur die Fabrikarbeiter beträfen. Sondern allein in Lordstown indirekt weitere 10.000 Angestellte von Zulieferern und anderen Betrieben - ganz zu schweigen von den umliegenden Restaurants, Arztpraxen und Krankenhäusern.

Die Hintergründe sind komplex. Die offizielle Erklärung lautet: In den USA und in China, dem größten GM-Absatzmarkt, sinkt die Nachfrage, da sich Vorlieben und Technologien ändern. Die gefährlichsten Rivalen sitzen im Silicon Valley - Tech-Firmen wie Google, Apple und Tesla mit ihren selbstfahrenden Autos.

Doch das ist wohl nur ein Teil der Wahrheit.

Der andere klingt so: Wie der Rest der global vernetzten Autobranche leidet GM unter den Folgen des Handelskriegs, den US-Präsident Donald Trump mit dem Rest der Welt angezettelt hat. Im Oktober hatte Ford, die Nummer zwei auf dem US-Markt, ähnliche Kürzungen angekündigt: Trumps Stahl- und Aluminiumzölle, so hieß es, hätten Ford bisher eine Milliarde Dollar gekostet.

Auch GM meldete im vergangenen Quartal 300 Millionen Dollar Mehrkosten durch höhere Stahl- und Aluminiumpreise. Die Probleme dürften sich noch verschärfen, wenn Trump mit den angedrohten Autozöllen ernst macht, mit denen er seit Monaten liebäugelt, trotz aller Proteste seiner eigenen Berater.

Mary Barra (Archivbild)

Mary Barra (Archivbild)

Foto: Rebecca Cook/ REUTERS

Doch wie immer weist Trump jede Verantwortung weit von sich und schiebt sie stattdessen auf GM zurück. "Ich bin nicht glücklich", sagte er am Montag nach einem "sehr harten" Telefonat mit GM-Chefin Mary Barra, aber mit seiner Handelspolitik habe das nichts zu tun. In einem Interview mit dem "Wall Street Journal" legte er nach: "Ihr lasst euch mit der falschen Person ein", drohte er dem Konzern. GM müsse aufhören, Autos in China zu bauen, und "schnellstens" wieder eine Fabrik in Ohio aufmachen.

Hinter Trumps markigen Worten dürfte allerdings eher die Sorge um seine eigene Zukunft stecken. Bei der Präsidentschaftswahl 2016 hatte er in den Regionen, in denen die bedrohten GM-Werke liegen, klar gewonnen. Danach kam er nach Youngstown, den Nachbarort von Lordstown, um den Arbeitern zu schwören, sämtliche in den Jahrzehnten zuvor verlorengegangen Arbeitsplätze wiederzuholen: "Sie kommen alle zurück", rief er ihnen damals zu. "Zieht nicht um, verkauft euer Haus nicht!"

Nun tritt genau das Gegenteil ein - kein gutes Omen für Trumps erhoffte Wiederwahl 2020: Der Held der Arbeiter dürfte sie enttäuschen. Es ist das Ende einer Illusion, die für andere immer schon durchschaubar war.

Die Einzigen, die sich über dieses Debakel freuen, sind die GM-Aktionäre: Der Börsenkurs stieg nach Bekanntwerden der Nachricht um fast fünf Prozent.