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Comeback des Krisenkonzerns: GM feiert größten Börsengang

Foto: Seth Wenig/ AP

GM-Börsengang Schampus mit Nachgeschmack

Mit einem furiosen Auftakt kehrt der einst kaputte US-Autobauer GM an die Börse zurück. Das Weiße Haus hofft, sich einen Großteil seiner Investitionen zurückzuholen. Doch General Motors wird noch länger am Staatstropf hängen.

Zum ersten Mal in der Geschichte der New Yorker Börse wird der Aktienhandel nicht allein mit der traditionellen Bimmelglocke eröffnet. Stattdessen heult dazu ein lauter Automotor übers Börsenparkett - und durch die gesamte Wall Street.

Es ist der jaulende Motor eines Chevy Camaro, des neuen, schnittigen Sportwagens von General Motors (GM), den Konzernchef Dan Akerson höchstpersönlich per Fernbedienung vom Börsenbalkon aus betätigt. Denn GM will hier zurück ins Rennen - fernab von Detroit, dem staubigen Ort seines Niedergangs.

Und so beginnt der einstige US-Pleitekonzern am Donnerstag um kurz nach 9.30 Uhr (Ortszeit) an der New York Stock Exchange (NYSE) mit der Wiederauferstehung aus dem Konkursgrab. Selbst Akerson ist ganz bewegt: "Das ist verrückt!"

Umringt von einer grölenden, pfeifenden Händlerschar kämpft er sich übers Börsenparkett bis hin zum Handelsposten 11, jenem Posten, an dem die Opel-Mutter nun wieder gehandelt wird - 99 Jahre, nachdem das legendäre Kürzel GM erstmals über den NYSE-Ticker lief und anderthalb Jahre, nachdem es von diesem getilgt worden war. Akerson lässt es sich nicht nehmen, die erste Transaktion selbst zu absolvieren, für 35 Dollar - zwei Dollar mehr als das Listing.

"35 Dollar sind toll", jubelt er. "Toll für uns. Toll für Amerika."

Eine Viertelstunde später haben bereits rund hundert Millionen GM-Aktien die Hände gewechselt, zum Preis von mittlerweile 35,08 Dollar. Bis Mittag legt der Kurs fast acht Prozent zu - das größte Initial Public Offering (IPO) in der US-Geschichte. Die Aktie zischt so schnittig über die Wall Street wie, nun ja, ein Camaro. Der Schlusskurs liegt bei 34,19 Dollar, ein Aufschlag von 3,61 Prozent.

Dieser spektakuläre Börsengang - genauer gesagt: diese Börsenrückkehr - versetzt nicht nur die Wall Street in einen lange überfälligen Freudenrausch. Sondern auch Washington und den Rest des Landes. Schließlich ist es ein zutiefst symbolischer Moment. Ein Moment, in dem sie - vorübergehend - die Dämonen der Vergangenheit vertreiben und von einem Amerika träumen dürfen, in dem mutiges Unternehmertum Berge versetzen kann.

GM stand für das alte Amerika. Nun soll es für das neue stehen. Der kleine Schönheitsfehler: Dahinter steckt die starke Hand des Staats.

Grummeln im Vorfeld

So dauert es denn nur Minuten, bis der Schampus einen schalen Nachgeschmack bekommt. Da wird bekannt, dass New Yorks Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo Zivilklage wegen Bestechung gegen Steven Rattner erhoben hat, den "Autozar" des Weißen Hauses und staatlichen Strippenzieher hinter dem GM-Börsengang. Der Private-Equity-Fürst soll mit dem New Yorker Rentenfonds gekungelt haben, die Börsenaufsicht SEC hat ihn deshalb bereits zur Zahlung von 6,2 Millionen Dollar Strafe verdonnert.

Der Fall hat mit GM direkt nichts zu tun, wirft aber ein schlechtes Licht auf die Verbindungen des Konzerns mit dem Staat - und das ausgerechnet am Jubeltag.

Ansonsten aber verläuft die perfekt inszenierte Show am Donnerstag ganz nach Plan. Vor dem Säulentempel der NYSE ist ein Bataillon der neuesten GM-Modelle aufgefahren: Volt, Cruze, Camaro-Cabrio, Cadillac, GMC Sierra HD, blitzblank poliert, im Frühtau schimmernd. "Designen, bauen und auf der ganzen Welt verkaufen", verheißt ein GM-Banner, ein weiteres verhüllt die gesamte NYSE-Fassade.

Die GM-Aktien werden von Mutual Funds und Hedgefonds abgeschöpft, von institutionellen Investoren im Nahen Osten und in Asien. Ein Prozent der Anteile geht an den chinesischen Autohersteller SAIC, einen großen Joint-Venture-Partner von GM in China. 90 Prozent der 550 Millionen Aktien bleiben in Nordamerika, aber nur ein Bruchteil bei Privatanlegern - ein Umstand, den GM mit der großen Nachfrage begründet und der im Vorfeld einiges Grummeln verursachte.

So oder so: Soweit zu kommen sei eine "übermenschliche Anstrengung" gewesen, sagt der von Washington bestallte GM-Sanierer Akerson später. "Es herrscht viel Optimismus und Zuversicht." Zuversicht mit Vorbehalt: "Wir wissen, was falsch gelaufen ist, und wir glauben, dass wir daraus eine Menge gelernt haben."

1,4 Millionen Arbeitsplätze wurden laut Experten gerettet

Es stimmt, dass die rasante Erholung des einst kaputtgewirtschafteten Autoriesens selbst Zyniker verblüfft. Die "New York Times" spricht von "einer der größten Sanierungsstorys in der Geschichte". Nach Berechnung der unabhängigen Forschungsgruppe Center for Automotive Research wurden dabei mehr als 1,4 Millionen Arbeitsplätze gerettet, die andernfalls verloren gegangen wären.

Die Wahrheit aber ist eben, dass dies weniger eine rein unternehmerische Glanzleistung ist - sondern vielmehr ein enormer Staatsakt, der den US-Steuerzahler auch weiterhin Milliardensummen kosten wird.

Insgesamt rund 50 Milliarden Dollar hat die US-Regierung in die Rettung von GM investiert. Mit der massiven Aktienausschüttung, die am Ende mehr als 23 Milliarden Dollar für GM einspielen soll, will sie einen Großteil wieder in ihre Kasse zurückspülen - und dabei möglichst auch kräftig Gewinn machen.

In der Tat wird die Mammut-IPO die Beteiligung Washingtons an GM von fast 61 auf bis zu 26 Prozent reduzieren. "Ein bedeutender Meilenstein", so US-Präsident Barack Obama. Aber jetzt muss sein Finanzministerium sechs Monate warten, bis es weitere Aktien abstoßen darf. Der nächste "bedeutsame" Schritt in diese Richtung, so Regierungskreise, stehe erst "im kommenden Jahr" an.

Selbst dann wird das nicht so einfach werden. Um seinen gesamten Einsatz wieder zurückzubekommen, müsste die Regierung ihre verbliebenen 500 Millionen GM-Aktien zu einem durchschnittlichen Preis von 53 Dollar verkaufen können. Ob der Enthusiasmus der Investoren so weit reicht, ist noch völlig offen.

Ed Whitacre, der letzte GM-Vorstandchef, hatte deshalb gefordert, dass sich Washington auf einen Schlag zurückziehe - auch um den lästigen Spitznamen "Government Motors" loszuwerden. Doch die Höhe des Staatsanteils machte das unmöglich.

Rekordumsätze für 2010

Weshalb die aktuelle Lösung eher aussieht wie eine Sanierung per Kapitalbeteiligungsgesellschaft. Kein Wunder: Rattner ist ein Gründer der Private-Equity-Gruppe Quadrangle, und GM-Chef Akerson war zuvor Top-Manager bei Carlyle.

Wie stabil GM aber ohne diese Handreichung des Staats und der Firmenjäger wäre, bleibt Gegenstand heftigster Debatten. "Diese IPO beweist, dass GM nachhaltige Lebensfähigkeit hat und außergewöhnlich gut für die Zukunft positioniert ist", erklärt Rattner - bevor er an diesem, für ihn jedenfalls zwiespältigen, Vormittag ganz schnell von der Bildfläche verschwindet.

Nicht alle sind dieser Meinung. "Ich stelle das, was wir hier sehen, sehr in Frage", schreibt Dan Ikenson im Wirtschaftsmagazin "Forbes". Rattner und seine Kollegen seien offenbar "blind" für die Tatsache, "dass die Wirtschaft weiter im Morast steckt". Die staatliche Wiederbelebung von GM habe "die Grenzen der Legalität gestreift" und es von einem Schicksal bewahrt, "das es verdiente".

GM dagegen prahlt mit seinem neuen Geschäftsmodell - schlanker, schneller, stärker. Die vor der NYSE schräg geparkten Vorzeigemodelle symbolisieren die Hoffnung des Konzerns, der vier seiner acht alten Traditionsmarken verschrottet hat. Der Volt, das erste Elektroauto in Massenproduktion, wurde am Tag vor der IPO vom Fachblatt "Automobil" zum "Auto des Jahres" gekürt.

Die aktuellen Umsatzzahlen belegen die neue Stärke. In den ersten drei Quartalen 2010 verdiente GM 4,2 Milliarden Dollar und hat sich mit 19 Prozent Marktanteil auf Platz eins der geschrumpften US-Autobranche behauptet. Für 2010 stehen Rekordumsätze an. Doch ohne die Finanzspritze, die GM von seinem Schuldentumor befreite, wäre das natürlich nicht gelungen.

Und es bedeutet kaum das Ende der staatlichen Einmischung in die US-Wirtschaft . Die Rechnung dieser kontroversen Politik ist längst noch nicht geschrieben. So dürften zum Beispiel die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac weitere 19 Milliarden Dollar brauchen.

"Dies ist kein Sieg", warnt selbst GM-Amerikachef Mark Reuss, der das geradezu trunkene Geschehen des Tages auf dem Börsenparkett verfolgt. "Das einzige, über das wir uns heute freuen können, ist, dass wir Fortschritte machen - und dass der Steuerzahler uns eine zweite Chance gegeben hat."

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