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Geplanter Börsengang Facebook sucht den 100-Milliarden-Dollar-Knopf

Die Hype-Maschine läuft an. Noch diese Woche könnte Facebook den Börsengang beantragen. Der Firmenwert wird auf bis zu 100 Milliarden Dollar geschätzt, der Umsatz auf gerade vier Milliarden. Investoren wetten also auf rasantes Wachstum. Tatsächlich stehen die Chancen dafür gut.

Hamburg - Mark Zuckerberg ist kein Freund von Bescheidenheit. Einmal hat der Facebook-Chef versprochen, sein soziales Netzwerk Facebook werde die E-Mail überflüssig machen. Ein anderes Mal schickte der 27-Jährige einem Journalisten, der ihn porträtierte, per Instant Messanger zwei Verse aus der "Aeneis", dem Gründungsmythos des alten Roms:

"Fortuna favorisiert die Kühnen / Ein Imperium ohne Grenzen"

Kühn ist derzeit vor allem der Wert, auf den Analysten Zuckerbergs Cyber-Imperium schätzen: bis zu 100 Milliarden Dollar sind es, rund das 100-fache vom aktuellen Jahresgewinn. Aktienkäufer sind normalerweise bereit, das Sechs- bis Achtfache zu zahlen.

Der Börsenwert von Facebook soll demnach so groß sein wie die von Siemens  , RWE  , ThyssenKrupp   und der Lufthansa   zusammen. Es ist ein absurder Vergleich: Die vier Dax-Konzerne besitzen Fabriken, Kraftwerke, Flugzeuge, machen zusammen fast 200 Milliarden Euro Umsatz und fast zwölf Milliarden Euro Gewinn. Facebook ist blau und hat einen Gefällt-mir-Knopf.

Schon am Mittwoch könnte das soziale Netzwerk seinen Börsengang beantragen, berichten mehrere US-Zeitungen. Das bedeutet: In wenigen Monaten werden wohl die ersten Facebook-Aktien gehandelt. Für Investoren stellt sich mehr denn je die Frage, ob das Jungunternehmen nicht hoffnungslos überbewertet ist. Ob sie dem Größenwahn eines 27-Jährigen aufsitzen.

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Größenvergleich: Facebook = Siemens + RWE + ThyssenKrupp + Lufthansa

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Die astronomische Facebook-Bewertung ist vor allem eins: eine Wette auf die Zukunft. Investoren spekulieren, dass das Unternehmen bald eine Multimilliarden-Dollar-Idee findet - oder mit den zuletzt angestoßenen Neuerungen bereits gefunden hat. Preistreiber ist die Hoffnung auf ein Geschäftsmodell, das rasantes Wachstum nicht nur bei den Nutzerzahlen ermöglicht, sondern auch bei Umsatz und Gewinn. Tatsächlich ist das nicht völlig abwegig. Google hat es vorgemacht.

Auch die Suchmaschine schlug aus ihrer immensen Reichweite lange kaum Kapital, bis 2003 dümpelte der Umsatz bei rund einer Milliarde Dollar herum. Dann fiel den Gründern Larry Page und Sergey Brin ein, wie man einen Großteil des weltweiten Online-Werbemarkts an sich reißt. Google schuf AdWords, ein Programm, das zu Suchergebnissen automatisch die passende Textwerbung anzeigt. Wenig später folgte AdSense, ein Programm das die Einbindung dieser Werbung in alle Web-Seiten ermöglicht.

Google musste nur einen einzigen Schalter umlegen, ein neues Programm starten - schon gingen die Umsätze durch die Decke. 2011 lagen sie bei rund 29 Milliarden Dollar.

Facebook ist heute in einer ähnlichen Ausgangsposition wie einst Google. Mehr als 800 Millionen Nutzer haben sich in dem sozialen Netzwerk angemeldet, viele von ihnen geben dort immer intimere Daten preis. Facebook hat schon die Reichweite, jetzt muss es nur noch den Milliarden-Dollar-Knopf finden und drauf drücken. So kalkulieren Investoren. Entsprechend sehen Wachstumsprognosen für Facebook aus, die der Statistikdienstleister Statista zusammengetragen hat .

Grafik: Wachstumsprognose für Facebook

Grafik: Wachstumsprognose für Facebook

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Die Chancen, dass es klappt, stehen nicht schlecht. Wenn der Börsengang so läuft wie geplant, wird Facebook sehr bald Milliarden von Dollar einnehmen, mit denen sich kühne Investitionen stemmen lassen. Zudem drängt Facebook schon jetzt in vielversprechende Zukunftsmärkte.

Im mobilen Internet gewinnt das Netzwerk rasch Reichweite. Jeder Dritte greife bereits mobil auf Facebook zu, schreibt der Finanzdienstleister PrivCo in einer Analyse . "Nutzer verbringen auf ihrem Smartphone schon die mit Abstand meiste Zeit in sozialen Netzwerken", sagt Jessica Ekholm vom IT-Marktforscher Gartner. Heißt: Sie verbringen viel Zeit in Facebooks geschlossenem System. Bis 2015 sollen soziale Netzwerke auf mobilen Geräten weltweit mehr als zehn Milliarden Dollar umsetzen, prognostiziert Gartner.

Facebook begleitet seine Nutzer also immer enger durch den Tag, es weiß, was sie tun und wo sie gerade sind. Werbung und Service-Angebote lassen sich künftig immer besser auf Orte, Tageszeiten und die aktuellen Aktivitäten der Nutzer abstimmen. Die Erlöse aus solchen Anwendungen werden laut Gartner bis 2015 auf 13,5 Milliarden Dollar steigen.

Im stationären Internet will Facebook zu einem sozialen Medienportal werden. Nutzer sollen auf der Plattform Filme gucken, Zeitschriften lesen, Musik hören - und sie sollen diese Inhalte kommentieren und im Freundeskreis weiterempfehlen. Im September 2011 hat Zuckerberg entsprechende Kooperationen mit Online-Radios wie Spotify, Netzvideotheken wie Netflix und weiteren Anbietern angekündigt.

Scott Ellison und Karsten Weide vom IT-Marktforscher IDC bescheinigen dieser Mischung aus Medienkonsum und sozialer Interaktion große Potentiale. Für Anbieter von Filmen, Büchern, Zeitschriften oder Musik sei Facebook ein äußerst attraktiver Vertriebskanal, schreiben sie. Produkte werden per Mund-zu-Mund-Propaganda weiterempfohlen. Aus nerviger Werbung werden interessante Empfehlungen, werden gemeinsame Kulturereignisse im Freundeskreis. Obendrein erfahren Anbieter intime Dinge über ihre Kunden.

Grafik: Prognose der Werbe-Einnahmen auf Facebook

Grafik: Prognose der Werbe-Einnahmen auf Facebook

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Facebook könnte dafür von Medienanbietern eine Provision verlangen, ähnlich wie Apple in seinem App-Store. Obendrein dürften Nutzer künftig noch viel mehr Zeit auf Facebook verbringen, wenn das mit dem Medienportal klappt. Und sie würden noch mehr von sich preisgeben als jetzt schon. Facebook will sich also immer größere Teile des Internets einverleiben. Online-Werbung in dem Netzwerk soll immer wertvoller - und teurer - werden.

An möglichen Wachstumspfaden mangelt es also nicht. Noch aber weiß niemand, ob die Mobil- und Medienoffensive wirklich funktionieren wird - oder ob das Unternehmen noch einen ganz eigenen Schalter findet. Derzeit jedenfalls ist das Unternehmen ähnlich experimentierfreudig wie Google.

Für Kritik sorgt immer wieder Facebook Credits, das hauseigene Bezahlsystem, von dem manche sagen, sie sei der etwas vermessene Versuch, eine neue Währung zu schaffen. In den vergangenen Jahren hat sich Facebook zudem einige recht exotische Start-ups gekauft. Zum Beispiel Octazen, eine obskure malaysische Firma, deren Akquisition das IT-Blog "Techcrunch" mit den Worten kommentierte: "Was zur Hölle hat Facebook da gerade genau gekauft und warum?" 

Ob die 100-Milliarden-Dollar-Wette aufgeht, hängt allerdings nicht nur davon ab, ob Facebook neue Geschäftsmodelle findet - sondern auch wie schnell. Denn die alten Einnahmequellen sind inzwischen nicht mehr so sicher.

PrivCo warnt bereits vor der Facebook Fatigue: In Ländern wie den USA gehen die Nutzerzahlen bereits wieder zurück. Obendrein schwingt sich Google zum Konkurrenten auf. Dessen soziales Netzwerk Google+ hat in wenigen Monaten rund 90 Millionen Nutzer gewonnen und könnte Facebook bald Spieleentwickler und Werbekunden abspenstig machen, könnte sich in Geschäftsbereiche fressen, mit denen Facebook einen Großteil seiner Einnahmen macht.

Investoren, die bald teure Facebook-Aktien kaufen wollen, brauchen also gute Nerven. Möglich, dass sie in ein Internet-Imperium ohne Grenzen investieren. Möglich, dass es elendig zugrunde geht wie einst das alte Rom.

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