Ackerchemikalie Glyphosat Hat Monsanto Behörden manipuliert?

Die EU-Mitgliedstaaten beraten an diesem Donnerstag über die Wiederzulassung des Unkrautvernichters Glyphosat. Fast täglich kommen neue Merkwürdigkeiten ans Licht.
Glyphosatausbringung auf einem Feld bei Göttingen

Glyphosatausbringung auf einem Feld bei Göttingen

Foto: DPA/ Forum Moderne Landwirtschaft

Wird der Unkrautvernichter Glyphosat in Europa für weitere zehn Jahre zugelassen, für fünf oder drei Jahre oder gar nicht mehr? Am Donnerstag wird in Brüssel über die Zukunft der Ackerchemikalie entschieden, während in den USA Tausende Kläger in Sammelklagen Schadensersatz vom Hauptproduzenten, dem Agrarkonzern Monsanto, fordern. Sie behaupten, das Monsanto-Herbizid Roundup (Wirkstoff: Glyphosat) habe bei ihnen oder bei Angehörigen eine Form von Lymphdrüsenkrebs ausgelöst.

Gestritten wird vor Gericht vor allem über die wissenschaftliche Bewertung der Giftigkeit von Glyphosat und ob Monsanto möglicherweise Einfluss auf Wissenschaftler und staatliche Stellen ausgeübt hat. Unabhängig davon, ob der Konzern dabei erfolgreich war: Versucht hat er es, wie zahlreiche Dokumente belegen.

Die vielleicht bestvorbereitete Abwehrschlacht in der Geschichte Monsantos begann vor gut zweieinhalb Jahren. Im März 2015 hatte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) das Pflanzengift Glyphosat in einer umstrittenen Entscheidung als "wahrscheinlich krebserregend für den Menschen" eingestuft. Umstritten deshalb, weil in diesem Dokument im Nachhinein negative Aussagen bezüglich des Krebsrisikos ("nicht krebserregend") in neutrale oder sogar positive ("krebserregend") umgewandelt wurden. Und weil die IARC damit nicht nur der Risikobewertung europäischer Behörden, sondern auch aus zahlreichen anderen Staaten wie Australien, Neuseeland und Japan widerspricht.

Ausgerechnet das weltweit meistversprühte Herbizid, das als Wirkstoff in Monsantos Kassenschlager Roundup steckt und ohne das viele Landwirte gar nicht mehr auskommen, sollte also potentziell gesundheitsschädlich sein. Der US-Konzern aber war auf das Votum der IARC, die zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehört, vorbereitet - und feuerte zurück.

Entschied die EU-Behörde, ohne die Fakten zu kennen?

Die sorgfältig geplante Verteidigungsstrategie von Monsanto kommt nun langsam ans Licht, Papier für Papier, E-Mail für E-Mail, Memo für Memo. Der Grund sind die Sammelklagen in den USA, die Monsanto dazu zwingen, mehr als hundert interne Dokumente zu veröffentlichen. Diese "Monsanto Papers" zeichnen das Bild eines Konzerns, der weniger Wert auf Fakten und Vorsorge legt, sondern sich darum bemüht, Wissenschaftler für seine Zwecke einzuspannen - für die Sicherung des wichtigsten Produkts. Egal ob dieses Produkt möglicherweise gesundheitsschädlich ist.

Neue Dokumente wecken nun auch wieder Zweifel am Verhalten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa). Die Behörde mit Sitz im italienischen Parma ist unter anderem für die Risikobewertung von Chemikalien zuständig, die in der Europäischen Union (EU) zugelassen werden sollen. Seit Jahren steht die Efsa in der Kritik, weil sie immer wieder mit Wissenschaftlern zusammenarbeitet, die vorher in der Chemie- oder Lebensmittelindustrie angestellt waren oder von der Behörde zu einem der Branchengrößen wechselten.

Die Glyphosat-Einstufung der Efsa als "wahrscheinlich nicht krebserregend" steht besonders im Fokus, denn die EU muss bis 15. Dezember dieses Jahres darüber entscheiden, ob europäische Landwirte das Herbizid weitere zehn Jahre auf europäische Felder spritzen dürfen. Die Behörde ist eher nicht dafür bekannt, bei Chemikalien zu hohe Risiken festzustellen. Im Fall Glyphosat scheint es so, als habe sie ihr Urteil schon gefällt, bevor sie alle Fakten kannte.

"Das ist großartig"

Im Mai 2015 traf sich die Pestizid-Arbeitsgruppe der Industrieländerorganisation OECD in Paris, unter anderem sahen sich dort die Mitarbeiter der US-Umweltbehörde EPA und der Efsa. In einer internen E-Mail  mit dem Betreff "Bilaterale EPA EFSA Kooperation bei Pestiziden" schrieb der EPA-Mitarbeiter Michael Goodis am Tag nach dem Treffen an Direktor Jess Rowland, er sei von der Efsa zum Thema Glyphosat kontaktiert worden: "Sie sagen, sie werden der IARC nicht zustimmen sondern eher unserer Linie." Rowland, offensichtlich begeistert, antwortete: "Sag ihnen, das ist einfach großartig."

Bemerkenswert ist das vor allem aus zwei Gründen: Zum Zeitpunkt dieser E-Mail hatte die IARC die Begründung ihrer Einschätzung noch gar nicht veröffentlicht und auch nicht vorab der Efsa zur Verfügung gestellt. Die EU-Behörde konnte die Einschätzung der IARC zur "wahrscheinlich krebserregenden" Eigenschaft von Glyphosat noch gar nicht geprüft haben. Stand für die Efsa also von vornherein fest, dass sie das Pestizid als harmlos einstufen wird, egal was die Wissenschaftler der Weltkrebsagentur herausgefunden hatten?

Die Behörde streitet das vehement ab: Niemand habe Goodies kontaktiert. Zwar sei der Efsa damals bereits klar gewesen, dass ihre Einschätzung von jener der IARC abweichen werde - eine Vorfestlegung sei das aber nicht gewesen.

In Europa, so kann man die Antwort verstehen, sei man unabhängig. Da wirkt die begeisterte Reaktion von Rowland noch seltsamer. Ein EPA-Direktor, der sich darüber freut, dass ein Herbizid als nicht so gefährlich eingestuft wird? Die US-Umweltbehörde ist in Deutschland vor allem dafür bekannt, die Abgasmanipulationen bei VW-Dieselautos aufgedeckt zu haben und eigentlich nicht besonders rücksichtsvoll mit Konzerninteressen umzugehen.

Zeugenaussage? Komplett geschwärzt

Offenbar hat Monsanto aber auch versucht, auf Mitarbeiter der EPA Einfluss auszuüben. Ob der Konzern dabei erfolgreich war, ist unklar, der Konzern streitet jede Manipulation der Behörde ab. Rowland selbst steht im Verdacht, mit Monsanto kooperiert zu haben. Dafür gibt es in den Monsanto Papers zahlreiche Indizien, handfeste Beweise aber gibt es nicht: Rowlands Aussage im Gerichtsverfahren gegen Monsanto ist durchgehend geschwärzt .

Zu der E-Mail vom Mai 2015 antwortete die Behörde auf Anfrage nicht. Rowland ist seit vergangenem Jahr im Ruhestand.

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