GdL-Chef Weselsky Volle Fahrt aufs Abstellgleis

Die Lokführer von der GdL verlangen ein risikofreies Leben. Der Wunsch nach guten Arbeitsbedingungen ist legitim, doch im aktuellen Tarifstreit mit der Bahn geriert sich Gewerkschaftsboss Weselsky völlig wirklichkeitsfremd. Das könnte das Ende seiner Organisation bedeuten.

GdL-Chef Weselsky: Rundumabsicherung gegen jede Unbill des Lebens
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GdL-Chef Weselsky: Rundumabsicherung gegen jede Unbill des Lebens

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Eigentlich dachte man, die Spezies "schriller Gewerkschaftschef" gehört der Vergangenheit an. Früher rangelten Haudegen wie der IG-Metall-Boss Jürgen Peters oder der Ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske miteinander darum, wer die Arbeitgeber am originellsten beleidigt. Doch Peters ist längst im Ruhestand, und Bsirske wirkt zunehmend altersweise, ein Veteran, der sich im Aufsichtsrat der Deutschen Bank mittlerweile wohler fühlt als an den Rednerpulten der Streikfronten.

Doch es gibt einen legitimen Erben. Er heißt Claus Weselsky, Chef der Lokführergewerkschaft GdL. In schöner Regelmäßigkeit droht der Sachse den Bahnfahrern in Deutschland mit Streik. Und in schöner Regelmäßigkeit macht er seine Drohung wahr. Am Mittwoch lief ein Ultimatum ab, am Donnerstag teilte die GdL mit, das Angebot der Bahn bis Ende Januar prüfen zu wollen. Die Zeichen deuten auf Streik - mal wieder. Diesmal geht es gar nicht um Geld oder einheitliche Standards für die rund 26.000 Lokführer in Deutschland. Für die meisten von ihnen existiert bereits ein Tarifvertrag, der ihnen 7,3 Prozent Lohnerhöhung garantiert und der noch bis Juni läuft. 7,3 prozentige Lohnerhöhungen wagen andere Gewerkschaften nicht mal zu fordern, geschweige denn, dass sie sie am Ende aushandeln.

Lokführer als Wanderarbeiter

Doch Weselsky will mehr. Die Gewerkschaft verlangt jetzt von der Deutschen Bahn, dass sie für jeden Lokführer eine Lizenzverlust-Versicherung gegen Lohneinbußen abschließt, falls er aus Gesundheitsgründen auf eine schlechter bezahlte Stelle wechseln muss. Außerdem soll es nach dem Willen Weselskys tarifvertraglich verboten sein, dass die Bahn ihre Lokführer an andere Einsatzorte schickt, falls sie irgendwo eine Ausschreibung verliert und den Lokführer folglich nicht mehr auf der Strecke einsetzen kann. Weselsky nennt das allen Ernstes "Landverschickung" und tönt: "Wir sind nicht die Wanderarbeiter der Bahn." Offenbar hat sich der GdL-Boss noch nie damit beschäftigt, unter welchen Bedingungen sich Wanderarbeiter wirklich verdingen müssen. Und ihm ist vermutlich auch nicht klar, dass es für jeden normalen Arbeitnehmer zu den unvermeidlichen Lebensrisiken zählt, dass er möglicherweise zu krank für seinen Beruf wird oder es am bisherigen Wohnort nichts mehr für ihn zu tun gibt.

Warum nur die Lohnversicherung und die Garantie, ausschließlich in der Heimat eingesetzt zu werden? Warum nicht für jeden Lokführer einen Kleinwagen, mit dem er zum Arbeitsort fahren kann? Oder stets einen vollen Kühlschrank? Was Weselsky will, ist eine Rundumabsicherung gegen jede Unbill des Lebens. So löblich es ist, beste Bedingungen für Arbeiter und Angestellte einzufordern, so wirklichkeitsfremd ist es, das Leben komplett risikofrei gestalten zu wollen.

"Unzumutbare" Beschäftigungsgarantie

Dabei hat die Bahn in ihrem Angebot Zugeständnisse gemacht, die für andere Branchen undenkbar wären. Sie garantiert maximalen Beschäftigungsschutz bis zum Berufsende. Lokführern, die aus Gesundheitsgründen "infolge von traumatischen Ereignissen" - also meist Selbsttötungen Dritter auf dem Gleis - ihren Beruf nicht mehr ausüben können, will die Bahn ihr gesamtes Berufsleben lang 100 Prozent des letzten Einkommens ohne Zuschläge bezahlen. Wer eine andere zumutbare Stelle innerhalb des Konzerns ablehnt, soll ihn mit einer Abfindung verlassen können. Diese sichert drei Jahre lang 80 Prozent des letzten Nettolohns. Zudem sollen alle Eisenbahner vor betriebs- und gesundheitsbedingten Kündigungen geschützt werden. Das sind keine Forderungen der GdL, das ist das Angebot der Bahn!

Weselsky qualifiziert diese Beschäftigungsgarantie als "unzumutbar" ab. Natürlich sind Gewerkschafter nicht dazu da, Unternehmen oder der Politik zu gefallen. Sie sollen die Interessen ihrer Mitglieder vertreten. Doch bei Weselsky kann selbst das bezweifelt werden. In deren Interesse müsste es sein, dass die Spartengewerkschaft auch künftig Tarifverträge abschließen kann. Doch die Politik denkt schon seit längerem darüber nach, ein Gesetz zur Tarifeinheit auf den Weg zu bringen. Danach wäre in einem Unternehmen oder in einer Branche nur jene Gewerkschaft noch verhandlungsfähig, die dort am meisten Mitglieder hat. Träte das Gesetz wirklich in Kraft, wäre das das Ende der GdL, die nur eine Minderheit der Mitarbeiter im Bahn-Konzern vertritt. Die Mehrheit ist bei der Konkurrenz, der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) organisiert. Mit seiner Kraftmeierei liefert Weselsky gerade eine Steilvorlage für die Koalition, ein solches Gesetz gegen die Spartengewerkschaften tatsächlich zu verabschieden. Wirkliche Interessenvertretung für Mitglieder sieht anders aus. Hier befriedigt einer sein Ego.

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Seite 1
alexanderschulze 16.01.2014
1. Auweia
Hier hat einer aber sein Mütchen gekühlt...
Zaphod 16.01.2014
2. Alte Zeiten
Was Weslsky fordert, war in früheren Zeiten, als noch nicht die neoliberale Ideologie dazu geführt hat, dass sämtliche Risiken des Unternehmens auf die Belegschaft abgewälzt werden und sämtliche Chancen bei den Kapitalgebern verbleiben, Normalität. Die Arbeitnehmer konnten davon ausgehen, dass sie ein ruhiges und sicheres Leben führen können, sofern sie keine übertriebenen Karrierepläne verfolgen. Es wäre angemessen, wenn gerade ein Staatsunternehmen wie die Bahn ein Zeichen setzt gegen den Mobilitäts- und Flexibilitätswahn. Warum müssen Arbeitnehmer wie Spielfiguren auf dem Brett verschoben werden, ohne dass sie besonders von ihrer Flexibilität profitieren? Wer denkt an die Familien der Lokführer? Gewerkschaften werden von vielen als überflüssig angesehen, da sie die letzte Bastion sind, die die Rechte der Arbeitnehmer verteidigt. Diese Bastion darf jedoch nicht fallen!
sitiwati 16.01.2014
3. was sich
so manche vostellen und es gibt sicher wieder genug Leute, die mit roten Plastikjacken.Trillerpfeifen und roten Fahnen an den Bahnhöfen stehen-natürlich fahren die GDL BOsse nicht mit der Bahn, sondern kommen in dicken Dienstfahrzeugen und Fahrern!
zander1312 16.01.2014
4. "Wirklichkeitsfremd!"
Zitat von sysopDPADie Lokführer von der GdL verlangen ein risikofreies Leben. Der Wunsch nach guten Arbeitsbedingungen ist legitim, doch im aktuellen Tarifstreit mit der Bahn geriert sich Gewerkschaftsboss Weselsky völlig wirklichkeitsfremd. Das könnte das Ende seiner Organisation bedeuten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/gewerkschaft-der-lokfuehrer-chef-weselsky-attackiert-deutsche-bahn-a-943667.html
Die Tatsache, dass der Schutz von Erkrankten sowie der Wunsch dort zu arbeiten, wo sich Familie und Freunde befinden als "wirklichkeitsfremd" bezeichnet werden muss, zeigt die Perversion unseres Wirtschaftssystems, das durch Rationalisierung und Konkurrenz nur die Verwertung des Wert vor Augen hat.
DerExperte 16.01.2014
5.
Gleiches lässt sich auch über Herrn Wendt von der Polizei gewerkschaft sagen. Der wird aber hofiert...
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