Insolventer Skandalkonzern Gericht erklärt Wirecard-Bilanzen für nichtig – Verwalter könnte nun Dividenden zurückfordern

Das Landgericht München hat zwei Jahresabschlüsse des Skandalkonzerns Wirecard nachträglich für nichtig erklärt. Damit könnte Insolvenzverwalter Jaffé nun Dutzende Millionen von Aktionären zurückverlangen.
Ehemaliger Wirecard-Stammsitz in Aschheim: »Wenn es die Gelder gibt, hätten sie auf den Konten gefunden werden müssen«

Ehemaliger Wirecard-Stammsitz in Aschheim: »Wenn es die Gelder gibt, hätten sie auf den Konten gefunden werden müssen«

Foto: Peter Kneffel / dpa

Die Bilanzen des Zahlungsdienstleisters Wirecard aus den Jahren 2017 und 2018 waren nach Erkenntnissen des Landgerichts München I falsch. Das Gericht erklärte die Jahresabschlüsse aus den beiden Jahren und die Dividendenbeschlüsse der jeweiligen Hauptversammlungen für nichtig.

Nichtig sind damit auch die Dividendenbeschlüsse für die beiden Jahre. Damit könnte Insolvenzverwalter Michael Jaffé, der das Urteil erwirkt hatte, die Dividenden für die beiden Jahre von den Aktionären zurückfordern. Insgesamt geht es dabei um rund 47 Millionen Euro.

Gegen Buchführungsgrundsätze verstoßen

Grundlage der Klage waren die mutmaßlichen Scheinbuchungen, mit denen Wirecard-Manager die Bilanzen um erfundene Milliardenbeträge aufgebläht haben sollen. Wirecard hatte 2017 und 2018 hohe Gewinne von zusammen mehr als 600 Millionen Euro ausgewiesen. Nach den Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft gab es diese Gewinne tatsächlich gar nicht.

Ob die fehlenden 1,9 Milliarden Euro, wie von Jaffé behauptet, nie existierten oder nur auf anderen Konten lagen, wie der damalige Vorstandschef Markus Braun vermutet, sei für die Frage nach den Jahresabschlüssen unerheblich, sagte der Vorsitzende Richter Helmut Krenek. Wirecard habe in jedem Fall gegen die Grundsätze ordnungsgemäßer Buchführung verstoßen.

»Wenn es die Gelder gibt, hätten sie auf den Konten gefunden werden müssen«, sagte Krenek. Und: »Wenn in zwei Jahren 1,9 Milliarden Euro fehlen, dann ist an der Wesentlichkeit des Fehlers eigentlich kein Zweifel anzunehmen.«

1000 Klagen gegen EY

Die Wirtschaftsprüfer von EY hatten die Abschlüsse der beiden Jahre testiert – und keine Auffälligkeiten festgestellt. Deshalb liefert das Urteil auch Munition für die knapp 1000 Klagen empörter Aktionäre gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Ein von der Geheimschutzstelle des Bundestages als geheim eingestufter Bericht, der sogenannte Wambach-Bericht, listete jedoch umfassende Versäumnisse der Prüfer bei der Kontrolle von Wirecard auf. EY hatte zuletzt einen Plan vorgelegt , damit sich ein vergleichbarer Skandal nicht wiederholt.

Der ehemalige Dax-Konzern Wirecard war 2020 nach dem Eingeständnis von Scheinbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro zusammengebrochen. Der frühere Vorstandschef Markus Braun sitzt seit bald zwei Jahren in Untersuchungshaft, im März erhob die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Betrugs, Untreue und Bilanzfälschung . Die Hauptverhandlung soll im Herbst beginnen.

Nicht angeklagt ist der ehemalige Wirecard-Vorstand Jan Marsalek, der mutmaßlich Drahtzieher des Betrugssystems war. Er soll in Russland untergetaucht sein.

apr/Reuters/dpa