Gewerkschafts-Warnruf vor Katar "Die wirkliche Todesrate ist weitaus höher"

Drastische Kritik an WM-Gastgeber Katar: Laut dem Internationalen Gewerkschaftsbund sterben in dem Emirat mehr Migranten als bislang bekannt. Wenn sich nicht sofort etwas ändere, werde allein die Fußball-WM 4000 Menschen das Leben kosten, sagt die Generalsekretärin des Verbandes.

Gastarbeiter in Doha: Zugang zu sauberem Trinkwasser wird verwehrt
REUTERS

Gastarbeiter in Doha: Zugang zu sauberem Trinkwasser wird verwehrt


Hamburg - Der Internationale Gewerkschaftsbund IGB verschärft seine Kritik an der geplanten Fußball-WM 2022 in Katar. Bei der Ausbeutung von Gastarbeitern handle es sich um "moderne Sklaverei", sagte Sharan Burrow vom IGB. Burrow ist Generalsekretärin des IGB und damit oberste Vertreterin von weltweit 174 Millionen Mitgliedern aus 156 Ländern.

Der britischen Zeitung "Guardian" zufolge sind von Anfang Juni bis Anfang August 44 nepalesische Arbeiter in Katar gestorben , mehr als die Hälfte an Herzversagen oder bei Arbeitsunfällen. Die Arbeitsbedingungen seien "unmenschlich", sagt auch Burrow, die schon mehrmals selbst vor Ort war.

"Die nepalesische Botschaft schätzt offiziell, dass jedes Jahr 200 nepalesische Migranten sterben. Die indische Botschaft schätzt auch jährlich 200 Tote", sagt Burrow. Sie sei aber der Ansicht, dass "die wirkliche Todesrate weitaus höher ist".

"Katar muss sofort seine Gesetze reformieren"

Teilweise werde Arbeitern der Zugang zu sauberem Trinkwasser verwehrt, Migranten seien "dem Arbeitgeber durch das Kafala-System (Bürgensystem zur Aufnahme von Arbeitskräften) ausgeliefert". Selbst grundlegende Rechte, so Burrow, stünden ihnen nicht zu. "Wenn sich da nicht sofort etwas ändert, wird die WM mit 4000 toten Arbeitern bezahlt."

Katar und den Fußball-Weltverband Fifa fordert Burrow zum umgehenden Handeln auf: "Katar muss sofort seine Gesetze reformieren. Firmen, die an den Bau- und Infrastrukturarbeiten in Katar beteiligt sind, müssen dafür sorgen, dass dies nicht auf Kosten von Menschenleben geschieht. Die Fifa sollte Druck auf die Regierung ausüben - und die Weltmeisterschaft nie wieder in einem Land durchführen, in dem Arbeiterrechte und Menschenleben derart verletzt werden!"

Auch vor der WM 2018 in Russland befürchtet Burrow, dass Arbeiterrechte missachtet werden. "Dort besteht auch die Gefahr, dass die Weltmeisterschaft keine guten und fairen Arbeitsplätze schafft." Die Fifa setze die russische Regierung stark unter Druck, eine Gesetzesänderung zu verabschieden, durch die das Arbeitsrecht für Migranten in den kommenden fünf Jahren außer Kraft gesetzt werden soll, sagte die IGB-Chefin.

cte/sid



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happyrocker 27.09.2013
1. Korruption und Vetternwirtschaft
Wie kann man eine Fußball-WM überhaupt an ein Land geben, das a) noch nie durch irgendwelche Leistungen in diesem Sport aufgefallen ist und b) klimatisch zum Fußballspielen überhaupt nicht geeignet ist? Menschenrechte haben bei der Vergabepraxis ja noch nie eine Rolle gespielt, trotzdem ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, diese Fehlentscheidung zurückzunehmen. Als Frau würde ich mich ohnehin fragen, ob ich Tickets für ein Spiel in diesem Land kaufe, in dem ich vielleicht noch im Stadion im Fantrikot geduldet werde, auf dem Weg dorthin aber Burka tragen muss. Was für ein Irrsinn!
A T Ist 27.09.2013
2. Sterben für den Fussball
Internationaler Fussball als Grab für Milliarden Euro und Menschenleben abschaffen.
zylmann 27.09.2013
3. Massenhafter Protest
mit Namen und Adresse sind hier angebracht. Oder wir sind alle Mittäter!
karsten rohde 27.09.2013
4. Massenhafter Protest
Zitat von zylmannmit Namen und Adresse sind hier angebracht. Oder wir sind alle Mittäter!
Nicht nur hier, wo es doch eher untergeht. Die Zustaende in diesen Laendern sind ja seit Jahrhunderten (!) bekannt. Gemacht hat der Westen nur die Konsulargerichtsbarkeit fuer die eigenen Leute und selbst die ist abgeschafft. Die Sklaverei wurde nur pro forma beseitigt, das weiss aber jeder, der es wissen will. Nun ist die Agenda aber, den Islam mit aller Gewalt salonfaehig zu machen, da er bei uns (Europa, nicht Brasilien) eine immer groessere Rolle spielen wird und Auseinandersetzungen nur stoerend sind. Man wird also milde protestieren, Aenderungen lieb anmahnen und im uebrigen: Weiter so! Karsten Rohde Maceió AL
Jev 27.09.2013
5. Kirche in Dorf lassen
Zitat von happyrockerWie kann man eine Fußball-WM überhaupt an ein Land geben, das a) noch nie durch irgendwelche Leistungen in diesem Sport aufgefallen ist und b) klimatisch zum Fußballspielen überhaupt nicht geeignet ist? Menschenrechte haben bei der Vergabepraxis ja noch nie eine Rolle gespielt, trotzdem ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, diese Fehlentscheidung zurückzunehmen. Als Frau würde ich mich ohnehin fragen, ob ich Tickets für ein Spiel in diesem Land kaufe, in dem ich vielleicht noch im Stadion im Fantrikot geduldet werde, auf dem Weg dorthin aber Burka tragen muss. Was für ein Irrsinn!
Erstmal informieren, dann polemisieren. Ich hab zwei Monate in Katar gearbeitet und kann Sie beruhigen. Als westliche Frau sollten Sie Sich eventuell etwas 'züchtiger' kleiden (nicht schulterfrei und eventuell lange Hosen und Röcke), aber es wird sie keiner dazu zwingen, die Burka zu tragen, die in dem Land sogar eher unüblich ist. Ich war so dreist, meine sehr langen Haar offen zu tragen. Auch ausserhalb der Baustelle und der Büros. Gab im Sukh ab und an interessierte bis abfällige Blicke, aber ganz ehrlich, als Frau in einem technischen Beruf kann ich so was ab. Die deutschen Kollegen sind da teilweise auch nicht wesentlich besser. Was diesen Warnruf angeht: Untersuch mal bitte auch einer die 'Selbstmordrate' unter den Arbeitern. Ab und an soll sich doch der ein der andere Arbeiter vom (nicht wirklich) gesicherten Gerüst stürzen. Solche bedauerlichen Fälle treten dann natürlich in der Unfallstatistik der Baustelle nicht auf. Wer glaubt, dass irgendeine Großbaustelle auf der Welt wirklich 0% Unfälle produziert, glaubt auch an den Osterhasen. Und wer die Baustellen in Katar gesehen hat, glaubt eher an Schnee in der Wüste als an unfallfrei Baustellen.
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