Geschenke in der Wegwerfgesellschaft "Gründe für ein Neugerät finden sich ja immer"

Zu Weihnachten werden viele neue Gadgets gekauft, obwohl die alten noch gut sind. Die Industrie verführt zu diesem Müllwahnsinn - doch oft macht sich die Kundschaft mitschuldig, sagt ein Technikhistoriker.
Träume und Geschenke von gestern - oder auch: Elektroschrott

Träume und Geschenke von gestern - oder auch: Elektroschrott

Foto: Norbert Försterling / DPA

SPIEGEL: Herr König, können Sie sich vorstellen, zu Weihnachten ein Smartphone zu verschenken?

König: Nur, wenn ich sicher wäre, dass der Beschenkte es wirklich braucht. Die meisten Smartphones werden ja ersetzt, obwohl sie noch voll funktionstüchtig sind - der Anteil ist höher als bei allen anderen Elektrogeräten. Das möchte ich nicht unterstützen.

SPIEGEL: Sie haben schließlich auch ein Buch über die Geschichte der Wegwerfgesellschaft geschrieben.

König: Ich finde das Verhalten vieler Konsumenten widersprüchlich. Sie machen sich Gedanken, ob sie eine Plastiktüte wiederverwenden können und ob man Strohhalme nicht besser verbietet - was ich richtig finde. Aber sie haben wenig Bedenken, völlig ohne Bedarf ein Gerät zu kaufen, das große Mengen problematischen Mülls hinterlassen wird.

SPIEGEL: Hersteller und Netzbetreiber haben das jahrelang befeuert: Nach zwei Jahren wird der Vertrag erneuert, und dazu gibt es ein neues Gerät.

König: Ja, da überbieten sich die Mobilfunkanbieter gegenseitig. Für die Umwelt ist das katastrophal. Die technische Haltbarkeit von Smartphones liegt bei zehn Jahren. Ihre Herstellung verschlingt enorme Ressourcen, sie sind bislang nur unzureichend zu recyceln, und viele ihrer Reststoffe sind giftig.

SPIEGEL: Ist es aus Verbrauchersicht nicht sinnvoll, Geräte zu ersetzen, deren Software veraltet ist?

König: Ach, Gründe finden sich ja immer. Tatsächlich wirken hier Industrie und Kunden zusammen: Die Hersteller suchen natürlich nach Argumenten, die zum Neukauf bewegen sollen. Und die Kundschaft lässt sich sehr gerne verführen. Man kann nicht sagen, dass die Kunden in diesem Bereich Opfer wären.

SPIEGEL: Die Neugeräte sind oft wirklich viel attraktiver.

König: Ja, das Phänomen ist ausgeprägt bei neuer Technik, wo der Fortschritt noch groß ist, in den Sechziger- und Siebzigerjahren zum Beispiel immer hochwertigere Musikabspielgeräte. Aktuell beobachten wir es bei Smartphones, noch immer bei Computern oder bei Flachbildfernsehern. Die sind im Jahresrhythmus größer geworden und haben Bildschirme mit immer besserer Auflösung bekommen, darauf springen viele Kunden an. Wenn das Fortschrittstempo einmal nachlässt, wird auch nicht mehr so viel weggeworfen.

SPIEGEL: Welche Warenkategorie ist noch besonders müllträchtig?

König: Mode ist extrem müllträchtig - und das ganz ohne Fortschritt. Es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen, wonach viele Kleidungsstücke zwar gekauft, aber nie getragen werden. Das sind Impulskäufe, aus einer Laune heraus, die sich viele leisten können, weil Textilien so billig angeboten werden. Da steht dann direkt nach dem Kauf das Wegschmeißen.

SPIEGEL: Sie sprechen von Fast Fashion. Spötter sagen, da werde Mode so schnell ausgetauscht, dass man sich die Waschmaschine sparen kann.

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König, Wolfgang

Geschichte der Wegwerfgesellschaft: Die Kehrseite des Konsums

Verlag: Franz Steiner Verlag
Seitenzahl: 168
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König: Die Produktzyklen haben sich wahnsinnig beschleunigt in den vergangenen Jahren. Früher gab es mal zwei Kollektionen pro Jahr, Sommer und Winter. Heute kommt im Wochenrhythmus neue Ware in die Läden, teils noch häufiger. Es werden ständig neue Moden generiert, sodass man immer etwas Neues entdeckt, wenn man in den Läden unterwegs ist.

SPIEGEL: Und darauf springen viele Konsumenten an.

König: Ich gehe davon aus, dass heute die Mehrheit so einkauft. Allerdings gibt es auch immer noch den Konsumententypus, der hauptsächlich Ersatzkäufe vornimmt. Also: Eine Hose wird ersetzt, wenn die Nähte kaputt gehen oder der Stoff ein Loch hat, nicht vorher.

SPIEGEL: Durch den Internethandel ist das Einkaufen sehr bequem geworden: Man muss das Haus nicht verlassen, kann in Ruhe Preise vergleichen und ist von Ladenöffnungszeiten unabhängig. Beschleunigt der Internethandel auch den Trend zur Wegwerfgesellschaft?

König: Man hört das oft, aber der Internethandel hat damit nicht viel zu tun. Zwar stimmt es, dass ein Teil der Ware, die von den Kunden zurückgeschickt wird, danach nicht mehr angeboten, sondern gleich vernichtet wird. Doch das ist nur eine Größenordnung von 4 Prozent. Wenn wir etwa Kleidung im Laden kaufen, liegt der Anteil der vernichteten Ware nach seriösen Schätzungen höher. Weggeworfen wird sowohl online als auch im stationären Handel.

SPIEGEL: Aber im Laden bekomme ich als Kunde doch einen viel realistischeren Eindruck vom Produkt, da sollte es weniger Umtausche geben.

König: Der Umtausch spielt dort eine kleinere Rolle. Im stationären Handel sprechen wir vor allem von Ware, die nicht gekauft wird. Erst werden die Preise gesenkt, aber wenn dann immer noch kein Kunde anbeißt, muss irgendwann das Lager für neue Ware freigemacht werden. Dann landet viel im Müll - teilweise mehr als bei Onlinehändlern.

SPIEGEL: Das heißt, das Problem ist das gleiche wie bei der Fast Fashion.

König: Genau, die hohe Geschwindigkeit des Warenumsatzes.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt Qualität? War früher alles besser?

König: Das kann man nicht pauschal sagen. Bei manchen Produkten hat das allgemeine Qualitätsniveau im Laufe der Konkurrenz sogar zugenommen, woanders lässt es in der Tat nach. Aus Sicht der Industrie ist das nachvollziehbar: Wenn die Kunden die Ware gern schneller ersetzen, lohnt es sich kaum, sie besonders haltbar zu machen. Dann kann man sie auch billiger produzieren und das Geschäft weiter ankurbeln.

SPIEGEL: Nimmt denn die Nutzungsdauer bei allen Gütern ab?

König: Nein. Bei Waschmaschinen und Kühlschränken liegen wir schon recht lange bei durchschnittlich zehn bis zwölf Jahren, das hat sich nicht wesentlich verändert.

SPIEGEL: Immer wieder wird den Herstellern unterstellt, sie würden Sollbruchstellen einfügen, die nur so lange halten, wie die Garantie dauert, die so genannte geplante Obsoleszenz.

König: Der geplante Einbau von Schwachstellen ist eigentlich Unsinn: Für den Hersteller lohnt es sich nicht, ein Gerät aus hundert Teilen zu bauen, von denen 99 gut sind und eins schlecht - denn dann sind die 99 Teile eigentlich zu teuer. Ideal wäre aus seiner Sicht die identische Haltbarkeit für alle Teile. Aber: Die lässt sich in der Praxis schwer herstellen. So ergibt es sich, dass Geräte Schwachstellen haben, aber normalerweise eher aus Versehen als geplant.

SPIEGEL: Wie kam es denn eigentlich zur Wegwerfgesellschaft?

König: Dazu mussten mehrere Bedingungen erfüllt sein: Es werden viel mehr Waren angeboten, als die Konsumenten tatsächlich brauchen. Außerdem ist die Kaufkraft vorhanden, um über den tatsächlichen Bedarf hinaus einzukaufen, ebenso wie die Zeit, die man dafür braucht. Wer vor hundert Jahren in der Fabrik gearbeitet hat, hatte nach der Schicht weder das Geld noch die Freizeit, um etwas einkaufen zu gehen, das er nicht unbedingt brauchte. Das ist ein typisches Überflussphänomen.

SPIEGEL: Wir machen das nur, weil es uns so gut geht?

König: Es haben sich die Verhältnisse verschoben: Die Herstellung von Produkten ist dank der Automatisierung immer billiger geworden, während die Löhne stark gestiegen sind. Die sind aber der wichtigste Kostenpunkt bei Reparaturen, oft auch beim Recycling.

SPIEGEL: Was kann man denn gegen die Wegwerfgesellschaft unternehmen?

König: Eine größere Haltbarkeit der Produkte ist immer möglich und wäre natürlich wünschenswert - aber die bringt nur etwas, wenn tatsächlich auch die Nutzungsdauer zunimmt.

SPIEGEL: Allerdings ist es im Kapitalismus systemimmanent, dass die Hersteller Kunden dazu bringen wollen, möglichst viele Produkte zu kaufen - und dann gilt: nach uns die Sintflut.

König: Ich fürchte, da helfen nur politische Anreize, so schwierig die vielleicht durchzusetzen sind. Es müssen ja nicht immer Verbote sein. So könnte man die Steuern für Änderungsschneidereien und Schuhmacher reduzieren, damit sich deren Geschäft eher rechnet. Die Schuhmacher leiden ja sehr darunter, dass immer mehr Schuhe gekauft werden, bei denen das Obermaterial fest mit der Sohle verklebt ist - Sneakers kann man praktisch nicht besohlen. Solche Punkte stehen aber bei keiner Partei auf der Agenda, die Politik tut hier zu wenig.

SPIEGEL: In der EU gilt ab 2021 die neue Ökodesign-Richtlinie, die Müllberge verringern helfen soll. Ist die erfolgversprechend?

König: Da sind schon viele Punkte drin, die in die richtige Richtung gehen. Etwa mit Vorschriften, wonach auch elektronische Geräte zu öffnen und zu reparieren sein müssen. Die Hersteller werden außerdem verpflichtet, Bau- und Reparaturanleitungen nicht nur den eigenen Werkstätten zugänglich zu machen, sondern allen. Und sie müssen länger als bisher Ersatzteile vorhalten. Das alles verbessert die Reparierbarkeit der Produkte. Da ließe sich aber durchaus mehr machen - und ich finde, das müsste man auch.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

König: Man könnte die Angabe eines Mindesthaltbarkeitsdatums vorschreiben, das noch über die bestehende Garantiezeit hinausgeht. In dieser Zeit müsste der Hersteller auch die Reparaturen übernehmen. Damit könnte man den Wettbewerb unter den Firmen fördern, wer die haltbareren Dinge baut.

SPIEGEL: Zumindest Kühlschränke oder Waschmaschinen kann man aber auch heute schon reparieren.

König: Ja, aber das ist nicht besonders attraktiv. Früher hatten die Hersteller dieser langlebigen Konsumgüter auch einen guten Kundendienst. Der ist sukzessive abgebaut worden, schlecht erreichbar und teuer. Die Reparatur kostet oft so viel, dass ein neues Gerät als preisgünstigere Lösung erscheint. In der Mindesthaltbarkeitsdauer müsste das anders sein.

SPIEGEL: Aber gibt es nicht auch Konstellationen, in denen es für die Umwelt ein Vorteil ist, wenn ein alter Stromfresser durch ein sparsames Neugerät ersetzt wird?

König: Das ist ausgesprochen selten der Fall. Klar, der Energieverbrauch moderner Geräte ist fast immer besser. Aber der Ressourceneinsatz bei der Produktion ist so groß, dass man das in der Regel nicht im laufenden Betrieb wieder rausholen kann.

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