Konzerne in Deutschland Zahl der Gewinnwarnungen steigt auf Rekordhoch

Die Konjunktur schwächelt, Deutschlands Unternehmen zeigen sich besorgt: 54 von 308 börsennotierten Konzernen haben ihre Erwartungen nach unten korrigiert - so viele wie nie seit Beginn der Erhebung.

BMW-Werk in Leipzig: Automobilbranche steht vor großen Herausforderungen
Jan Woitas/DPA

BMW-Werk in Leipzig: Automobilbranche steht vor großen Herausforderungen


Das Management börsennotierter Unternehmen in Deutschland musste im ersten Halbjahr auffallend oft die Gewinnprognosen zurücknehmen. In 54 Fällen sahen sich die 308 im Prime Standard gelisteten Unternehmen gezwungen, ihre Erwartungen nach unten zu korrigieren. Das ergab eine Auswertung des Beratungsunternehmens Ernst & Young (EY).

Die Zahl der Gewinn- und Umsatzwarnungen sei damit im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 38 Prozent gestiegen. Seit Beginn der Erhebung im Jahr 2011 gab es demnach nie so viele Gewinnwarnungen in einem ersten Halbjahr. Der Prime Standard ist das Segment der Deutschen Börse mit den höchsten Transparenzpflichten für Unternehmen.

"Der Gegenwind für die deutschen Unternehmen nimmt zu", sagte EY-Manager Martin Steinbach. "Zahlreiche Unternehmen mussten schon zu Beginn des Geschäftsjahres feststellen, dass ihre ohnehin nicht übermäßig optimistischen Prognosen doch nicht erreichbar sind."

Automobilbranche besonders betroffen

Sowohl im Dax als auch im MDax und SDax lag laut EY die Zahl negativer Prognosekorrekturen auf Rekordniveau: Im Dax und im MDax legte die Zahl der Warnungen im Vergleich der ersten Halbjahre 2018 und 2019 jeweils von fünf auf sieben zu, im SDax stieg die Zahl von fünf auf zwölf. Im übrigen Prime Standard wurden 28 Warnungen gezählt - nach 24 im Vorjahreszeitraum.

Die meisten Warnungen kamen den Angaben zufolge aus der Automobilbranche: Fünf der zwölf börsennotierten Autokonzerne und Zulieferer mussten im ersten Halbjahr ihre Prognosen nach unten korrigieren. Der weltweite Absatzrückgang treffe die Branche zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt, hieß es. Denn ohnehin würden hohe Investitionen die Gewinne stark belasten.

Es gab aber auch positive Nachrichten von börsennotierten Unternehmen: 51 Mal wurden Prognosen bezüglich Umsatz und/oder Gewinn nach oben geschraubt. Das waren etwas mehr solcher Meldungen als im Vorjahreszeitraum (43), aber nur halb so viele wie im ersten Halbjahr 2017.

Entwicklung des Geschäftsklimas

Nach einem Jahrzehnt des Aufschwungs in Deutschland sprechen viele Ökonomen wieder von Rezession. So sagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) für das laufende dritte Quartal einen Konjunkturrückgang voraus. Bereits im Frühjahr hatte es ein Minus von 0,1 Prozent gegeben. Bei zwei Rückgängen in Folge wird von einer Rezession gesprochen.

Auch die Bundesbank hält eine Rezession für möglich. Zuletzt hat sich auch die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft im August den fünften Monat in Folge verschlechtert. Das Ifo-Barometer für das Geschäftsklima fiel auf den niedrigsten Wert seit November 2012.

Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Zum Beispiel kann man bei der Sonntagsfrage nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. Bei der Sonntagsfrage heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Mitarbeiter von Civey arbeiten für die Auswertungen lediglich mit User-IDs und können die Nutzer nicht mit ihrer Abstimmung in Verbindung bringen. Die persönlichen Angaben der Nutzer dienen vor allem dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden. Darüber hinaus arbeitet Civey mit externen Partnern zusammen, die Zielgruppen für Werbetreibende erstellen. Nur wenn Nutzer die Datenschutzerklärung sowohl von Civey als auch von einem externen Partner akzeptiert haben, dürfen Ihre Antworten vom Partner zur Modellierung dieser Zielgruppen genutzt werden. Ein Partner erhält aber keine Informationen zu Ihren politischen und religiösen Einstellungen sowie solche, mit denen Sie identifiziert werden können. Civey-Nutzer werden auch nicht auf Basis ihrer Antworten mit Werbung bespielt. Der Weitergabe an Partner können Sie als eingeloggter Nutzer jederzeit hier widersprechen. Mehr Informationen zum Datenschutz bei Civey finden Sie hier.
Wer steckt hinter Civey-Umfragen?
An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

mmq/dpa



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
hagebut 04.09.2019
1. Was ist hier los?
Man abgesehen von einigen Handelskonflikten die sich natürlich negativ auf die gesamte globale Konjunktur auswirken: Die hoch entwickelten Industrieländer sollten sich langsam aber sicher darauf einstellen, dass, wenn man Wirtschaftswachstum haben möchte, dies nur noch durch staatliche Kreditaufnahmen erreichen kann. Ohnedies ist z.B. in Deutschland in Anbetracht der immer noch zu hohen Arbeitslosigkeit, der massiven Unterfinanzierung des staatlichen Sektors (Infrastruktur z.B.) und der Leistungsungerechtigkeit bei Rente, ALG II und Grundsicherung im Alter, dringend anzuraten hier durch staatliche Defizite einzuwirken. Alles andere ist "warten auf Godot". Deutschland könnte derzeit Geld zu Nullzinsen aufnehmen. Bei anderen Euro-Staaten ist das schon nicht mehr so. Dort ist die Verschuldung schon so hoch, dass bei eventuellen Leitzinserhöhungen plus ein etwaiges komplettes Auslaufen des Anleihekaufprogramms der EZB, massive Probleme auftreten würden. Das impliziert, dass es eine Garantie der EZB geben muss, nie bezüglich Zinsen für die Staatsanleihen von den Finanzmärkten abhängig zu werden. Ansonsten wird die unbedingt nötige höhere Staatsverschuldung zum Hochrisikopfad. Die Politik ist nicht bei klarem Verstand. Das kann man jeden Tag hier in Beiträgen auf SPIEGEL ONLINE nachlesen. Dadurch darf die Möglichkeit sich kostenlos immer höher zu verschulden nicht in diese Hände fallen. Der dazu richtige Weg könnte sich durch die Umwandlung des ESM in einen Europäischen Währungsfonds (EWF) ergeben: Dieser erhält von der EZB zins- und tilgungsfrei Darlehen und reicht diese unter Auflagen an die Staaten weiter. Wer jetzt denkt, oh nä, oder das ist so nicht möglich, etc. sollte Alternativen vorstellen.
merlin 2 04.09.2019
2. Danke Trump!
Nicht weiter verwunderlich bei einem eingetrübtem Markt, hohen Zöllen und einem Twitter-Präsidenten, der mit einem Tweet Börsen um bis zu 10% in den Keller schickt. Aber unsere deutsche Industrie ist auch nicht in der Lage sich anderen Märkten stärker zuzuwenden, das wird somit so weitergehen.
mimas101 04.09.2019
3. Hmm Tja
Da es ein unendliches Wirtschaftswachstum nicht geben kann, viele Märkte gesättigt, wenn nicht bereits übersättigt, sind, die Finanzlage bei den Endkonsumenten, denn davon hängt letztendlich alle Wirtschaft ab, in Zeiten von Negativzinsen, Überalterung pp auch nicht mehr so dolle ist, muß jetzt das kommen was kommt: Die Gewinne brechen mangels weiterer Produktion ein. Jetzt muß halt die Wirtschaft flexibler werden, Produktpaletten überdenken, Outsourcen von Unternehmensteilen rückgängig machen, neue Produkte entwickeln, sich neue Märkte suchen, Abstriche an Preisen und Gewinnen machen. Ansonsten dürften eine Reihe von Unternehmen dichtmachen.
joomee 04.09.2019
4. Keine Alternativen, denn...
Zitat von hagebutMan abgesehen von einigen Handelskonflikten die sich natürlich negativ auf die gesamte globale Konjunktur auswirken: Die hoch entwickelten Industrieländer sollten sich langsam aber sicher darauf einstellen, dass, wenn man Wirtschaftswachstum haben möchte, dies nur noch durch staatliche Kreditaufnahmen erreichen kann. Ohnedies ist z.B. in Deutschland in Anbetracht der immer noch zu hohen Arbeitslosigkeit, der massiven Unterfinanzierung des staatlichen Sektors (Infrastruktur z.B.) und der Leistungsungerechtigkeit bei Rente, ALG II und Grundsicherung im Alter, dringend anzuraten hier durch staatliche Defizite einzuwirken. Alles andere ist "warten auf Godot". Deutschland könnte derzeit Geld zu Nullzinsen aufnehmen. Bei anderen Euro-Staaten ist das schon nicht mehr so. Dort ist die Verschuldung schon so hoch, dass bei eventuellen Leitzinserhöhungen plus ein etwaiges komplettes Auslaufen des Anleihekaufprogramms der EZB, massive Probleme auftreten würden. Das impliziert, dass es eine Garantie der EZB geben muss, nie bezüglich Zinsen für die Staatsanleihen von den Finanzmärkten abhängig zu werden. Ansonsten wird die unbedingt nötige höhere Staatsverschuldung zum Hochrisikopfad. Die Politik ist nicht bei klarem Verstand. Das kann man jeden Tag hier in Beiträgen auf SPIEGEL ONLINE nachlesen. Dadurch darf die Möglichkeit sich kostenlos immer höher zu verschulden nicht in diese Hände fallen. Der dazu richtige Weg könnte sich durch die Umwandlung des ESM in einen Europäischen Währungsfonds (EWF) ergeben: Dieser erhält von der EZB zins- und tilgungsfrei Darlehen und reicht diese unter Auflagen an die Staaten weiter. Wer jetzt denkt, oh nä, oder das ist so nicht möglich, etc. sollte Alternativen vorstellen.
Man muss keine Alternative nennen, denn Ihre Ausgangsanalyse, dass Wachstum nur noch über staatliche Kreditaufnahme erzeugt werden kann, ist meines achtens nach schon falsch. Wie kommen Sie da drauf? Haben Sie irgendwelche Nachweise, die diese steile These unterstützt? Oder ist es nur Ihre Meinung, um die Schulden zu erhöhen? Im übrigen bin ich auch der Meinung, dass falls notwendig im Rahmen eines Konjunkturprogramm ist auch ein höheres Haushaltsdefizit temporäre gefahren werden könnte.
Gerwien 04.09.2019
5. Nun bricht alles zusammen. :-)
Prognosen sind eben mit Unsicherheiten verbunden, weil sie sich auf die Zukunft beziehen.
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