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07. Juni 2011, 11:10 Uhr

Gesundheit am Arbeitsplatz

Wer krank zur Arbeit geht, schadet der Firma

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Drei von vier Angestellten schleppen sich zur Arbeit, auch wenn sie krank sind. Die wenigsten schickt der Chef wieder nach Hause. Jetzt zeigt eine Studie: Wer ins Büro geht, statt zu Hause zu bleiben, schadet nicht nur sich selbst, sondern auch der Firma.

Hamburg - Die Augen brennen vom Heuschnupfen, der Kopf dröhnt wegen der Frühsommergrippe. "Ich fühle mich fürchterlich", denkt sich der Angestellte, schluckt eine Tablette - und fährt trotzdem zur Arbeit. Der eine handelt so aus Sorge um den Arbeitsplatz, der andere aus Pflichtgefühl. Nur: Der Firma nützt das herzlich wenig. Im Gegenteil: Es schadet ihr.

Das ergibt eine Studie der Unternehmensberatung Booz & Company im Auftrag der Felix-Burda-Stiftung. Kranke Angestellte am Arbeitsplatz kosten eine Firma demnach im Schnitt 2400 Euro pro Jahr - rund doppelt so viel wie Mitarbeiter, die zu Hause bleiben, wenn sie krank sind.

Sitzt der Kränkelnde erst im Büro, verschwimmen bald die Zahlenkolonnen am Monitor, die Konzentration lässt rasch nach, die Arbeit dauert länger, das Ergebnis ist oft schlechter als normalerweise. "Kranke Angestellte sind nur begrenzt einsatzfähig, sie machen mehr Fehler und erleiden öfter Unfälle", sagt Rolf Fricker, Leiter der Booz-Studie. "Krankheiten können verschleppt werden, im schlimmsten Fall werden sie chronisch." Außerdem erhöhe der Raubbau am eigenen Körper das Risiko eines Burnouts.

Präsentismus nennen Fachleute das Problem: die Anwesenheit am Arbeitsplatz trotz Krankheit. Drei von vier Deutschen gehen mindestens einmal im Jahr richtig krank zur Arbeit, hat die Bertelsmann-Stiftung schon 2007 in ihrem Gesundheitsmonitor festgestellt. Dennoch findet das Phänomen bislang wenig Beachtung.

Der Krankenstand ist seit der Wiedervereinigung deutlich gesunken. Anfang der neunziger Jahre waren noch mehr als fünf Prozent der Arbeitnehmer, die in gesetzlichen Krankenkassen versichert sind, an Stichtagen als arbeitsunfähig gemeldet. 2009 waren es noch 3,4 Prozent. Mit der Angst um den eigenen Arbeitsplatz lässt sich dieser Langfrist-Trend nur bedingt erklären. "Ich habe dem Chef versprochen, das bis Freitag zu erledigen." - "Ich kann meine Kollegen nicht allein lassen." Oft brächten sich Angestellte aus vermeintlicher Kollegialität um unsere Genesungspause, sagt Antonius Reifferscheid, leitender Werksarzt bei Henkel.

Horrende Gesundheitskosten

Die Selbstausbeutung könnte für das Unternehmen auch Langzeitfolgen haben. US-Experten vermuten, dass die Anwesenheit kranker Mitarbeiter andere Angestellte unter Druck setzt. So werde das Betriebklima vergiftet - und die Produktivität insgesamt verringert. Hinzu kämen Know-how-Verluste und betriebsinterne Ansteckungswellen. Nach dieser Rechnung kostet ein Mitarbeiter, der krank ins Büro kommt, das Unternehmen ein Vielfaches mehr als einer, der zu Hause bleibt. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin weist allerdings darauf hin, dass solche Langzeitfolgen nur wenig erforscht sind.

Doch was auch immer man dem Problem des Präsentismus alles zuschreibt - eines ist klar: Wer krank arbeitet, kostet sein Unternehmen sinnlos Geld. In den kommenden Jahren könnte das zu einem noch größeren Risiko werden. Denn die Krankheitskosten nehmen rasch zu.

2009 beliefen sich die Gesundheitsausgaben auf 278 Milliarden Euro - das entspricht rund zwölf Prozent des Bruttoinlandprodukts. In den kommenden Jahren dürften sie weiter steigen: Laut Statistischem Bundesamt werden in 15 Jahren rund 40 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 50 und 65 Jahre alt sein. Dann dürften weit mehr Arbeiter unter Krankheiten wie Diabetes, Herzproblemen, Arthrose oder Rückenschmerzen leiden.

"Die Gesundheit der eigenen Mitarbeiter wird zum Wettbewerbsvorteil", sagt Booz-Mann Fricker. "Allein aus betriebswirtschaftlicher Sicht müssten Unternehmen ein Interesse haben, einen Beitrag zur Fitness ihrer Mitarbeiter zu leisten." Hilfreich seien Vorsorgeuntersuchungen gegen Krebs und andere Krankheiten sowie Betriebssport. "Jede Krankheit muss mit geeigneten Maßnahmen adressiert werden."

Riskante Investitionen in Gesundheit

Auch müsse eine Unternehmenskultur etabliert werden, die einem schleichenden Burnout von Angestellten vorbeuge. Das allerdings widerspreche kurzfristigen Interessen nach Leistungssteigerung - und werde entsprechend selten umgesetzt. Dass sich Mitarbeiter krank zur Arbeit schleppen und der Chef sie nicht wieder heimschicke, sei ein Symptom dafür.

Experten halten Maßnahmen für mehr Gesundheit am Arbeitsplatz ebenfalls nur für schwer durchsetzbar. "Für Unternehmen sind Investitionen in Gesundheitsvorsorge stets riskant", sagt Stefan Felder, Gesundheitsökonom von der Universität Duisburg-Essen. "Schließlich können sie auf den Kosten sitzen bleiben, sollten Beschäftigte zur Konkurrenz abwandern." Auch Präventivuntersuchungen seien für Unternehmen problematisch. "Ihre Wirksamkeit und ihr volkswirtschaftlicher Nutzen sind strittig."

Andere Experten sagen dagegen, der Effekt entsprechender Vorsorge könnte immens sein. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin geht davon aus, dass sich 30 bis 40 Prozent der Arbeitsunfähigkeitszeiten durch besseres Gesundheitsmanagement in Betrieben vermeiden ließen. Und laut einer Erhebung des Wissenschaftlers Larry Chapman zahlt sich jeder Euro, der in betriebliche Prävention investiert wird, volkswirtschaftlich um den Faktor fünf aus.

Henkel-Arzt Reiffenscheid ist denn auch optimistisch, das sich die Versorgung von Mitarbeitern weiter verbessert. "Viele Führungskräfte haben begriffen, dass sie ihren Mitarbeitern im Kampf um Talente eine immer bessere gesundheitliche Versorgung bieten werden müssen", sagt er. Allerdings müsse auch bei vielen Angestellten erst noch die Einsicht wachsen, dass die meisten von ihnen bis ins hohe Alter arbeiten werden - und sie sich entsprechend fit halten müssen.

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