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20. August 2011, 14:02 Uhr

Gewerkschaftsfrust bei AKW-Arbeitern

Zweifach-Verlierer der Energiewende

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Der Frust bei den Mitarbeitern der Atomkraftwerke ist groß. Schließlich gefährdet die Energiewende ihre Arbeitsplätze. Richtig erzürnt sind viele aber über die Rolle der Gewerkschaften. Sie fühlen sich von den Arbeitnehmervertretern alleingelassen.

München - Es ist ein wenig schmeichelhafter Abschiedsgruß - adressiert an Ver.di-Chef Frank Bsirske. "Man hat uns im Stich gelassen", klagt Bernd Klingenmeier, Vizebetriebsratschef des hessischen Atomkraftwerks Biblis, in Richtung der Berliner Gewerkschaftsspitze. Er habe sich in der Atomdebatte Unterstützung durch Ver.di erwartet. Schließlich gehe es bei der beschleunigten Abschaltung der Meiler ja um die berufliche Existenz der AKW-Mitarbeiter.

"Doch die nötige Rückendeckung haben wir nicht bekommen", sagt Klingenmeier. "Stattdessen stand Ver.di in den vergangen Monaten vielerorts sogar mit an der Spitze der Anti-Atom-Bewegung." Viele AKW-Mitarbeiter seien deshalb wütend, und manche würden darüber nachdenken, die Gewerkschaft zu verlassen. Klingenmeier selbst will "auf jeden Fall austreten".

Wie tief der Frust bei vielen Angestellten der Meiler sitzt, zeigen auch die Aussagen von Reinhold Gispert, Bundessprecher des Fachausschusses Kernkraft bei Ver.di und Betriebsratschef in Biblis. Der Ausstiegs-Beschluss der Gewerkschaft sei "bis heute einfach nicht diskutierbar", schimpfte er in der Ver.di-Mitgliederzeitung "Publik".

Für ihn ist klar: "Unser Sachverstand war und ist auch gar nicht gefragt." Doch es ist weniger der inhaltliche Kurs der Gewerkschaft, der viele bei Ver.di organisierte AKW-Mitarbeiter derzeit gegen ihre Arbeitnehmervertretung aufbringt: Schließlich fordert die Gewerkschaft den Ausstieg aus der umstrittenen Technologie bereits seit Jahren.

"Wir wollen ordentlich vertreten werden"

Es sei die Art und Weise, wie die Spitzenfunktionäre nach Fukushima aufgetreten seien, so Klingenmeier, die viele Kraftwerksangestellte am Sinn ihrer Ver.di-Mitgliedschaft zweifeln lasse. "Herr Bsirske und die restliche Gewerkschaftsführung kann gerne eine andere Meinung zur Energiepolitik haben als wir. Aber sie müssen diese Ansichten nicht in jede Kamera posaunen", poltert er.

Tatsächlich hatte Ver.di-Boss Frank Bsirkse jüngst bei mehreren Landeskonferenzen der Atomkraft den Charakter einer "Brückentechnologie" abgesprochen, den schnellstmöglichen Ausstieg gefordert und so einige Delegierte vergrätzt.

Anton Failer, Betriebsratsvorsitzender des AKW Gundremmingen, findet deshalb ebenfalls deutliche Worte: "Wir zahlen ordentliche Beiträge, also wollen wir auch ordentlich vertreten werden." Der Unmut an dem schwäbischen RWE-Standort über den Ver.di-Kurs sei in den vergangenen Monaten groß gewesen. Mancher habe mit seinem Austritt gedroht.

Die Berliner Gewerkschaftszentrale ist alarmiert: Eine Sprecherin versichert, man nehme "die Sorgen der Beschäftigten in den Kernkraftwerken um ihre Arbeitsplätze ernst". Ver.di setzte sich intensiv dafür ein, dass der Ausstieg sozialverträglich verlaufe. Bundesweit habe es zwar eine "Reihe von Austrittsdrohungen, allerdings nur vereinzelt tatsächlich vollzogene Austritte" gegeben. "Die Belegschaft der Kernkraftwerke ist sehr gut organisiert", sagt die Sprecherin. Zahlen will sie jedoch nicht nennen.

10 bis 15 Prozent der AKW-Mitarbeiter sind Ver.di-Mitglieder

Offen äußert sich dagegen Frank Haindl, energiepolitischer Sprecher von Ver.di Hessen: 10 bis 15 Prozent der Mitarbeiter der deutschen Kernkraftwerke seien Gewerkschaftsmitglieder, sagt er. Im Verhältnis zu manchen Branchen ist die Zahl zwar gering - so sind laut Haindl etwa 95 Prozent der Belegschaft eines Kohlekraftwerks bei einer Gewerkschaft. Im Vergleich zu den erneuerbaren Energien ist der Organisationsgrad aber noch immer äußerst hoch.

Ein Dilemma für die deutsche Arbeiterbewegung: Einerseits bekennt sich der Großteil der Gewerkschaften aus Gründen der ökologischen Notwendigkeit zu einem zügigen Umstieg auf Ökostrom. Selbst die beim Gewerkschaftsbund lange unantastbare Kohleenergie wird in einem aktuellen DGB-Positionspapier nur mehr als "Brückentechnololgie" bezeichnet.

Andererseits bedroht die Energiewende die Schlagkraft von Ver.di und Co: Denn während sich in den Kohlekraftwerken kaum eine Turbine ohne den starken Ver.di-Arm dreht und man in den Atommeilern 2010 kräftige Lohnerhöhungen erstreikte, haben Gewerkschaftsmitglieder im Bereich der grünen Energien häufig noch Exotenstatus. Mitbestimmung sei in der Wind- und Solarindustrie noch Mangelware, kritisiert auch IG-Metall-Vize Detlef Wetzel.

Öko-Betriebe meist zu kleinteilig organisiert

Grund für den äußerst dürftigen Organisationsgrad bei den Erneuerbaren: Die Betriebe in diesem Bereich sind meist kleinteilig organisiert. Ein Wind- oder Solarpark habe nur selten mehr als 20 Angestellte, weiß Ver.di-Mann Haindl: "Das erschwert und verteuert die Neumitgliederwerbung ungemein. Und solange es den Firmen gut geht, hat dort ohnehin fast niemand Interesse an der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft."

Noch schlimmer sehe es im Bereich der Biogasanlagen aus. Lediglich bei den großen Biomassekraftwerken sei Ver.di gut organisiert, berichtet Haindl. Ein Problem: In kleineren Betrieben fehlen oft Betriebsräte, über die Gewerkschaften leichter Zugang zur Belegschaft bekommen.

Bei den Herstellern im Solar- und Windbereich kämpft die dort zuständige IG Metall mit den selben Schwierigkeiten: Zwar gewannen die Metaller bei einigen Branchengrößen, wie dem Windradbauer Repower Systems oder der Solarfirma Q-Cells, jüngst eine größere Zahl von Beitragszahlern.

Doch bei vielen Mittelständlern sieht es für die Gewerkschaft nach wie vor düster aus. Bei den Herstellern konventioneller Großkraftwerke ist die IG Metall dagegen flächendeckend stark organisiert - noch. Ob die Metallgewerkschaft ihre nach eigenen Angaben bundesweit mehrere tausend Mitglieder bei den Herstellern von AKW-Komponenten dauerhaft halten kann, ist zumindest fraglich.

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