Russlands Staatskonzern Rosneft Schröders neue Welt

Gerhard Schröder dürfte an diesem Freitag zum neuen Aufsichtsratschef von Russlands Energieriesen Rosneft gewählt werden. Konzernchef Igor Setschin ist der unantastbare Machtfaktor im Konzern - was also wird Schröders Rolle sein?

Gerhard Schröder
TRUEBA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Gerhard Schröder

Aus Sankt Petersburg berichtet


Kein russischer Präsident werde die Krim wieder aus Russland ausgliedern. Der Satz stammt nicht etwa von einem Mitglied der russischen Führung, sondern von Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder.

Der Sozialdemokrat schaffte es damit vor wenigen Tagen in die Hauptnachrichten des russischen Staatsfernsehens. Rossija 1 zitierte ausgiebig aus einem Interview, das Schröder dem "Stern" gegeben hatte. Er riet dazu, nicht zu viel Druck auf Russland auszuüben, zum Beispiel durch Sanktionen: "Ich rate uns da zu etwas mehr Bescheidenheit."

Schröder, der Wladimir Putin seinen Freund nennt, sieht sich als Vermittler zwischen den Ländern. An diesem Freitag geht seine Mission nun noch einen Schritt weiter: Nach zwölf Jahren Engagement für die Gazprom-Gaspipelines Nord Stream will er sich in Sankt Petersburg zum Aufsichtsrat - nach russischen Medienberichten gar zum Chef des Gremiums - des russischen Energieriesen Rosneft wählen lassen. Die Wahl gilt als Formalie. Schröder macht das trotz der heftigen Kritik, vor allem in Deutschland.

Die lässt Schröder an sich abprallen. Sein künftiges Rosneft-Amt sei allein seine private Entscheidung: Es gehe um sein Leben, ließ er wissen. Als sei er ein ganz normaler Rentner. Nur: Das ist Schröder nicht, natürlich wird er in den russischen Medien als deutscher Altkanzler zitiert und natürlich wird darauf hingewiesen, dass er nun in den Aufsichtsrat von Rosneft einsteigt. Und das ist nicht irgendein Unternehmen, auch wenn Schröder es gern mit anderen Energiekonzernen gleichsetzt. "Stellt euch mal vor, ich wäre nicht für Rosneft vorgeschlagen worden, sondern für Exxon in Amerika - alle wären begeistert." Doch Schröders Vergleich hinkt: Rosneft ist kein privater Konzern, sondern der mächtigste Russlands, eng verwoben mit dem Kreml.

  • Was ist Rosneft für ein Unternehmen?
Rosneft-Logo
REUTERS

Rosneft-Logo

Unterhält man sich mit Mitarbeitern von Rosneft, bekommt man folgende Geschichte des Unternehmens zu hören. Statt ständig Rosneft zu politisieren und den Chef Igor Setschin als "Darth Vader" zu dämonisieren, sollte man doch bitte in den westlichen Medien auf die Fakten schauen. Rosneft sei mit seinen 280.000 Mitarbeitern einer der größten Ölförderer der Welt, er weist Ölreserven von rund 40 Milliarden Barrel Öläquivalent aus.

Man expandiere weltweit, auch auf dem Gasmarkt und auch in Deutschland, wo man seit Mai nun ein Büro in Berlin hat. Neben dem russischen Staat, der die Mehrheit hält, gehört der Konzern auch Unternehmen und Investitionsfonds aus Großbritannien, China, Katar und der Schweiz. Mit rund 20 Milliarden Euro Steuerzahlungen ist Rosneft ein wichtiger Finanzier des russischen Staatshaushalts.

Das ist die offizielle Erfolgsgeschichte. Doch sie wäre nicht möglich ohne das Wirken des Generaldirektors Igor Setschin, den Schröder nun als Rosneft-Chefaufseher eigentlich beaufsichtigen soll.

Setschins Geschäftsgebaren wirft einige Fragen auf - und in den vergangenen Monaten fragte sich manch einer in Moskau, wie weit kann der Rosneft-Konzernchef eigentlich noch gehen?

  • Wer ist Igor Setchin?
Igor Setschin (vorne) mit Wladimir Putin (Archivbild)
REUTERS

Igor Setschin (vorne) mit Wladimir Putin (Archivbild)

Wie Putin stammt er aus Sankt Petersburg, war beim Geheimdienst. Setschin arbeitete als Übersetzer für den Militärnachrichtendienst GRU. Setschin war Putins rechte Hand im Amt für Außenkontakte der Stadtverwaltung. Als der 1996 nach Moskau in die Präsidialverwaltung wechselt, geht auch Setschin in die russische Hauptstadt: Putin wird Premier, Setschin Leiter seines Sekretariats; Putin wird Präsident, Setschin Vizeleiter der Präsidialverwaltung. Es ist eine Symbiose, die Beobachtern zufolge bis heute andauert. Setschin gilt vielen als Nummer zwei in Russland, als unbedingt loyal zu Putin. Gerade veröffentlichte Abhörprotokolle im Prozess gegen den ehemaligen Wirtschaftsminister Aleksej Uljukajew machen deutlich, dass Setschin sich als Soldaten bezeichnet: "Was uns gesagt wird, tun wir."

  • Wie geht Setschin vor?

Dass Uljukajew sein Amt verlor und sich nun vor Gericht verantworten muss, kreiden viele Setschin an.

Uljukajew wird vorgeworfen, zwei Millionen Dollar von Setschin erpresst zu haben. Als Gegenleistung wollte der damalige Minister angeblich bewilligen, dass Rosneft den Ölproduzenten Baschneft kaufen dürfe, obwohl das Unternehmen privatisiert werden sollte.

Uljukajew, Vertreter der Wirtschaftsliberalen, war wie auch übrigens Putins Wirtschaftsberater und Noch-Rosneft-Aufsichtsratsvorsitzender Andrej Beloussow zunächst gegen diesen Deal zwischen den zwei Staatskonzernen gewesen, stimmte dann aber doch zu.

Im November dann lud Setschin den damaligen Wirtschaftsminister zum Tee, übergab ihm einen Geschenkkorb mit Wurst und Wein und einen Aktenkoffer mit zwei Millionen Dollar. Uljukajew wurde wenig später vom FSB festgenommen, er bestreitet die Vorwürfe vehement.

Sergei Uljukajew
AFP

Sergei Uljukajew

Der Fall erinnert ein wenig an den des ehemaligen Yukos-Eigentümers und Putin-Kritikers Michail Chodorkowski, der enteignet wurde und zehn Jahre lang im Straflager saß. Filetstücke seines Konzerns gehören heute Rosneft. Wie auch die Mehrheit von Baschneft.

Den ehemaligen Besitzer dieses Unternehmens, die Firma AFK Sistema, gehörte dem Oligarchen Wladimir Jewtuschenkow. Der saß nach dem Kauf von Baschneft in Hausarrest, weil es angeblich nicht mit rechten Dingen beim Kauf zugegangen war. Setschin ließ ihn später auf drei Milliarden Dollar Entschädigung verklagen. Der Grund: Durch die Restrukturierung und das schlechte Management seien angeblich Werte vernichtet worden. Ein Gericht sprach Rosneft im August tatsächlich 2,3 Milliarden Dollar zu. Sistema ging in Berufung. Putin selbst meldete sich zu Wort, warb für eine einvernehmliche Einigung.

Diese Ereignisse der vergangenen Monate belegen, wie rücksichtlos Setschin vorgeht, um seinen Konzern Rosneft auszubauen.

2004, als Setschin an die Spitze kam, war das Unternehmen eine kleine unbedeutende Ölfirma. Nun aber fungiert Rosneft wie ein Ölministerium des Kremls, wie der Setschin-Kritiker und ehemaliger Vize-Energieminister Wladimir Milow sagt. Er spricht von Misswirtschaft und verweist auf die sinkenden Gewinne von Rosneft. Sie schrumpfen seit Jahren, im ersten Halbjahr 2017 um 22 Prozent, dabei steigt der Ölpreis.

Doch Rosneft ist eben nicht nur ein Wirtschaftsunternehmen. Rosneft unterstützt unter anderem das vor dem Bankrott stehende Venezuela mit Milliarden Dollar - Vorschüsse auf noch zu förderndes Öl, das Russland aber zu Preisen unter dem Weltmarktniveau kauft. Rentabel ist das nicht, aber politisch für den Kreml wertvoll, schließlich hilft man einem Partnerstaat.

Setschin und Schröder (Archiv)
AP

Setschin und Schröder (Archiv)

  • Was wird von Schröder als Aufsichtsrat erwartet?

Sicher nicht Kontrolle, sagt Kritiker Milow. Schröder solle Setschins Kurs mittragen, der sich eng mit Putin hinter verschlossenen Türen abstimme. Setschin brauche den Altkanzler vor allem zur Imagepflege, als Aufsichtsratsvorsitzenden, den man gut vorzeigen kann, nicht als kritischen Chefaufseher. Ohnehin stimmten alle Aufsichtsratsmitglieder, die bis zu 580.000 Dollar für ihre Tätigkeit im vergangenen Jahr bekamen, immer geschlossen für die Vorlagen.

Den Kreml interessieren insbesondere Schröders vielfältige Kontakte im Westen, aber auch in den Nahen Osten - er wird als "Politiker von Weltrang" von der russischen Führung eingestuft. Und das kann nur helfen, um Rosnefts Expansion weiter voranzutreiben.

insgesamt 43 Beiträge
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just_thinkin 29.09.2017
1. Warum?
Was bewegt ihn dazu diesem "Staatskonzern" der in Korruption und politische Erpressung involviert ist ein Feigenblatt von Legitimation zu geben. Schämen sie sich Herr Schröder!
tapjocah 29.09.2017
2. Die Karriere des Herrn Schröder
Vom Obersozialdemokrat zum Firmenchef (Jahresgehalt?) Was eine Karriere. Helmut Schmidt würde sich im Grabe umdrehen bei diesem Lebenslauf des Herrn Schröder, der für mich nur seine persönlichen Ziele verfolgt hat. Das ist ihm gelungen.
stilus 29.09.2017
3. Tja..
...ist der Ruf erst ruiniert...... Man sieht: G`schaftelhuberei gibt es nicht nur in Baywern! Der Schröder ist sogar noch einen Tacken schlimmer als ein gewisser Ex-Bündespräsident Wulff.
MeinungVonMir 29.09.2017
4. Würgereiz
Ich bekomme einen Würgereiz, wenn ich diesen und den zweiten Artikel hier lese. Hartz 4 Schröder kassiert pro Monat mehr al 7.000 EUR "Ruhegehalt" - was immer das sein soll - und kassiert nun nochmal ab, währen wir in Deutschland weiter sein Büro und sein Ruhegehalt in Gesamthöhe von einer halben Mio pro Jahr zahlen. Und der Typ nennt sich allen Ernstes "Sozialdemokrat". Ich bin wirklich kein Freund der Linken, aber der Linken Politiker, der die Abkocher-Mentaliät der Ex-Politiker bemängelt (und da schließe ich ausdrücklich unsere Bundespräsidenten - die schon in der Amtszeit eher wenig zu tun haben - ein!!). Das Verhalten finde ich zutiefst asozial - besonders wenn man sich dazu noch als sozial bezeichnet - und widert mich einfach nur an.
th.diebels 29.09.2017
5. Grenzenlos
ist die Selbsbedienungsmentaltität der Politik und der Politiker - das fängt bei den Ex-Bundespräsidenten und Ex-Bundeskanzlern an und hört bei jetzt 709 Bundestagsabgeordneten auf ! mfg ein Rentner mit unter 1.000 € Rente !
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