Depression von Germanwings-Pilot Lubitz Wenn Fluggesellschaften den Alarm überhören
Cockpit eines A320: Auch in anderen Branchen drohen Konsequenzen
Foto: SRDJAN ZIVULOVIC/ REUTERSLufthansa-Chef Carsten Spohr hat es seit dem Absturz von Germanwings-Flug 9525 in den französischen Alpen wiederholt betont: Der Konzern habe keine Hinweise auf psychische Probleme von Co-Pilot Andreas Lubitz gehabt. Der 27-Jährige sei "ohne jegliche Auffälligkeit" und "zu 100 Prozent flugfähig" gewesen. Auch ein Sprecher von Germanwings sagte noch am Dienstag, man habe nichts von der Erkrankung geahnt. Dazu hätte Lubitz selbst auf den Arbeitgeber zukommen müssen.
Offenbar hat er das zumindest einmal getan. Am Dienstagabend teilte das Unternehmen mit, dass Lubitz seine Ausbildungsstätte, die Lufthansa-Verkehrsfliegerschule, 2009 über eine "abgeklungene schwere depressive Episode" informiert hat. Zuvor hatte er seine Ausbildung für mehrere Monate unterbrochen. Um sie wiederaufzunehmen, musste er sich nicht nur einem körperlichen Fitnesstest unterziehen. Wie am Mittwoch bekannt wurde, gab es auch eine psychiatrische Untersuchung.
Ob Germanwings oder Lufthansa Mitverantwortung für den Absturz tragen, bleibt trotz dieser neuen Fakten unklar. Psychische Probleme bedeuten in den meisten Fällen keinerlei Gefährdung der Umwelt - gerade wenn sie wie im Fall von Lubitz erkannt und behandelt werden. Sicher ist jetzt aber: Mindestens ein Warnzeichen gab es auch innerhalb des Konzerns. Wer sich wie Lubitz zu einer psychologischen Behandlung bekennt, muss auch in anderen Branchen mit Konsequenzen rechnen - etwa, dass ihm die Verbeamtung oder eine Berufsunfähigkeitsversicherung verweigert werden. Hätten dann nicht gerade bei einer so verantwortlichen Aufgabe wie der von Lubitz die Alarmglocken läuten müssen?
Kein Eintrag ins Tauglichkeitszeugnis
Die Bremer Verkehrsfliegerschule, die Lubitz über seine Vorerkrankung informierte, gehört zum Lufthansa-Konzern. Von hier aus gelangte das Wissen nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen jedoch nicht zum Tochterunternehmen Germanwings. Grund sei der Datenschutz gewesen, heißt es in Firmenkreisen. Die Information hätten auch nicht Eingang in die Personalakte gefunden. In die Pilotenlizenz wurde in der Folge der Hinweis SIC eingetragen, der für "besondere regelhafte medizinische Untersuchungen" steht und auf eine chronische Erkrankung hindeutet. In Lubitz' Tauglichkeitszeugnis hingegen tauchte der Vermerk nicht auf.
Wie effektiv die Untersuchungen sind, ist aber ohnehin umstritten. Eine eingehende psychologische Untersuchung, wie sie Lubitz zu Beginn seiner Ausbildung bei Lufthansa absolvierte, gibt es normalerweise nur einmal. Zwar müssen sich Piloten später alle zwölf Monate einer medizinischen Untersuchung ("Medical") unterziehen, bei der auch die psychische Verfassung eine Rolle spielt. Doch die untersuchenden Ärzte stützen sich hier auf eine vorab gegebene Selbsterklärung der Piloten und zählen darauf, dass diese von sich aus auf mögliche Probleme hinweisen. Bei der Lufthansa hieß es am Mittwoch, auch die Medicals würden psychische Fragen ausreichend thematisieren. "Da kommen alle relevanten Aspekte auf den Tisch", sagte ein Sprecher.
Im Fall von Lubitz haben die Tests versagt. Doch das hätte offenbar auch anderswo passieren können - etwa bei Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft Air Berlin. Wenn es dort Hinweise auf eine psychische Erkrankung gibt, wird der Betroffene aus dem Flugbetrieb abgezogen. Air Berlin arbeitet nach eigener Aussage mit verschiedenen Kliniken und Instituten zusammen, bei denen sich Betroffene gegebenenfalls in Therapie begeben können.
Sobald die Krankheit überwunden ist, müssen Piloten erneut zum Fliegerarzt. Wenn sie das Medical bestehen, wird nicht weiter nachgefragt - selbst wenn der Hinweis "SIC" im Zeugnis auftauchen sollte.
Zusammengefasst: Germanwings-Pilot Andreas Lubitz informierte 2009 die Lufthansa über eine überwundene schwere Depression. Diese Information erreichte aber offenbar nie seinen späteren Arbeitgeber. Dass Lubitz später mehrfach Routinetests bestand, zeigt deren begrenzte Verlässlichkeit.