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22. November 2010, 18:28 Uhr

Genese der Irland-Krise

Endspiel in Europas Casino

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Irland flüchtet unter den EU-Rettungsschirm - und deutsche Steuerzahler müssen nun irische Banken retten, die sich mit windigen Hypotheken-Deals verzockt haben. Wie kam es zur Kelten-Krise, und wie teuer wird die Rettungsaktion wirklich? Antworten auf die wichtigsten Fragen im Überblick.

Hamburg - Der keltische Tiger ist zum Pflegefall geworden. Die Regierung in Dublin hat Unterstützung aus dem Euro-Rettungsschirm beantragt, prompt droht eine schwere Regierungskrise. Brüsseler Diplomaten rechnen damit, dass Euro-Länder, EU-Kommission, Internationaler Währungsfonds und die britische Regierung ein Rettungspaket in Höhe von 80 bis 90 Milliarden Euro schnüren.

Das frische Kapital wird Irland hauptsächlich in den nationalen Bankensektor stecken. Die Institute plagen gewaltige Verwerfungen: Die Hypotheken, die die Banken halten, verlieren stetig an Wert, andere Institute verwehren irischen Banken Kredite oder verlangen Wucherzinsen dafür, und immer mehr Anleger ziehen ihr Geld aus Irland ab.

Da der Staat aber für die Verluste seiner Banken einsteht, hat nun auch Deutschland ein Problem: Als Mitglied der Euro-Zone muss die Bundesrepublik den irischen Staat vor der Pleite bewahren. In letzter Konsequenz bedeutet das: Die deutschen Steuerzahler retten irische Zockerbanken, die sich mit windigen Kreditgeschäften verspekuliert haben - und es besteht die Gefahr, dass sie dabei Geld verlieren.

Ursprünglich war der Euro-Rettungsschirm dazu gedacht, die Anleger zu beruhigen. Es wurden Milliardenkredite für notleidende Länder in Aussicht gestellt, gleichzeitig wurde immer wieder betont, dass diese wahrscheinlich nie abgerufen werden müssen. Jetzt ist das eingetreten, das nicht eintreten sollte: Die EU-Kredite werden an ein Krisenland vergeben, und die Gefahr, dass Irland die Milliardenhilfen tatsächlich abrufen muss, ist groß. Denn die Probleme im Bankensektor dürften sich in den kommenden Monaten noch deutlich verschärfen, der Finanzbedarf der Regierung entsprechend steigen.

Nur: Wie kam es zur irischen Bankenkrise? Warum ist eine Rettung unvermeidlich? Wie teuer wird das für Deutschland? Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Irland-Krise im Überblick.

Wie Irlands Banken krank wurden

Die irische Bankenkrise ist Folge eines halsbrecherischen Immobilienbooms. Dessen Ursprung liegt bald zehn Jahre zurück. Seit der Einführung des Euro gilt in der Europäischen Union ein einheitlicher Leitzins. Dieser orientierte sich zu Anfang des Jahrzehnts an der vergleichsweise niedrigen Inflationsrate in Kontinentaleuropa. Aus irischer Sicht war dieser Leitzins viel zu niedrig - denn auf der Insel war die Teuerung enorm hoch. Ein niedriger Nominalzins und eine hohe Inflation führen jedoch zu einem extrem niedrigen Realzins.

Die irische Regierung hätte darauf reagieren müssen - mit Steuererhöhungen oder indem sie die öffentlichen Ausgaben zurückfährt. Doch sie ignorierte alle Warnungen und heizte Konsum und Konjunktur durch immer neue Steuererleichterungen zusätzlich an. Es war viel zu viel Geld da - das Anleger und Konsumenten in immer neue Immobilienprojekte steckten.

Außerdem wurden die irischen Banken in dieser Zeit eher halbherzig kontrolliert - und nutzten den Boom für immer waghalsigere Geschäfte. Sie dehnten die Volumen ihrer Hypotheken-Deals immer mehr aus - und verbuchten satte Gewinne. Zwischen 1996 und 2006 vervierfachten sich die irischen Immobilienpreise.

Dann brach der globale Immobilienmarkt zusammen, die Preise rasselten in den Keller, und die Hypothekenpapiere, mit denen sich Irlands Banken vollgesogen hatten, verloren rapide an Wert. Zwischen 2006 und 2010 fielen die Häuserpreise um 36 Prozent. Fast jedes fünfte Haus steht inzwischen leer.

Immer wieder müssen Geldhäuser wie die Anglo Irish Bank und die Allied Irish Bank in ihren Büchern milliardenschwere Wertberichtigungen vornehmen - ein Ende der Krise ist nicht in Sicht. Nach Angaben der irischen Notenbank beliefen sich allein die Immobilienschulden der Privatanleger Ende September auf 117,4 Milliarden Euro. Jeder 20. Kreditnehmer sei mit seinen Ratenzahlungen mehr als drei Monate im Verzug.

Schon im Herbst 2008 drohte großen irischen Banken der Zusammenbruch. Die Regierung in Dublin reagierte - mit einem beispiellosen staatlichen Rettungspaket.

Wie die Banken-Malaise den irischen Staat infizierte

Die Rettung des irischen Bankensektors ist einer der gewaltigsten staatlichen Eingriffe der Finanzgeschichte. Die Regierung in Dublin garantiert für sämtliche Verpflichtungen ihrer nationalen Banken.

Sie gründete eine staatliche Auffanggesellschaft, die National Asset Management Agency, kurz: Nama. Diese ist eine Art staatliche Bad Bank, in die Institute ihre Schrottanleihen auslagern können. Die Privatbanken sollten so ihre Risiken aus ihrer Bilanz auslagern und ihre eigentliche Aufgabe wieder aufnehmen: Kredite an den Mittelstand verteilen.

Doch der Versuch, die Privatbanken zu retten, schlug fehl. Zwar hat die Nama mittlerweile Kreditpositionen in Höhe von gut 73 Milliarden Euro von den Banken übernommen. Doch die staatliche Bad Bank zahlt für die Schrottpapiere weniger als die Hälfte ihres ursprünglichen Werts. Die irischen Banken können ihre Risiken also loswerden - müssen dafür aber immer noch gewaltige Abschreibungen hinnehmen.

Am Ende wurden die Verluste einfach zu groß. Irlands Banken drohten unter die vorgeschriebene Mindestkapitalquote zu rutschen - sie hätten dann Konkurs anmelden müssen. Und andere Banken liehen ihnen angesichts der desolaten Lage kein frisches Geld mehr.

Also musste der Staat erneut einspringen: Er lieh den Banken immer neues Kapital. Fast 45 Milliarden Euro hat der Staat bereits in die Institute gepumpt. Die Regierung infizierte sich mit der Banken-Malaise. Das Haushaltsdefizit schnellte auf 32 Prozent des Bruttoinlandsprodukts empor, die Staatsverschuldung auf mehr als 100 Prozent.

Zwar hat die irische Regierung stets betont, sie habe kein Schuldenproblem, da sie erst Mitte 2011 wieder frische Kredite aufnehmen muss. Tatsächlich aber stimmt das nicht. Denn die Regierung steht für alle Verluste ihrer Institute ein, ihre Bonität ist an die Bonität der Banken gekoppelt. Und der Finanzbedarf der Banken wächst zurzeit so rapide, dass der irische Staat wohl deutlich früher frisches Geld benötigt, um sie zu retten - nicht erst Mitte 2011.

Warum die Rettung von Irlands Banken so teuer wird

Dass Irland gerade jetzt Finanzhilfen beantragt, ist kein Zufall. In den vergangenen Wochen fand ein regelrechter Exodus der Milliarden von der Insel statt. Viele internationale Anleger wollten den irischen Banken kein neues Geld mehr leihen. Nach SPIEGEL-Berechnungen mussten die irischen Institute ihren internationalen Gläubigern allein im September rund 55 Milliarden Euro zurückzahlen.

Im Oktober waren Irlands Institute zum Teil komplett vom regulären Kapitalmarkt abgeschnitten. Zu verkraftbaren Zinsen gab es Geld nur noch von den Zentralbanken: Bis Ende des Monats gab die Central Bank of Ireland ihnen Liquiditätshilfen in Höhe von 20 Milliarden Euro. Die Europäische Zentralbank legte noch einmal 130 Milliarden Euro drauf - zu einem Zinssatz von einem Prozent. Laut einer Analyse von Barclays Capital hängen vor allem die Bank of Ireland und die Depfa-Bank, eine Tochter der deutschen Hypo Real Estate, am Tropf der EZB.

Und das Ende der Fahnenstange ist damit noch nicht erreicht. Sobald das Rettungspaket für den irischen Staat steht, kann zwar die EZB ihre Kurzfristkredite zurückfahren. Die Rettung des irischen Bankensektors indes wird noch viele Milliarden verschlingen.

Noch immer schleppen die Institute Immobilienkredite im Wert von 200 Milliarden Euro mit sich herum, die nicht ausreichend wertberichtigt wurden. Damit sie diese an die Nama auslagern können, wird der Staat wieder und wieder Milliarden zuschießen müssen. Dadurch steigt der Finanzbedarf der Regierung in Dublin. Sie wird schon bald zusätzliche Kredite aufnehmen - wahrscheinlich mit Hilfe des europäischen Krisenfonds.

Das aber bedeutet: Deutschlands Steuerzahler dürften bald für Irlands Banken bürgen - ganz gleich, ob diese als systemrelevant eingestuft werden oder nicht. Denn Irlands Regierung macht bei seinem Schutzschirm keine Unterschiede: Er gilt für alle Banken.

Warum deutschen Steuerzahlern Verluste drohen

Die Hilfe, welche die deutsche Regierung Irland über den EU-Schutzschirm gewährt, ist zunächst nur eine Bürgschaft. Echtes Geld fließt zunächst nur über den EU-Krisenfonds EFSF. Der nimmt am Kapitalmarkt Kredite auf und reicht diese mit einem leichten Zinsaufschlag an Irland weiter.

Nur wenn Irland seine Schulden an den EU-Krisenfonds später nicht zurückzahlen kann, würde die deutsche Bürgschaft fällig. Die Bundesrepublik müsste dann einen Teil der EU-Abschreibungen übernehmen. Der deutsche Anteil beträgt ein Viertel der möglichen EFSF-Ausfälle.

Auch wenn es für den deutschen Steuerzahler zunächst unbequem ist, für die Rettung irischer Zockerbanken zu bürgen - aus Sicht von Experten bleibt der Bundesrepublik gar keine andere Wahl.

"Die Rettung irischer Banken bedeutet auch die Rettung deutscher Institute", sagte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger vergangenen Donnerstag im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Die Forderungen ausländischer Banken gegenüber irischen Schuldnern belaufen sich auf rund 320 Prozent des irischen Bruttoinlandsprodukts. Man muss sich die Frage stellen, ob der irische Staat jemals in der Lage wäre, für so hohe Verbindlichkeiten einzustehen."

Das Engagement deutscher Banken in Irland ist in der Tat hoch. Nach Angaben der Bundesbank halten Deutschlands Banken insgesamt Forderungen in Höhe von gut 114,7 Milliarden in Irland - allein an irische Banken haben sie Kredite in Höhe von 43 Milliarden Euro vergeben.

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