SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

09. Dezember 2011, 17:01 Uhr

Gipfelbeschlüsse

Goldman Sachs empfiehlt Wette gegen den Dax

Ökonomen verreißen den Gipfelbeschluss von Brüssel. Sie vermissen Instrumente, die die Krise kurzfristig eindämmen könnten. Die US-Investmentbank Goldman Sachs empfiehlt Anlegern sogar, auf fallende deutsche Aktienkurse zu spekulieren.

Berlin/Düsseldorf - Die Kanzlerin ist zufrieden. Die Gipfelbeschlüsse von Brüssel hätten eine "neue Basis des Vertrauens" geschaffen, jubelte Angela Merkel (CDU) am Freitag - und wurde in dieser Sicht auch von ihren Kabinettskollegen bestärkt.

Wirtschaftsexperten sehen das jedoch ganz anders. Sie bezweifeln, dass die Beschlüsse des EU-Gipfels zu einer Stabilisierung der Märkte beitragen. "In der Bekämpfung der akuten Krise ist die Politik keinen Schritt weitergekommen", sagte der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Ferdinand Fichtner, der Online-Ausgabe des "Handelsblatts". "So wurde weder eine Vergrößerung des Rettungsschirms noch eine verstärkte Intervention der Europäischen Zentralbank signalisiert. Nur so könnten aber die akuten Liquiditätsprobleme der südeuropäischen Volkswirtschaften überzeugend gelöst werden."

Als "unzureichend" qualifizierte auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger in der "Rheinischen Post" die Ergebnisse von Brüssel. Noch sei der Euro nicht gerettet. Gerade kurzfristige Probleme blieben ungelöst.

Nur die Wirtschaftsverbände loben die Beschlüsse

Auch der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, gab sich skeptisch. Ob Schuldenbremsen überhaupt funktionieren, sei mehr als zweifelhaft, sagte er Handelsblatt Online. In jedem Fall bedürfe es Zeit, sie zu implementieren. "Zugleich wird die hiermit verbundene restriktive Fiskalpolitik die zu erwartende Rezession im Euro-Raum verschärfen."

Damit steht der gewerkschaftsnahe Forscher überraschenderweise auf einer Linie mit den Analysten der US-Investmentbank Goldman Sachs . Auch sie zeigen sich von den Gipfelbeschlüssen enttäuscht - und raten Anlegern, auf fallende Aktienkurse in Deutschland zu wetten. "Wir bleiben bei unserer Einschätzung, dass sich die Euro-Zone auf eine Rezession zubewegt und die Politik keine maßgebliche Lösung für die aktuelle Finanzkrise bietet", schreiben sie in einer Analyse.

Auf dem EU-Gipfel hätten sich die Politiker auf die zukünftige Teilung der Risiken und die Grundlagen der notwendigen Reformen konzentriert. Es habe aber keine Antwort auf die Frage gegeben, wie Griechenland, Italien oder das europäische Bankensystem unmittelbar entlastet werden könnten.

Der wichtigste deutsche Aktienindex Dax steht nach Einschätzung der Goldman-Experten deshalb vor einer Talfahrt. Anleger sollten sich dies zunutze machen und auf fallende Kurse deutscher Unternehmen spekulieren, empfehlen die Analysten der US-Bank.

In der Nacht zu Freitag hatten sich die 17 Euro-Staaten darauf verständigt, mit einem eigenen Vertrag striktere Regeln zur Haushaltskontrolle umzusetzen. Auf dem EU-Gipfel in Brüssel scheiterten Deutschland und Frankreich mit dem Versuch, zur Rettung des Euro die EU-Verträge mit Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten zu ändern. Kernpunkte des neuen Vertrags werden eine gesetzlich verankerte Schuldenbremse und automatische Strafen für Defizitsünder sein. Der künftige dauerhafte Euro-Rettungsschirm ESM soll nicht erst 2013, sondern bereits im Sommer 2012 einsatzfähig sein.

Anders als die meisten Ökonomen bewerteten die großen deutschen Wirtschaftsverbände die Ergebnisse positiv. "Die Beschlüsse sind ein großer und wichtiger Schritt", sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann. Sein Kollege Hans-Peter Keitel vom Industrieverband BDI sprach von einem "entscheidenden Schritt nach vorne" und einem starken Signal an die Märkte. Der Präsident des Handelsverbands BGA, Anton Börner, misst den Vereinbarungen das Potential zu, die Vertrauens- und Staatsschuldenkrise einzudämmen.

stk/Reuters

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung