GM-Sanierungsplan Opel-Betriebsrat Franz wütet gegen GM

Bei Opel verhärten sich die Fronten: Wütend weist Betriebsratschef Franz die Ankündigung von General Motors zurück, mehr als 5000 Jobs in Deutschland zu streichen. Die Konzernmutter sei ihrer Informationspflicht nicht nachgekommen - man werde sich "anwaltlich vertreten lassen".
GM-Sanierungsplan: Opel-Betriebsrat Franz wütet gegen GM

GM-Sanierungsplan: Opel-Betriebsrat Franz wütet gegen GM

Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

Nick Reilly behauptet wirklich, er habe die konkreten Zahlen nicht dabei. Dabei ist es die wichtigste aller Fragen. Völlig klar, dass sie als erstes gestellt wird auf dieser spontanen Mini-Pressekonferenz im Adam Opel Haus. "Wie viele Arbeitsplätze sollen in Deutschland gestrichen werden?" Der neue Europa-Chef von General Motors (GM) zögert. Guckt sinnierend, als grabe er in den Tiefen seines Gedächtnisses.

"50 Prozent", lautet dann die Antwort. Reilly meint damit: 50 Prozent der rund 9000 Jobs, die GM in ganz Europa abbauen will. "Grob", fügt Reilly hinzu. Als ein Sprecher das ganze auf Deutsch übersetzt, korrigiert sich Reilly: "50 bis 60 Prozent." Ein Raunen geht durch die Zuhörerreihen. Also schlimmstenfalls 5400 Arbeitsplätze? Der Autozulieferer Magna, an den GM Opel bis vor kurzem noch verkaufen wollte, hatte nur 4000 deutsche Jobs auf der Streichliste. Genaue Zahlen wolle er nicht nennen, sagt Reilly. Weil ja noch nichts endgültig beschlossen sei.

Ähnlich konfus muss wohl auch Reillys Treffen mit den europäischen Betriebsräten kurz zuvor abgelaufen sein. Klaus Franz, der oberste Arbeitnehmervertreter von Opel in Deutschland, jedenfalls gibt sich stinksauer als er kurz nach Reilly ebenfalls vor Journalisten spricht.

Das GM-Management sei gegenüber den Arbeitnehmervertretern der europäischen Werke seiner Informationspflicht "in keinster Weise nachgekommen", wettert der Opel-Betriebsratschef. Kein Handout, stattdessen seien ein paar Charts "mit belanglosen Informationen drauf" gezeigt worden. Man werde sich "anwaltlich vertreten lassen müssen", motzt Franz.

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Hinzu kommt: Beim Thema Jobabbau war Reilly den Arbeitnehmervertretern gegenüber offensichtlich doch konkret. 2710 Stellen in Rüsselsheim stünden auf der Streichliste, rechnet Franz vor, 1799 in Bochum, 300 in Eisenach und 300 in Kaiserslautern. Natürlich werde man das nicht akzeptieren, sagt Franz, dessen Augen rot unterlaufen sind. Er werde den Schulterschluss mit der Regierung suchen.

Sorgsam inszenierte Harmonie

Reilly hat sich bei der Inszenierung seiner Deutschlandtour offensichtlich ein bisschen verrechnet. Dabei hatte es so gut angefangen für ihn. Am Vormittag hatte Reilly, ein ruhiger, gutmütig wirkender Mann mit weißem Haar, bei der Politik gut Wetter gemacht. Im Laufe des Tages wurde geschickt vermittelt, dass GM entgegen aller Befürchtungen nun doch kein einziges deutsches Werk schließen will.

Die frischgebackene thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU), die am Mittag ihren Auftritt mit dem Gast aus den USA hatte, konnte ob dieser guten Nachrichten gar nicht genug strahlen. Gerade hat das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle vorgerechnet, dass die Schließung des Eisenacher Werks in Deutschland rund 22.000 weitere Jobs gefährden würde, allein 2500 in der direkten Umgebung der Stadt.

Als Reilly nun am Mittag gefragt wird, ob die angedachte Zweijahrespause für das Werk in Eisenach denn auch vom Tisch sei, nickt Lieberknecht deshalb schon eifrig, als sich der GM-Manager noch die Übersetzung von der Dolmetscherin ins Ohr flüstern lässt. Der Standort, der nach Informationen der "Sächsischen Zeitung" 2008 ein Defizit von 569 Millionen Euro schrieb, sei "wettbewerbsfähig", sagte Reilly brav, das Werk solle 2012 wieder mit voller Kapazität arbeiten.

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) durfte schon zuvor an Reillys Seite verkünden, dass in Rüsselsheim zumindest keine betriebsbedingten Kündigungen zu erwarten seien. Und natürlich wurde noch einmal die jüngste Aufwertung des Standorts gefeiert. "Wir haben unseren europäischen Hauptsitz nach Rüsselsheim verlagert. Das zeigt, wie wichtig dieser Standort für uns in Zukunft sein wird", sagte Reilly.

Experten kritisieren GMs Sanierungspläne

Reillys Deutschland-Trip war bis zum Nachmittag sorgsam inszenierte Harmonie - und die Politik reagierte dankbar. Sie deutete öffentliche Hilfe für GM bei der Sanierung an, die laut Reilly insgesamt 3,3 Milliarden Euro kosten soll. Die Rating-Agentur Moody's allerdings taxiert den Bedarf auf bis zu 8,5 Milliarden Dollar.

Der hessische Landeschef Koch etwa sagt, dass dem Unternehmen keine "Sonderbehandlung" in dieser Frage zustehe. Ein kategorisches Nein, wie es Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) jüngst ausgesprochen hat, hört sich anders an. Der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Hendrik Hering sagte der "Thüringer Allgemeinen" sogar, sein Bundesland sei grundsätzlich zur Unterstützung bereit. "Wenn wir das Konzept geprüft haben und es tragfähig ist, dann sind wir auch bereit, da etwas zu machen."

Reilly macht keinen Hehl daraus, dass er auf Hilfe aus den öffentlichen deutschen Kassen baut. Er sei "hoffnungsvoll", Geld von den europäischen Regierungen zu bekommen, sagt er. Für Deutschland rechne er damit, dass sich die Bundesregierung und die Länder zusammentun. Das Kalkül ist schlicht: Je mehr Länder um ihre Standorte kämpfen, desto mehr Töpfe stehen zur Verfügung.

Ob das sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt. Stefan Bratzel, Professor an der Fachhochschule Bergisch Gladbach spricht von einer "Scheibchenstrategie": "Man streicht überall ein bisschen - dabei müsste GM eigentlich klare Schwerpunkte setzen." Eine gewisse Mindestgröße sei für ein Werk schon wichtig, um profitabel zu sein, "schon allein wegen der steigenden Logistikkosten". "Für eine langfristige Tragfähigkeit von Opel ist dieser Grundansatz nicht richtig", so das nüchterne Fazit des Experten. Autoexperte Willi Diez sagt gar, um Opel zu retten, müsse General Motors "ein Werk schließen".

Franz lädt zur PK um vier - Reilly spricht spontan zehn Minuten vorher

Doch unabhängig davon, wie wirtschaftlich die Entscheidung ist, alle deutschen Werke zu erhalten: Nach dem Eklat am Mittwochnachmittag ist ohnehin unklar, ob Reillys Charme-Offensive in Deutschland Erfolg haben wird. Franz ist ein Gegner, den man nicht unterschätzen sollte. Seine Verbindungen in alle Bereiche der Politik sind exzellent - auch wenn das Image des streitbaren Arbeitnehmervertreters mit dem charakteristischen Schnauzer angekratzt ist, seit der Magna-Deal platzte.

Schon am Mittag gleitet Reillys Besuchstheater ins Bizarre ab. Franz hat bereits am Vortag eine Pressekonferenz um 16 Uhr angekündigt - Reilly zieht nach, lädt die angereisten Journalisten spontan für 15.50 Uhr ein - ans andere Ende des riesigen Firmengeländes. Damit die Journalisten überhaupt beide Termine wahrnehmen können, muss ein Shuttlebus organisiert werden. Reilly ahnt wohl schon, dass irgendetwas schieflaufen könnte, wenn er Franz die Berichte über das Zusammentreffen von Managern und Arbeitnehmervertretern überlässt.

Entsprechend versucht er sich als Retter hinzustellen. Es gebe Leute, die hätten gefragt, ob man Opel überhaupt noch brauche, fängt er seine Rede an. Er gehöre nicht zu diesen Leuten. Sein Ziel sei ein "nachhaltiger und machbarer Businessplan". Unangenehme Nachrichten verpackt er geschickt: Für das Werk in Antwerpen sei eine "Arbeitsgruppe" eingerichtet worden, die Möglichkeiten für die Zukunft ausloten soll. Man befinde sich nun in der Konsultationsphase mit den Gewerkschaften.

Bei Franz hört sich das ganz anders an. Er sieht offenbar Deutschland gegenüber anderen europäischen Standorten benachteiligt - weil GM dort am nachsichtigsten ist, wo die meisten Zuschüsse winken. Die geplante Produktion des Opel Astra Caravan solle komplett nach Großbritannien verlegt werden, fürchtet Franz, "um dementsprechend an Staatsgelder heranzukommen".

Franz fordert nun klare vertragliche Zusagen zur Eigenständigkeit von Opel, zu einer möglichen Mitarbeiterbeteiligung, und auch die drohende Schließung von Antwerpen will er nicht akzeptieren. Die Arbeitnehmervertreter haben ihren eigenen Plan, wie Opel saniert werden könnte.

Zwei bis drei Wochen bleibt laut Reilly Zeit, um sich irgendwie zu einigen. So lange werde GM keine "einseitigen Entscheidungen treffen". Dann fügt er einen Satz hinzu, der bereits etwas weniger versöhnlich klingt: Auch den Arbeitnehmervertretern müsse klar sein, "dass es eine Zeitskala gibt, wie lange diese Diskussion andauern kann".