Altkanzler Schröder und Rosneft Russland zum Vorteil

Rosneft ist der größte Erdölproduzent der Welt, sein Chef Igor Setschin gilt als einer der mächtigsten Männer in der Moskauer Politik. Ausgerechnet bei diesem Konzern soll Ex-Kanzler Gerhard Schröder Aufsichtsrat werden.

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Zu den Eigenheiten der russischen Politik gehört, dass auf der Liste der "100 mächtigsten Politiker" des Landes regelmäßig ein Mann ganz vorne auftaucht, der gar kein politisches Amt innehat. Igor Setschin, 56, ist Chef des an der Londoner Börse notierten russischen Energiekonzerns Rosneft. Im Ranking der einflussreichsten Politiker der Moskauer Tageszeitung "Nesawissimaja Gaseta" rangiert Setschin gleich hinter Präsident Wladimir Putin und Premierminister Dmitrij Medwedew auf Rang drei - noch vor Schwergewichten wie Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Außenminister Sergej Lawrow.

Setschins Rosneft - Firmenmotto: "Russland zum Vorteil" - schickt sich gerade an, Ex-Kanzler Gerhard Schröder in den Aufsichtsrat zu berufen. Die Personalie ist noch nicht fix, löst aber bereits Unruhe in Berlin aus. Rosneft ist nicht irgendein Unternehmen und Setschin - siehe Ranking - kein einfacher Top-Manager.

Was man über Rosneft wissen sollte

Setschin gehört zum innersten Kreis um Präsident Putin: Beide kennen sich seit gemeinsamen Tagen in der Stadtverwaltung von Sankt Petersburg Anfang der Neunzigerjahre. Putin war damals stellvertretender Bürgermeister der Millionenstadt, Setschin sein Büroleiter. In Moskau stieg Setschin später auf zum stellvertretenden Chef der mächtigen Präsidialverwaltung des Kreml und zum Vizepremier in der Regierung, zuständig für den Energiesektor.

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Rosneft: Der Aufstieg von Putins Tankstelle

Rosneft ist zur Zeit der größte Erdölproduzent der Welt. Auf den Konzern entfallen laut eigenen Angaben rund sechs Prozent der global geförderten Ölmenge. Das war nicht immer so. Anfang der Neunzigerjahre zerschlug die russische Führung um den damaligen Präsidenten Boris Jelzin das ehemalige sowjetische Ölministerium. Staatsbesitz wurde verkauft, meistens an Oligarchen. Der bekannteste war Michail Chodorkowski mit seinem Jukos-Konzern. 1995 wurde Rosneft gegründet, zur Verwaltung für die in staatlicher Hand verbliebenen Ölfelder und Raffinerien. Viele waren das nicht: Als Putin im Jahr 2000 an die Macht kam, betrug Rosnefts Marktanteil in Russland gerade einmal 4 Prozent. Heute sind es mehr als 40 Prozent.

Ein modernes Ölministerium

Rosnefts Aufstieg ist eng mit Setschins Namen verbunden. Unter seine Ägide schluckte der Konzern zahlreiche private Konkurrenten. Nach der Zerschlagung von Chodorkowskis Jukos-Konzern wurden dessen Trümmer Rosneft zugeschlagen. 2013 übernahm Rosneft ein Joint Venture von BP und der russischen TNK, 2016 folgte der Ölkonzern Baschneft, den der Staat zuvor dem Oligarchen Wladimir Jewtuschenkow weggenommen hatte. Setschin hat damit weite Teile der Ölprivatisierungen zurückgedreht. Moskauer Tageszeitungen spekulieren seit Längerem darüber, Rosneft habe auch ein Auge auf die verbliebenen privaten Wettbewerber Lukoil und Tatneft geworfen.

Rechtlich ist Rosneft eine russische Aktiengesellschaft und sowohl an der Moskauer als auch an der Londoner Börse notiert. Die britische BP, Investoren und Katar und der in der Schweiz ansässige Rohstoffhändler Glencore halten Aktienpakte des Konzerns. Mit 50 Prozent der Anteile bleibt allerdings der russische Staat tonangebend. Faktisch agiert der Konzern fast wie eine modernisierte Version des alten Moskauer Ölministeriums: oft Hand in Hand mit Kreml und Außenministerium.

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Rosneft-Aufseher: Unter den Augen eines Deutschen

Auffallend oft investiert Rosneft in Regionen, die andere Investoren wegen akuter Krisen eher meiden. Der bedrängten Führung in Venezuela hat der Konzern gerade ein Darlehen in Höhe von sechs Milliarden Dollar gewährt - und hofft, so Zugriff auf die enormen Ölreserven des südamerikanischen Landes zu bekommen.

Im Bürgerkriegsland Libyen gehört die National Oil Corporation zu Rosnefts Partnern, die Russen haben sich Anfang des Jahres verpflichtet, Öl aus Libyen zu kaufen. In Ägypten pflegt Rosneft gute Beziehungen zum umstrittenen Präsidenten Abdel Fattah el-Sisi. Im Dezember 2016 kaufte Rosneft sich mit 2,8 Milliarden Dollar bei Ägyptens Zohr-Gasfeld ein.

Im Irak ist Setschins Konzern ebenfalls umtriebig. Rosneft hat den Kurden - den faktischen Machthabern im Norden des Landes - drei Milliarden Dollar Vorschuss auf zukünftige Öllieferungen gewährt. Der Kreml erhofft sich von der Unterstützung der Kurden auch ein Mitspracherecht über die Zukunft der Region. "Solche Abkommen kombinieren lukrative Geschäfte für Rosneft und lohnende Politik für den Kreml", sagt Russland-Analyst Chris Weafer von der Beratungsfirma Macro Advisory. Er erwarte "mehr solcher Geschäfte von Rosneft im Nahen Osten und Nordafrika".

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Rosneft ist zwar noch davon entfernt, ein echter global Player wie BP oder Exxon zu werden. Der Konzern profitiert aber bereits von dem internationalen Netzwerk, das er in den vergangenen Jahren auch in Westeuropa aufgebaut hat: Das Rohöl aus dem Kurdengebiet transportiert der Konzern etwa nach Deutschland. Hierzulande betreibt Rosneft Raffinerien und hat nach eigenen Angaben rund zwölf Prozent Marktanteil.

Damit dürfte auch Schröders Nominierung für den Aufsichtsrat zusammenhängen. Das Gremium ist zwar bereits seit Jahren mit Spitzenmanagern wie BP-Chef Robert Dudley besetzt. Viel zu sagen haben die aber nicht. Ihre Aufgabe ist eher Lobbyarbeit: Sie geben dem Konzern ein internationales Gesicht und sollen im Ausland Türen öffnen. Schröder hat damit Erfahrung: Er arbeitet seit dem Ende seiner Kanzlerschaft für den Pipelinebetreiber Nord Stream. Und finanziell lohnend ist das Rosneft-Mandat ebenfalls: Laut Jahresbericht vergütete der Konzern die Arbeit seiner Aufsichtsräte 2016 mit mehr als 500.000 Dollar - pro Person.

Wie mächtig ist Rosneft in Russland?

Über Jahre galt in Putins Umgebung eine ungeschriebene Regel. Keine Einzelperson, kein politisches Lager sollte zu mächtig werden. Hinter den Mauern des Kreml beharken sich unterschiedliche Fraktionen, und Putin folgte lange der Devise "Teile und herrsche". Für Igor Setschin aber, den Politiker außerhalb der offiziellen Politik, gilt das offenbar nicht.

2016 hatte die Regierung eigentlich beschlossen, den Staatskonzern Rosneft vom Verkauf des verstaatlichten Baschneft-Konzerns auszuschließen. Setschins Unternehmen bekam trotzdem den Zuschlag, obwohl mehrere wirtschaftsliberale Minister dagegen waren.

Einer von ihnen steht derzeit in Moskau vor Gericht: Alexej Uljukajew wird vorgeworfen, als Wirtschaftsminister zwei Millionen Dollar Schmiergeld von Rosneft erpresst zu haben. Moskauer Politologen schmunzeln, wenn sie den Vorwurf hören: Im Ranking der 100 einflussreichsten Politiker des Landes rangierte Minister Uljukajew vor seiner Verhaftung mehr als 50 Plätze hinter Rosneft-Chef Setschin.

Hinweis der Redaktion: In diesem Artikel stand, Robert Dudley sei ehemaliger Chef von BP. Tatsächlich ist er amtierender CEO des Konzerns.


Zusammengefasst: Ex-Kanzler Gerhard Schröder soll Aufsichtsrat beim russischen Ölkonzern Rosneft werden. Das Unternehmen ist mehrheitlich in staatlicher Hand, hat auf zweifelhafte Art und Weise private Konkurrenten geschluckt und agiert außenpolitisch als verlängerter Arm des Kreml. Die Strippen zieht Putins ehemaliger Büroleiter Igor Setschin, 56. Er bekleidet zwar kein Amt mehr, hat steht aber im Ruf, nach Präsident und Premier der mächtigste Mann Russlands zu sein.

insgesamt 86 Beiträge
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rolantik 15.08.2017
1. Störfaktor für die SPD
Herr Schröder kann ja als freier Mensch machen, was er möchte. Die Frage des Anstandes und der Opportunität stellt sich dennoch. Als "Wahlkampfhelfer" und Gastredner trat er beim SPD-Parteitag auf, da war er als Stimmenbringer willkommen. Nun versucht Herr Heil, unglücklicher Wahlkampfmanager von Herrn Schulz, das Thema Schröder klein zu reden und verursacht gerade deshalb ein Diskussion, die der SPD nur schaden kann. Wasser predigen und Wein trinken, so scheint es in der SPD zuzugehen. Wenn sich die Parteiführung nicht eindeutig von Schröder distanziert, kostet das Wählerstimmen und die SPD täte gut daran, dieses Bild so schnell wie möglich zu korrigieren.
RalfHenrichs 15.08.2017
2. Zu kritisieren ist,
Schröders schnelles Engagement nach seiner Kanzlerschaft in der Wirtschaft. Eigentlich sollte es eine "Abklingzeit" geben. "Eigentlich sollte" - in der Realität wird dies selten eingehalten. Was es aber auch bei Schröder nicht besser macht. Diese Abklingzeit ist aber inzwischen längst abgelaufen. Daher ist er Privatmann und sein Engagement nicht zu kritisieren. Sie könnte aber zum Vorteil für Deutschland und der deutschen Politik werden, denn eine Annäherung an Russland wäre ja wichtig. Dennoch dürfe es der SPD - zu Recht - schaden. Sie hat Schröder auf dem Parteitag die Einführungsrede vor Schulz halten lassen und damit Schröder zurück auf die politische Bühne geholt. Daher fällt Schröders Engagement am Ende doch negativ auf die SPD zurück. Ist ärgerlich, aber wer Schröder holt, hätte wissen müssen, dass dies der SPD schaden wird.
rolando7712 15.08.2017
3. Richtig so
Wenigstens einer, der dafür sorgt, dass die Deutschen Beziehungen zu Russland gepflegt werden und es Optionen für die Ölversorgung gibt. Gerade in den Zeiten in denen die USA lieber sehen würde, dass wir den Handel mit den Russen einstellen ist das doch ein sehr schöne Nachricht über vertrauensvolles gemeinsames Handeln. Ich gehe davon aus dass Altbundeskanzler Schröder sehr kurze Wege zur Bundesregierung hat, wenn es darauf ankommen sollte.
From7000islands 15.08.2017
4. wer nützt Deutschland mehr ?
Ich votiere für russisches Erdgas und nicht für amerikanisches Fracking - Flüssiggas über 6000 km herbei gekarrt. Das macht der Schröder, weil er weiss, dass Russland und die EU Nachbarn sind, und historisch immer engstens verbunden waren. Staatsminister Klaeden, ein Merkel-Vertrauter, wurde 2013 Cheflobbyist bei Daimler und verhinderte genaue Nachforschungen über Abgasprobleme bei Dieselmotoren.
Fackel01 15.08.2017
5. Kein gutes Gefühl
Auch wenn es die Privatsache des Exkanzlers sein soll.... es fühlt sich für mich nicht richtig an. Kein Exkanzler sollte sich an einen Konzern mit engen Staatsbindungen in einem Land mit problematischen Regierungsapparat verdingen. Es beschädigt das Land, es beschädigt das Amt und es ist irgendwie nicht angemessen. Es gibt eine feine Linie zwischen legal und angemessen.
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